Berührung als biologischer Prozess und als zwischenmenschliches Geschehen
Heute wissen wir immer mehr über die Zusammenhänge der Biologie der Berührung. Durch Erforschungen der Interaktionen von physikalischen und chemischen Vorgängen, Rezeptoren und Nervenleitungen sowie Wechselwirkungen zwischen Reizen und Reaktionen wird der Tastsinn zusehends entschlüsselt.
Angesichts der Faszination von naturwissenschaftlichen Berührungsforschungen werden häufig die qualitativen Unterschiede vergessen, die zwischen der »sachlich- distanzierten« Berührung von Dingen und den »komplexen, subjektiven Empfindungen« in zwischenmenschlichen Berührungen bestehen.
Die neurobiologischen Reaktionen auf Berührungsreize oder die feinen Wahrnehmungen durch unterschiedliche Rezeptoren können objektiv vermessen und beschrieben werden. Wie ein Individuum Berührungsreize aufnimmt, was diese in ihm bewirken, wie es diese erlebt, bewertet und beantwortet, lässt sich aber nicht nur in allgemeinen, linear-kausalen Regeln festhalten.
Wir empfinden Berührungen auf der Haut und im gesamten Körper. Wissenschaftler unterteilen diese Wahrnehmungen in »Extero-, Intero- und Propriozeption«. Diese unterschiedlichen Prozesse werden ständig abgeglichen und integriert. Wie dies geschieht, ob über die »Seele«, einen »Gemeinsinn«, der sich aus dem »Berührungsgefühl« ableiten könnte, oder über neurobiologische Netzwerke im Gehirn mittels einzelner Strukturen wie etwa dem »Inselorgan« (Insula), darüber gehen die Ansichten auseinander.
In zwischenmenschlichen Berührungen sind individuelle Lebensgeschichten und soziokulturelle Lebenszusammenhänge wichtig. Diese bewegen sich zwischen Extremen wie »Berührungsmangel und Berührungshunger« auf der einen Seite sowie »Berührungsübergriffen und Berührungsängsten« auf der anderen. In öffentlichen Debatten finden sich sowohl Positionen für die gesundheitsfördernden Wirkungen von heilsamen Berührungen als auch solche, die vor traumatischen und krankmachenden Folgen von gewaltsamen Berührungen warnen. Als Folge zunehmender sozialer Vereinzelung wird mehr Berührungsmangel beklagt. Mit »käuflichen oder therapeutischen Dienstleistungen« kann dem nur begrenzt abgeholfen werden.
Haut und Berührung in der Umgangssprache
Die Haut ist eine persönliche »Grenze«. Man fühlt sich »in seiner Haut wohl« oder »unwohl«, möchte »mit heiler Haut« davonkommen, oder man »fürchtet sich um seine Haut«. In Anlehnung an das Tierreich wird die Haut auch als »Fell« oder »Pelz« bezeichnet, wenn man jemandem »den Pelz waschen« oder »das Fell über die Ohren ziehen« möchte. Manchmal steht die Haut als pars pro toto für den ganzen Menschen. Wir sprechen von einer »ehrlichen Haut« oder einer »feigen Haut«. Sensible Menschen nennen wir »dünnhäutig«. Unempfindliche, belastbare Menschen haben dagegen ein »dickes Fell«. Manche Menschen müssen vorsichtig und »mit Samthandschuhen« angefasst werden.
Wer engagiert ist, der tut etwas »mit Haut und Haaren«. »Nicht aus seiner Haut herauszukönnen« bedeutet, dass es einem schwerfällt, sich zu ändern. Wenn ein anderer Mensch Probleme hat, dann möchte man »nicht in seiner Haut stecken«. Ärger kann einem das Gefühl verschaffen, dass man »aus der Haut fahren« möchte. Bei starken Emotionen läuft einem »ein Schauer über die Haut«, man bekommt eine »Gänsehaut« und »etwas geht einem unter die Haut«. Jemandem, der unnötig Streit sucht, »juckt das Fell«. Wer sich verteidigt, »wehrt sich seiner Haut« oder »verkauft seine Haut so teuer wie möglich«. In schwierigen Situationen, aber auch im »leichten Gewerbe«, »trägt man seine Haut zu Markte«. Leicht bekleidete Frauen »zeigen zu viel Haut«. Wer stark abgemagert ist, ist »nur noch Haut und Knochen«. Der innere Gemütszustand lässt uns »erröten, erblassen oder erbleichen«.
