Störungen des Tastsinns und psychosomatische Aspekte von Hautleiden
Nervenentzündungen oder -verletzungen, Multiple Sklerose, chronische Stoffwechselerkrankungen der Niere, Diabetes mellitus, toxische Umweltvergiftungen oder psychische Leiden können zu Störungen des Tastempfindens führen.
Der Neurobiologe António Damásio nennt die Haut »das größte aller Eingeweide« im Körper. Bei seelischen Belastungen führt die Verengung oder Erweiterung von Blutgefäßen unter der Haut dazu, dass sich »peinliches Erröten« zeigt.
In der »Psychosomatik der Haut« wird beobachtet, dass etwas zu sehr »irritiert«, »(zu) hautnah geschieht«, unbewusst »unter die Haut gegangen ist«, sodass es notwendig sei, »sich seiner Haut zu wehren« oder »seine Haut zu retten«.
Selbst zugefügte Hautverletzungen durch Ritzen und Schneiden sind bei sogenannten Borderline-Störungen häufig. Sie bringen diesen Menschen eine vorübergehende Entlastung und werden nicht in suizidaler Absicht ausgeführt (Ulrich Sasse).
Bei chronischen Überlastungen und unbewusstem Abwehrverhalten kann sich dieses mit Juckreiz paaren. Neurodermitis drückt sich in Rötung und Verfärbungen der Haut sowie in Schuppungen und unbewusst in Widerwillen und Ängsten vor Berührungen aus. Im Rahmen von psychotherapeutischen Konfliktklärungen habe ich beobachten können, wie dies für von Neurodermitis betroffene Menschen am eigenen Leibe nachvollziehbar wurde. Mit nachlassender Anspannung und Ängstlichkeit gingen die Krankheitszeichen ihrer Haut zurück. Bei manchen Behandlungen von Hauterkrankungen ist neben dem Auftragen von Salben, Cremes oder Puder kein direkter Berührungskontakt möglich. Hier kann die »Therapeutic Touch«-Methode möglicherweise helfen, eine »indirekte« Form der Berührung, die mit einem über die materielle Grenze der Haut hinausgehenden, »energetischen Feld« des menschlichen Körpers arbeitet. Durch systematische Streichbewegungen soll dieses »energetische Feld« der Haut heilsam beeinflusst werden. Auch wenn diese Phänomene wissenschaftlich noch nicht schlüssig erklärbar sind, so sind die praktisch erzielten Erfolge mit dieser Behandlungsmethode vielversprechend.
Ärztliche Berührungen
In meiner Arbeit haben Berührungen unterschiedliche Bedeutungen gehabt. Nach dem theoretischen Studium erlernte ich Techniken der körperlichen Untersuchung. Im Rahmen der körperlichen Untersuchung wurden wir auf Qualitäten der Haut wie Farbe, Durchblutung, Feuchtigkeit und Narbenbildung hingewiesen. Wir lernten unpersönlich zu untersuchen, fast wie ein verlängertes Sehen.
Die ärztliche Untersuchung des entblößten Körpers erscheint uns heute selbstverständlich. Eine ganzkörperliche Untersuchung ist in der Medizin erst schrittweise seit Beginn des 19. Jahrhunderts zur Praxis geworden. Zuvor wurde eine körperliche Untersuchung als verschroben oder gar anzüglich verstanden (Roy Porter). Lange war es üblich, dass Ärzte mit ihrem Ohr direkt auf dem Körper der Patienten dessen innere Geräusche abhörten. Einen Wendepunkt brachte hier die Entwicklung des Stethoskops durch den französischen Arzt René Laennec im Jahr 1819.
Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Österreicher Leopold Auenbrugger eine Klopftechnik zur Verwendung des Körperschalls in der Diagnostik von Hohl- und Festorganen in der medizinischen Untersuchung entwickelt. In »lauschender Berührung« (Anna Harris) lernen Ärzte und Ärztinnen die »hohl und dumpf klingenden Körperräume« zu entdecken, Strukturen von Rippen und Lunge zu finden sowie Organe und Körperhöhlen durch deren Klang und Widerhall zu vermessen.
Die körperliche Untersuchung ist eine ritualisierte Einführung in das, was es bedeutet, Arzt oder Patient zu sein. Sie bestätigt das Recht der Ärzte, fremde Körper zu berühren sowie diagnostisch oder intervenierend in deren Inneres vorzudringen.
Das Erlernen von ärztlichen Untersuchungs- und Berührungstechniken ist ein weitgehend unpersönlicher und distanzierter Prozess. Im Vordergrund der ärztlichen Berührungen stehen Objektivierung, Ethik und Hygiene. Ich erinnere mich nicht, dass während meiner ärztlichen Ausbildung über heilsame Qualitäten von Berührungen sowie über die Bedeutung von Nähe, Kontakt oder Verbindung gesprochen wurde.
