
Abb. 1: Ziel der Lerntherapie
Die Ziffern 1 und 2 bezeichnen zwei Kinder, die kontinuierlich ein verschiedenes Leistungsniveau aufweisen. Ab dem Zeitpunkt Z steigt das Leistungsvermögen von Kind 2 weniger stark an, als es der Fall sein könnte, wenn nicht ein bestimmtes Ereignis (beispielsweise eine Überforderungssituation in der Schule oder im häuslichen Umfeld) zu wirken begonnen hätte und das Kind fortan hemmend beeinflussen würde. Wären alle Bedingungen ideal gewesen, so wäre die Linie des Leistungsvermögens gleichmäßig weiter angestiegen, wie bei Kind 1 der Fall. Kind 2 entfaltet also nicht sein volles Potenzial. Aufgabe der Lerntherapie ist es, die Distanz, die der rechte Pfeil symbolisiert, so weit es geht zu verkleinern. Sie kann jedoch nicht die Unterschiede zwischen den beiden Kindern verringern, indem Kind 2 auf das Leistungsniveau von Kind 1 gebracht wird (linker Pfeil).
Damit eine Lerntherapie angemessen wirken kann, sollte sie integrativ, systemisch und ganzheitlich sein.
Unsere Lerntherapie ist integrativ , weil verschiedene Methoden und Arbeitsformen dazugehören, die ineinander integriert werden und so zu einem umfassenderen Ansatz in der Arbeit führen. Dies sind zum Beispiel Bewegungsübungen, Entspannungsübungen, Stärkung besonders der schöpferischen Möglichkeiten und Ressourcen, Gespräche mit den Eltern, Lernspiele, Brain Gym, Kreativitätstechniken, Einüben sozialer Fertigkeiten, die Arbeit am Symptom und anderes mehr.
Unsere Lerntherapie ist systemisch , weil das Kind, das die Schwierigkeiten zeigt, immer in einem sozialen System steht. Diesem Beziehungsgefüge, bestehend aus Eltern, Erziehern, Lehrern, Verwandten, Mitschülern, Freunden usw. muss die lerntherapeutische Arbeit Rechnung tragen. Das menschliche Miteinander ist essenziell für jeden Menschen, von Geburt an und das ganze Leben lang. Einerseits gestalten wir unsere Beziehungen, andererseits wirken die Menschen, mit denen wir zu tun haben, auf uns. In schwierigen Situationen sollte daher das soziale Umfeld einbezogen werden. Bei lernschwachen Schülern ist es zum Beispiel oft wichtig, Verständnis für die Situation des jeweiligen Kindes bei den Eltern zu wecken und gemeinsam zu erarbeiten, wie sie ihrem Kind am besten helfen können.
Unsere Lerntherapie ist ganzheitlich , weil das Kind in seiner Ganzheit als Mensch gesehen wird, also mit seinen geistigen Fähigkeiten, seinen seelischen Eigenschaften und Bedürfnissen und seinen körperlichen Gegebenheiten. Entsprechend muss eine Lerntherapie auf allen Ebenen ansetzen, indem sie Geist, Seele und Körper gleichermaßen anspricht. Der integrative Mix der lerntherapeutischen Arbeitsmethoden macht dies möglich.
Mit diesem Lehrbuch fokussieren wir auf die lerntherapeutische Arbeit mit Kindern im Alter zwischen sechs und etwa zwölf Jahren. Für andere Altersstufen, also Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene, wäre die Konzeption anders; es wären dann andere Lerntheorien Grundlage, und die Entwicklungsaufgaben (Havighurst 1948; Erikson 1973; s. auch Abschn. 2.2) bzw. der kognitive Entwicklungsstand (Piaget 1972, 1974, 1976) sähen anders aus. Die grundlegenden Prinzipien gelten nach unseren Erfahrungen aber auch für die Arbeit mit Menschen anderer Altersstufen.
Unser Konzept bezieht sich somit auf den Grundschulbereich. Da ältere Schüler ab etwa der Pubertät mit einigen wichtigen der hier beschriebenen lerntherapeutischen Strategien nicht erreicht werden, ist dann möglicherweise eher eine andere Form der Begleitung wie zum Beispiel die Psychotherapie angezeigt. Dementsprechend findet dort auch kaum oder keine Elternarbeit statt, die bei den jüngeren Kindern eine große Rolle spielt. Für Jugendliche besteht eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben zum Beispiel darin, sich von ihren Eltern zu lösen.
