Die embryonale Entwicklung von Haut und Tastsinn
Jede einzelne Zelle ist dazu in der Lage, physikalische oder chemische Veränderungen an der eigenen Oberfläche zu registrieren und sich durch Eigenbewegungen an diese anzupassen. Der Biologe Gregory Bateson hat poetisch angemerkt, dass jede Zelle mit den anderen Zellen durch Berührungen zusammenarbeite. Man könne fast sagen, dass sie sich umarmen.
Die biologische Entwicklungsgeschichte (Embryologie) der Haut und des Hautsinnes beginnt mit der Ausbildung der Keimblätter des menschlichen Embryos. Aus der äußeren Haut, dem Ektoderm, entwickelt sich die obere Schicht, die Epidermis. Aus dieser Schicht entwickelt sich auch das Nervengewebe. In einem langen Prozess von Zellwanderungen werden unterschiedliche Fühler (Rezeptoren) für Druck, Wärme und Schmerz sowie das »Jucksystem« in die darunterliegende Schicht des Mesoderms (mittlere Haut) ausgebildet. Im subkutanen Gewebe, der Unterhaut, bilden sich versorgende Blutgefäße und das Fettgewebe zur Flüssigkeits- und Wärmeregulierung.
Embryologische und Ultraschalluntersuchungen konnten zeigen, dass der nur knapp zweieinhalb Zentimeter große Embryo bereits ab der achten Schwangerschaftswoche mit einer Ganzkörperbewegung auf Berührungsreize in einem Lippenbereich reagiert. Diese Fähigkeit, die noch vor der Ausbildung aller inneren Organe existiert, kann als biologischer Beweis dafür gelten, dass sich das Tastsystem als erstes Wahrnehmungssystem entwickelt und sich frühzeitig enge Verbindungen zwischen Empfinden und Bewegen entwickeln. Bis zur 14. Schwangerschaftswoche dehnt sich diese Berührungssensibilität auf alle Körperregionen des Embryos aus. Ab der 12. bis 13. Schwangerschaftswoche sind bei ihm zielgerichtete Greifbewegungen der sich ausbildenden Hände zu beobachten. Diese Greifbewegungen finden unter Ausschluss jeglicher visueller Information statt.
Der Berührungsforscher Martin Grunwald hat die Entwicklungsbewegungen und Berührungserfahrungen des Embryos dargestellt (Martin Grunwald, 2017). Er geht davon aus, dass tastbasierte Erfahrungen des Embryos eine basale »neuronale Matrix im Gehirn« bilden. Im mütterlichen Fruchtwasser erfährt sich der bewegende Embryo mithilfe seines Tastsinns als Organismus im Raum und entwickelt ein erstes Körperschema. Berührungen sind eine wichtige Bedingung für zielgerichtete Bewegungen der Körperglieder. Winzige Sensoren in Haut, Muskeln, Sehnen und Gelenken senden auch im Ruhezustand ständig elektrische Impulse aus, die über die Positionen und die Lage der Körperglieder informieren. Berührungserfahrungen können als Bezugspunkte für die anderen Sinnessysteme dienen.
Die zahlreichen Selbstberührungen des Embryos können als Beruhigungsmöglichkeiten verstanden werden. Vor allem die Mundregion, die besonders dicht mit Tastrezeptoren und Bewegungsmöglichkeiten versehen ist, wird vom wachsenden Embryo betastet und bewegt, auch als Vorbereitung auf die Nahrungsaufnahme nach der Geburt.
Vor der Geburt bilden Zellen der Haut die sogenannte Käseschmiere, die die Haut des Embryos vor möglichen Schädigungen durch das Fruchtwasser schützt und als Gleitfilm für den Geburtsvorgang dient.
Nach der Geburt dienen tastende Erforschungen vor allem der Mundregion dem Säugling als Bezugspunkte seiner weiteren Bewegungsentwicklung. Die Berührungen zwischen ihm und der Mutter tragen zur Entwicklung seines psychischen Befindens bei. Aus phänomenologischer Sicht hat der Psychiater Thomas Fuchs darauf verwiesen, dass die Erfahrung des Widerstands in der Berührung hilft, die eigenen körperlichen Grenzen, den Übergang »vom Leib zum Körper« als eigenem »Körperschema« zu entwickeln. »An den Grenzen der gespürten Leiblichkeit taucht das zentrale Phänomen des Widerstands auf: In Berührung, Druck oder Stoß, beim Kauen oder Schlucken, bei der Defäkation, als Gegenrichtung des Bodens im Liegen oder Stehen. Widerstand bedeutet Gegenwirkung zu einer vordringenden leiblichen Richtung«. Tastend begegnen wir dem »anderen«, das uns zugleich fremd und verwandt scheint. Das »Fremde«, das uns berührt und das wir berühren, hinterlässt in uns »Eindrücke«. Diese sind nicht nur mechanisch, sondern haben auch Gefühlsqualitäten. Berührungsreize vermischen sich mit anderen Sinneswahrnehmungen und Gedächtnisinhalten, mit Handlungsabsichten, Erwartungen und Gefühlsbewertungen.