Berühren »rührt an«, bewegt äußerlich und innerlich. Es wird umschrieben als »Anfassen, Anlangen oder Angreifen«. Berührungen können »beruhigen, besänftigen, aufregen, aufwühlen, bewegen, erschüttern, mitnehmen, nahegehen« oder »einen nicht tangieren«. Was einen »tief berührt«, »rührt einen manchmal zu Tränen«. Was schiefläuft, kann »peinlich berühren«. Man kommt mit anderen Menschen oder Dingen »in Berührung« – »versehentlich, zufällig, behutsam, zart, leicht oder derb«. Was anrührt, kann »rührselig« und übertrieben »gefühlvoll« werden. Wenn man etwas »kurz streift«, dann heißt es, man habe das »Thema berührt«.
»Tasten« ist eine eher behutsame, vorsichtige, prüfende, nach Erkenntnis strebende Berührungsqualität. Sie wird beschrieben als »ab-, an-, be-, er-, heran-, entlang-, voran- oder vortasten«. Unsensible Tastversuche nennen wir »befingern, befummeln, betatschen oder begrapschen«. Das englische Wort »to taste« stammt aus der gleichen sprachlichen Wurzel wie das deutsche »tasten«. Es bedeutet zugleich auch »schmecken und kosten«.
Je nach der eigenen »Berührungsgeschichte« ist man bei zwischenmenschlichen Kontakten, »gerührt«, »ergriffen«, »gefasst« oder findet etwas »unfassbar«. Es geht um das »An- oder Zupacken«. Für die erkennende Vernunft verwenden wir den bildlichen Begriff des »Be-greifens«.
Die naturwissenschaftliche Erforschung des Tastsinns
Bereits 1741 hatte der Anatom Abraham Vater erstmals auf kleine Sinnesrezeptoren für Vibration und Erschütterungen in der Haut hingewiesen. Diese wurden 1836 vom Anatomen Filippo Pacini differenziert beschrieben und schließlich als »Vater-Pacini-Körperchen« benannt. Weitere feingewebliche Untersuchungen brachten die »Mechanorezeptoren« des Tastsinns ans Licht. 1852 beschrieb der Anatom Georg Meissner die »Meissnerzellen«, die als »Druckrezeptoren« fungieren. 1875 fand der Anatom Friedrich Merkel die »Merkelkörperchen«, die eine weitere Gruppe von »Druckrezeptoren« in der Haut darstellen. »Dehnungsrezeptoren« der Haut und in den Gelenken wurden 1896 vom Anatomen Angelo Ruffini beschrieben. Zusammen mit den später entdeckten »freien Nervenendigungen« für die Wahrnehmung von Temperaturunterschieden betreffen all diese Rezeptoren aktive Tastwahrnehmungen, vor allem in Oberflächen von Händen, Fingern und Fußsohlen. Solche Rezeptoren wurden inzwischen auch auf den Oberflächen der inneren Schleimhäute, Organe und Knochen entdeckt.
Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Anatom und Physiologe Ernst H. Weber, der als Begründer der Psychophysik gilt, geschrieben: »Als haptische Wahrnehmung bezeichnet man das ›Begreifen‹ im Wortsinne, also die Wahrnehmung durch aktive Exploration im Unterschied zur taktilen Wahrnehmung, bei der das berührte Objekt unbewegt bleibt.« Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Biologe Ernst Haeckel entdeckt, dass bereits einzellige Organismen auf chemische und haptische Reize reagieren, obwohl sie noch kein Nervensystem besitzen. Er sprach davon, dass diese »Fluchtreaktionen« der Einzeller ein »internes Abbild zur Erhaltung des eigenen Organismus« voraussetzen. Auch Ernst Haeckel vermutete den Ursprung aller Sinne in der Haut.
Die Haut als »Sinnesorgan«
Unsere Haut ist die knapp zwei Quadratmeter große Hülle des Körpers. In unterschiedlicher Dichte beherbergt sie viele Hundert Millionen unterschiedlicher Fühler (»Rezeptoren«). Diese benachrichtigen uns über Berührungen und unterschiedliche physikalische Phänomene wie Hitze, UV-Strahlung, mechanischen Druck oder Reibungen. Unsere Haut ist Teil der Regulierung des Wasser- und Temperaturhaushalts unseres Körpers. Sie bietet chemischen Schutz und ist mit einem Fettfilm überzogen, der Säuren abmildert. Die intakten Strukturen der Haut verhindern das Eindringen von Mikroorganismen. Wir wissen heute, dass sich auf der Oberfläche unserer Haut, inklusive unserer inneren »Schleimhäute«, mehr fremde Zellen befinden, als wir insgesamt eigene Zellen haben. Dieses symbiotische Zusammenleben mit anderen Lebewesen ist für uns »überlebenswichtig. Andere Mikroben können uns gleichzeitig bei Abwehrschwächen oder Verletzungen der Haut bedrohen. Dann ist es umso wichtiger, dass diese rasch von anderen Zellen »repariert« werden. Im Rahmen der Immunabwehr hat die Haut wichtige Aufgaben.
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