Lerntherapie ist keine Nachhilfe. In der Nachhilfe geht es um die Wiederholung eines bestimmten Schulstoffs mit dem Ziel, dass das betroffene Kind ihn besser beherrscht, wobei Thema ausschließlich der Stoff und nicht die Persönlichkeit und Lebenssituation des Kindes ist. Nachhilfe ist angemessen, wenn das Kind keine besonderen weiteren Schwierigkeiten im Leben hat und im Prinzip gesund ist, sich wohlfühlt, in seiner Familie gut aufgehoben ist, keinen Widerstand gegen die Schule oder das Lernen hat und lediglich in einem oder wenigen einzelnen Fächern ein konkreter Übungs- oder Erklärungsbedarf besteht.
1.1.2Warum Lerntherapie systemisch?
Die systemische Therapie ist aus der Familientherapie entstanden und entwickelt sich fortlaufend weiter. Wir möchten kurz ihre theoretische Basis und die wichtigsten Prinzipien ihrer Arbeit skizzieren. Sie beruht auf systemtheoretischen Ansätzen, der philosophischen Position des Konstruktivismus und kommunikationstheoretischen Erkenntnissen.
Systemtheorien beschreiben den Menschen und das menschliche Zusammenleben bis hin zur Gesellschaft unter dem Blickwinkel eines ständigen Austausches und des permanenten In-Beziehung-Seins der einzelnen Elemente des jeweiligen Systems. Die Elemente, die ein System bilden, haben also dauernd wechselseitig miteinander zu tun und reagieren aufeinander. Gleichzeitig sind sie eine nach außen hin abgrenzbare Einheit, das heißt, man kann klar zwischen dem System als Bündel von Elementen einerseits und seiner Umwelt andererseits unterscheiden. Das System »Familie« zum Beispiel besteht aus den Familienmitgliedern (Eltern/Kindern), die miteinander sprechen, Dinge zusammen tun, miteinander streiten usw. und die eine wahrnehmbare Einheit gegenüber ihrer Umwelt, also Nachbarn, Verwandten, Freunden, Schule etc. bilden. Menschen sind immer Elemente verschiedener Systeme, ein Kind gehört zum Beispiel nicht nur zu einer Familie, sondern auch zu den Systemen »Schulklasse«, »Clique«, »Sportklub« usw. In jedem System gelten andere »Spielregeln«, sodass ein Mensch sich immer etwas unterschiedlich verhält und unterschiedlich fühlt, je nachdem, in welchem System er sich gerade aufhält. Von besonderer Bedeutung ist weiterhin die Eigenschaft von Systemen, sich selbst am Leben zu erhalten. Zwar können sie auch zerfallen, aber in der Regel ist ihre natürliche Tendenz, sich selbst zu erhalten. Die fortwährende innere Dynamik von Systemen macht dies möglich.
Der Konstruktivismus hat als eine wesentliche Aussage, dass es keine Rolle spielt, ob es eine »wirkliche Welt«, also objektive Gegebenheiten, gibt oder nicht. Entscheidend ist, wie wir die Welt individuell (subjektiv) wahrnehmen. Wir konstruieren uns unsere Welt. Die Volksweisheit »Schönheit liegt im Auge des Betrachters« ist ein Beispiel dafür: Eine Blume ist nicht objektiv schön. Der Mensch, der sie wahrnimmt, schreibt ihr Schönheit zu. Oder er tut es nicht, wenn er sie nicht leiden mag. Für jeden Menschen sieht die Welt anders aus, abhängig von seinen Erfahrungen, Bedürfnissen, Werthaltungen usw. Das heißt auch, dass es kein objektives »Richtig« oder »Falsch« gibt. Was für mich gilt und richtig ist, muss deshalb nicht unbedingt auch für mein Gegenüber gelten. Vielleicht sieht der andere die Dinge anders, daher ist für ihn etwas anderes richtig.
Kommunikationstheorien beschäftigen sich damit, wie Menschen kommunizieren. Kommunikation ist wesentliche Voraussetzung für das Fortbestehen eines Systems. Damit das System erhalten bleibt, müssen die Elemente in Austausch miteinander sein. Zwischen Menschen geschieht das durch Kommunikation, im Wesentlichen durch die gesprochene Sprache, aber auch durch Schriftsprache, Körpersprache, Körperkontakt, Übergabe von Gegenständen und anderes mehr. Im therapeutischen Zusammenhang sind zum Beispiel eingefahrene Kommunikationsmuster, Missverständnisse, Tabus, Schwierigkeiten, etwas auszudrücken, Fragetechniken usw. von Bedeutung.
Читать дальше