Psychobiologische Konsequenzen von Nähe und Berührung
Biochemie und Neurochemie waren die Grundlagen für die Arbeiten des Primatenforschers Harry Harlow. Mithilfe von technischen »Surrogat-Müttern« konnte er erstmals die fundamentale Bedeutung von mütterlicher Berührung und Zuwendung für die Entwicklung des Wachstums von Säuglingen nachweisen. Seine Forschungen über »Kontakttröstungen« bei jungen Primaten zeigten, dass Berührungen ein hochwirksamer, biologischer Ausdruck von mütterlicher Liebe sind. Seine Mutter-Kind-Experimente mit Affenbabys förderten wichtige Umwälzungen in der Psychologie des 20. Jahrhunderts.
Der Zeitgeist der Laborforschung war in den 50er-Jahren stark von technischen Apparaturen dominiert. In diesen Forschungen zur existenziellen Bedeutung von körperlicher Berührung wurden viele Jungtiere durchaus malträtiert, um dadurch größere Aufmerksamkeit für die Bedeutung der behutsamen Erziehung von Menschenkindern zu ermöglichen (Donna Haraway). Harlows Arbeiten wurden wegen ihrer drastischen Forschungsmethoden auch kritisiert. Sie fanden jedoch in einem kulturellen Klima statt, in dem von wissenschaftlicher Seite noch häufig und lautstark eine »distanzierte« mütterliche Liebe für notwendig befunden wurde. Sie sollte stattdessen auf einer »neutralen Nähe« basieren, denn zu viele Berührungen, so hieß es, würden kleine Kinder nur »verweichlichen« und »Abhängigkeitsprobleme erzeugen«.
Der Psychologe und Endokrinologe Seymour Levine konnte nachweisen, dass die Trennung junger Primaten von ihren Müttern zu erheblichen pathologischen Veränderungen ihrer Stresshormone führte. Wenn die jungen Primaten anschließend mit ihren Müttern wieder vereint wurden, zeigte sich rasch eine Rückentwicklung der ausgeschütteten Stresshormone sowohl bei den Jungen als auch bei ihren Müttern. Weitere Arbeiten der Berührungsforschung zeigten, dass Frühgeborene, die mehrmals am Tag für einige Minuten sanft massiert werden, deutlich schneller an Gewicht und Kraft zunehmen. Diese Berührungen fördern eine schnellere Reifung des Nervensystems.
Schritt für Schritt wurden Berührungen immer mehr als wichtiger Faktor des menschlichen Überlebens verstanden. Forschungen über die Wechselwirkungen der Mutter-Kind-Beziehungen, unterstützt durch psychoanalytische Beobachtungen in der Säuglingsforschung (John Bowlby, Rene Spitz, Daniel Stern), zeigten praktische Möglichkeiten für eine verbesserte Gestaltung des »Bindungsverhaltens« zwischen Müttern und ihren Kindern auf.
Soziologisch sind die psychobiologischen Forschungen als Teil eines sich insgesamt verändernden Klimas der amerikanischen Gesellschaft zu verstehen, das seit den späten Jahren des Zweiten Weltkriegs eine zunehmende »Psychologisierung« (Eva Illouz) der Erziehung, der sozialen Interaktionen und der Gestaltung von Arbeitsplätzen vorantrieb.
Bereits 1906 hatte der Engländer Henry Dale ein Hormon der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) entdeckt, das er nach einer griechischen Sprachableitung Oxytocin nannte, was so viel bedeutet wie »schnelle, leichte Geburt«. Er hatte die Rolle dieses Neuropeptids für den Geburtsverlauf und die nachfolgende mütterliche Milchproduktion beim Stillen erforscht. Dreißig Jahre später erhielt Henry Dale für seine Entdeckung den Nobelpreis für Medizin. Erst langsam wurde das gesamte Wirk- und Einflussspektrum von Oxytocin deutlicher, vor allem im Zusammenhang mit Berührungen, auch im Erwachsenenalter, mit Nähe, Vertrauen und Intimität. Oxytocin wird heute als »Gegenspieler« zu Stresshormonen und als mitverantwortlich für die Initiierung von »Ruhe und Verbindungsreaktionen« angesehen. Manche sprechen leicht ironisch von einer »Wunderdroge« (Stefanie Kara). Oxytocin kann die Serotonin-Freisetzung beeinflussen, was auch darauf hinweist, dass Berührungen eine wichtige Rolle in der Prävention und Therapie von Depressionen haben können.
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