„Wo?“, rief Lilli.
„Bitte geht nun“, sagte der Kellner und legte seine Hand auf Marvins Oberarm.
„Ein Stück Erdbeerkuchen“, rief Marvin laut und schüttelte die Hand ab.
„Das macht 12 Euro“, mahnte der Kellner.
„Er hat sich umgezogen!“, rief Marvin. „Aber das ist Herr Hut. Eindeutig. Er hat die Tasche!“

Kannst du den Mann mit dem Codenamen „Hut“ entdecken?
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KAPITEL 05
Die Verfolgung
„Okay, der Hut steht mit der Tasche an der Ampel gegenüber vom Postamt“, rief Marvin.
Einige Gäste kicherten und schüttelten ihre Köpfe.
„Der Hut steht mit der Tasche an der Ampel“, wiederholte einer von ihnen amüsiert.
„Er hat seinen Mantel verkehrt herum angezogen und auch den Hut umgekrempelt. Ist jetzt alles lila. Auch den weißen Bart und die Haare hat er abgelegt. Sie schauen aus seiner Manteltasche“, sagte Marvin.
Augenblicklich stürmte Lilli zurück ins Innere des Cafés und die Treppe hinab. Ich hinterher. Marvin musste die Stellung noch halten und Herrn Hut beobachten, bis Lilli und ich unsere Zielperson gefunden hatten. Also musste er den Kellner hinhalten. Er nahm all seinen Mut zusammen und stellte sich vor, was Lilli jetzt wohl sagen würde.
„12 Euro für ein Stück Erdbeerkuchen?“, fragte er ungläubig.
Der Kellner deutete zur Treppe: „Ihre Freunde, Sie werden sie verlieren.“
Ja, Marvin wäre uns liebend gerne hinterhergelaufen.
Stattdessen sagte er: „Hiermit verliert man niemanden. Schon mal gesehen? So ein Ding?“
Er wedelte mit dem Fernglas.
Der Kellner signalisierte Marvin wortlos, er solle doch jetzt bitte nicht auch noch frech werden.
„Damit sieht man wie ein Adler. Selbst ich“, sagte Marvin und spähte erneut durch das Fernglas. Noch stand Herr Hut an Ort und Stelle. Nun sah Marvin auch Lilli und mich, wie wir uns einen Weg durch die Menge bahnten.
„Sehen sie? Drei Euro kostet ein Stück Erdbeerkuchen da unten“, rief Marvin dem Kellner zu. „Drei!“
Ich hatte Mühe, mit Lilli mitzuhalten. Sie wuselte sich mit viel Geschick und einer guten Portion Durchsetzungsvermögen zwischen den Menschen hindurch.
„Marvin, steht er noch da?“, fragte ich schnaufend ins Walkie-Talkie.
„Leider ja, ich reiche dich mal an ihn weiter“, antwortete er zu meiner Verblüffung. Es folgten ein paar Sekunden der Stille. „Er will nicht mit dir reden.“
„Nicht der Kellner - Herr Hut, Marvin!“
„Ach so. Ja, der steht noch da. Warte, die Ampel springt auf Grün. Er geht los.“
Lilli und ich standen jetzt vor einer geschlossenen Reihe von Ständen, die uns den direkten Weg zur Ampel blockierten.
„Links oder rechts?“, fragte Lilli ins Walkie-Talkie.
„Lassen Sie mich los“, krächzte es aus unseren Funkgeräten. Daraufhin hörten wir Marvin den Gästen des Cafés zurufen: „Ich bin Künstler! Wen darf ich zeichnen?“
„Links oder rechts?“, wiederholte Lilli ungeduldig.
„Rechts! Rechts rum!“, rief Marvin schließlich.
Wir sausten los.
„Jetzt kommt gleich ein Spalt zwischen zwei Ständen links. Da durch!“, instruierte er uns weiter.
Wir fanden die Abkürzung, quetschten uns hindurch und standen vor der Ampelkreuzung. Gerade wechselte sie zurück auf Rot.