Heute wird beklagt, dass die unmittelbare, körperliche Untersuchung durch den Arzt ohne Zuhilfenahme von Instrumenten zunehmend an Wert verliert. Aus technischer Perspektive wird gleichzeitig darauf hingewiesen, dass manuelle, ärztliche Untersuchungen im Vergleich zu technischen Geräten eine geringere diagnostische Genauigkeit besitzen.
Die sorgfältige ganzkörperliche Untersuchung ist auch für geübte Ärzte zeitaufwendig. Der Zeitdruck, der heute auf Ärzten lastet, drängt manuelle körperliche Untersuchungen in den Hintergrund. Welche Qualitäten und welche zwischenmenschlichen Aspekte der Arzt-Patienten-Beziehung dabei verloren gehen, ist eine Debatte wert.
Unter dem Titel »Losing touch« hinterfragen kanadischen Familienärzte den Verzicht auf körperliche Untersuchung. Damit gehe ein wichtiges Stück Vertrauen und »pathisches Wissen« verloren. Diese Ärzte sprechen von einer »judgement-based care«, einer auf erfahrenen Beurteilungen beruhenden Versorgung, die alle menschlichen Sinne einschließlich der Gefühle einbeziehe und den Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen der Patienten gebührend Aufmerksamkeit schenke. Dies könne helfen zu vermeiden, dass Ärzte vorschnell die erlebte Wirklichkeit eines spürbaren Körpers gegen die digitale Verrechnung von Körperstrukturen eintauschten (Martina Kelly u.a.).
Therapeutische Berührungen
»Die Haut ist das Organ der Grenze: Hier hört der Organismus des Individuums auf, und hier beginnt die angrenzende An- und Umwelt. So ist die Haut, da sie eine Grenzfunktion erfüllt, das Innenwelt und Außenwelt verbindende Organ. Hier geht eines in das andere über, tauscht sich eines mit dem anderen aus, wirkt eines auf das andere ein« (Hugo Kückelhaus).
Jede Berührung ist eine hautnahe Begegnung. Sie ermöglicht Kontaktaufnahme und die Überwindung von Abstand. Sie bewirkt Austausch und gegenseitige Einwirkung von zwei fremden Welten. Wie viel Durchlässigkeit an den Grenzflächen von Berührungen möglich ist, erlaubt und zugelassen oder abgewehrt wird, dies kann je nach Kontext, Situation und Person sehr unterschiedlich sein.
Die Vorsilbe »be-« ist verbunden mit »beide«. Ein Kontakt bezieht sich als »kon«- (»mit«) und »tangere« (»berühren, verbinden«) auf ein entstandenes Miteinander von zwei zuvor getrennten Einheiten. Durch tastendes Berühren (»haptisch«), erkunden, umfassen, erspüren, begreifen wir Oberflächen, Formen, Festigkeiten, Temperatur oder Gewicht eines zuvor fremden Gegenübers.
Die gezielte Arbeit mit Körperkontakt ist in der Medizin, Physiotherapie, Massage oder Psychotherapie hilfreich, kann manchmal aber auch schädlich sein. Berührungen können behutsam sein und quasi zuhörend, aber auch zupacken und gezielt eingreifen. Sie können emotional bewegen, Erregungen dämpfen, Anspannungen lösen oder heilsame Geborgenheit vermitteln.
Therapeutische Berührungen fördern bisweilen in Verbindung mit ermutigender, sprachlicher Unterstützung körperliches Gewahr werden. Bei neurotisch gestörten oder traumatisierten Menschen helfen sie, unbewusste, ursprünglich nur als Alarmzeichen gedeutete Körperempfindungen gelassener und distanzierter zu bewerten, wieder abklingen zu lassen und zu integrieren.
Oft bewirken therapeutische Berührungen zu Beginn Abwehr oder Furcht. Charlotte Selver hat vorgeschlagen, dass am Beginn von pädagogischen oder therapeutischen Berührungen stehen sollte: »Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Sie jetzt berühre?« Der Dichter Novalis schrieb: »Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschen berührt.« Auch wenn dies eine romantische Formulierung ist, so trifft sie doch den Kern des Respekts für das Gegenüber. Ähnlich betonte der Philosoph Martin Buber die Berücksichtigung der Gleichzeitigkeit einer zwischenmenschlichen »Ich-Du«-Beziehung mit einer professionellen, sachlichen »Ich-Es«-Behandlung.
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