„Das darf doch nicht wahr sein,“ ärgerte sich Lilli, als sich die dicht gedrängten Autos und Lastwagen vor uns in Bewegung setzten. Verzweifelt versuchte ich, inmitten des Verkehrs Herrn Hut auf der anderen Straßenseite auszumachen.
„Marvin? Siehst du ihn?“, fragte ich in mein Walkie-Talkie.
„Ja, er läuft die Straße runter. Jetzt biegt er in die erste kleine Gasse links ein,“ berichtete Marvin. „Und jetzt sehe ihn nicht mehr.“
Wie zwei Tiger im Käfig liefen Lilli und ich vor der roten Ampel nervös auf und ab. Als sie endlich auf Grün wechselte, rannten wir los. Erst die gegenüberliegende Straße entlang und dann links in die kleine Gasse hinein.
Der Lärm der Stadt verebbte und die hohen Hauswände spendeten einen kühlen Schatten. Einige wenige Türen führten in die Treppenhäuser und Wohnungen der beidseitig verlaufenden Gebäude. Ein Blick nach oben fiel auf Balkone, die teils zum Trocknen von Wäsche und teils als gemütliche Ruheoasen genutzt wurden. Am anderen Ende der vor uns liegenden Gasse sah man wieder den Verkehr im hellen Sonnenschein vorbeiziehen.
Von unserer Zielperson war nichts mehr zu sehen.
„Wir haben ihn verloren! Ich glaube es nicht“, rief Lilli verärgert.
„Warte,“ sagte ich zu Lilli. „Ich glaube, er ist in eines der Gebäude gegangen.“

Warum dachte ich, der Verdächtige sei in eines der Gebäude gegangen? Und in welches?
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KAPITEL 06
Die Diebeshöhle
Rings um die Pfütze aus Waschwasser sah man Abdrücke von Schuhen. Die Personen mussten sie vor kurzem erst durchschritten haben. Neben einer Fußspur erkannte man kleine runde Flecken. Letztere stammten vermutlich von einem Gehstock. Herr Hut hatte das Treppenhaus hinter der blau gestrichenen Tür betreten.
„Die Scheiben beim zweiten Balkon sind mit Zeitungspapier verkleidet,“ flüsterte ich.
„Da will jemand nicht, dass man in die Wohnung schauen kann,“ sagte Lilli.
Ich sprach in mein Walkie-Talkie: „Marvin? Wir haben die Wohnung vom Hut gefunden. Wir holen jetzt die Polizei.“
„Gut“, krächzte es zurück. „Ich muss hier nur noch schnell wen fertig zeichnen.“
Kurze Zeit darauf hatte sich Marvin wieder zu uns gesellt und wir standen gemeinsam mit einer Polizistin und einem Polizisten vor dem Wohnungseingang im zweiten Obergeschoss, hinter dem wir das Versteck von Herrn Hut vermuteten. Durch die Tür hörte man Geräusche. Gespannt beobachteten wir, wie die Beamtin anklopfte.
„Hallo? Hier ist Polizeikommissarin Well“, rief sie.
Augenblicklich wurde es hektisch hinter der Tür. Es klang, als ob fieberhaft Dinge zusammengepackt würden. Irgendetwas polterte. Dann wurde es mucksmäuschenstill.
„Hallo?“, rief die Kommissarin erneut. „Bitte öffnen Sie.“
Lilli eilte zum Fenster des Treppenhauses, das zu der kleinen Gasse führte. Sie sah hinaus. „Er flüchtet über den Balkon!“
„Das darf doch nicht ...“, rief die Kommissarin. „Ihr bleibt hier.“
Sofort rannten die Polizisten die Treppe hinab und nahmen die Verfolgung auf. Vom Fenster aus sahen wir sie die Gasse entlang dem Verdächtigen hinterherrennen.
„Und was jetzt?“, seufzte ich, als sie außer Sicht waren.
„12-Euro-Erdbeerkuchen?“, fragte Marvin und hielt ein köstliches Stück vor unsere Nase. Wir lachten, setzten uns neben den Wohnungseingang und genossen den süßen Snack. Marvin erzählte uns, wie er den Kuchen als Gegenleistung für eine Zeichnung von einem netten Gast spendiert bekam.
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