Walter Thaler - Erinnerungswürdig

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Nicht irgendwer!
Man weiß in Salzburg, wer Konstanze Mozart, Herbert von Karajan, H.C. Artmann oder Carl Zuckmayer war. Wer aber war Franz
Michael Vierthaler? Oder Barbara Krafft? Oder Rosa Kerschbaumer-Putjata?
Es ist beeindruckend, was Menschen erreichen können, wenn sie sich etwas zutrauen, herrschende Tabus brechen und abgestandene
Wertvorstellungen über den Haufen werfen – oder, wenn sie weitsichtig genug sind, Entwicklungen zu erkennen und diese beschleunigen!
Viele der in diesem Buch beschriebenen Persönlichkeiten mussten sich gegen Benachteiligungen ihren Platz erkämpfen und
sich gegen die starren Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnen. Mit Mut und Zuversicht haben sie ihren Weg gemeistert
und einige sind zu Vorbildern für uns alle geworden. Manch andere der hier Porträtierten aber haben durch ihr Handeln auch großes
Unrecht begangen und sind für Leid und Tod vieler Menschen verantwortlich.
Walter Thaler hat die Lebenswege von 65 Salzburger Männern und Frauen aus drei Jahrhunderten feinfühlig nachgezeichnet – er
lässt uns teilhaben an den Höhen und Tiefen im Leben dieser Menschen. Viele Namen sind bekannt, andere wiederum sind es wert
entdeckt zu werden. Er hat Schutzschichten der Verdrängung und Verleugnung aufgedeckt, um die Geschichte gegen das Vergessen
neu auszuleuchten und in dokumentarisch-literarischen Porträts anschaulich zu machen.

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Als im Jahr 1899 eine Hochwasserkatastrophe große Teile der Stadt Salzburg verwüstet, öffnet er großzügig Schloss und Park von Kleßheim für eine Wohltätigkeitsveranstaltung und spendet selbst eine große Summe zur Linderung der Katastrophe. Ludwig tritt auch für eine unentgeltliche Krankenbehandlung in Spitälern ein, unterstützt Witwen und Waisen, richtet Armenküchen für Obdachlose ein und fördert karitative Vereine.

Sehr regen Anteil nimmt Ludwig am Kulturleben der Stadt Salzburg und wird zu einem der wichtigsten Förderer des Kunstschaffens. Daher ist er auch Protektor des neu gegründeten Salzburger Kunstvereins und des entstehenden Künstlerhauses. Er fühlt sich auch der Gemeinde Siezenheim sehr verbunden. So ist die Gründung der Volksschule Siezenheim eine Schenkung des freigiebigen Erzherzogs. Im Verlauf der vier Jahrzehnte, die er als „Verbannter vom Wiener Hof“ in Salzburg lebt, tut er mehr für die Stadt und deren Bevölkerung als jemals ein Habsburger vor oder nach ihm.

Die Homosexualität eines Mitglieds des Herrscherhauses gibt aber immer noch Anlass zu Spekulationen. Da homosexuelle Handlungen auch zu Erpressung führen können, fürchtet das Militär dahinter auch Spionage und Verrat. Daher wird den in Salzburg stationierten Offizieren verboten, Einladungen des Erzherzogs wegen dessen „unnatürlicher Neigungen“ anzunehmen.

In den letzten Lebensjahren wird beim Erzherzog Ludwig Viktor geistige Umnachtung festgestellt. Er lebt nun völlig zurückgezogen unter Kuratel in seinem Schloss Kleßheim, wo er am 18. Jänner 1919, wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stirbt. Seinem Wunsch gemäß wird er nicht in der Kapuzinergruft, sondern am Ortsfriedhof von Siezenheim bestattet. Der schlichte Grabstein trägt keinen Namen, sondern einen persönlich verfassten Dankesgruß an seinen Kaiser und seine Freunde:

„Meinem Kaiser (Franz Josef I.) Dank!

Die Seele Gott – in Buß’ und Reue,

Der starren Erde meine Hülle –

Dafür, was sie mir einst im Leben,

Den Dankesgruß an meine Freunde,

Und all den Blinden mein Vergeben,

Die, – unverdient, mir etwa Feinde.

18. Jänner 1919.“

IRMA VON TROLL-BOROSTYÁNI

1847–1912

Die Vorkämpferin der Frauenemanzipation in Salzburg

Irma von Troll-Borostyáni ist im stockkonservativen Salzburg der Jahrhundertwende, insbesondere für die patriarchal dominierte Männerwelt, ein Schreckgespenst. Schon ihre äußere Erscheinung ist im klerikal-konservativen Salzburg eine Herausforderung.

„Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen, muss wetten und wagen, das Glück zu erjagen. Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder und herrschet weise im häuslichen Kreise.“

So schreibt Friedrich Schiller in seiner Ballade „Das Lied von der Glocke“, das Generationen von Schulkindern auswendig lernen müssen. Während der Philosoph, Ökonom und Politiker John Stuart Mill in seinem 1869 erschienenen Werk „The Subjection of Women“ (Die Hörigkeit der Frau) keine der damals festgestellten Unterscheidungen in Wesen und Verhalten von Frauen und Männern als naturgegeben ansieht, da das meiste ein Produkt von Erziehung und gesellschaftlichen Strukturen sei, herrscht im übrigen Europa noch die vormoderne Gesellschaftsstruktur. „Gut erzogen galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd, und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für das ganze Leben geblieben […] Durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden , schreibt Stefan Zweig in seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“.

Irma von Troll-Borostyáni hingegen trägt Männerkleidung und einen Kurzhaarschnitt, Hemden mit Stehkragen und Masche und raucht in der Öffentlichkeit Zigarren. Sie polemisiert gegen die weibliche Erziehung und den damals einzig möglichen Beruf der Frau als Gattin. Sie fordert eine bestmögliche Ausbildung für Mädchen als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und kämpft gegen die Prostitution. Einer ihrer Kernsätze ist: Ich fühle mich unfähig, weiblich zu sein.“ Ihr maskulines Gehabe sorgt bei der spießigen Bürgerschaft der Kleinstadt Salzburg für gehörige Erregung.

Marie von Troll (so ihr Geburtsname) wird als jüngstes von vier Kindern des Zollbeamten Otto Ritter von Troll und seiner Frau Josefine von Appeltauer am 31. März 1847 im Baumeister-Rauscher-Haus in der Griesgasse 4 in Salzburg geboren. Da es für Mädchen keine Ausbildung in Gymnasien oder an der Universität gibt, bleibt nur das Benediktinerinnenkloster am Nonnberg als Ausbildungsstätte. Nach zwei Jahren im klösterlichen Ausbildungsbetrieb erkrankt das Mädchen an einem heftigen Nervenfieber. In ihrer Ablehnung des stockkonservativen weiblichen Rollenbildes lässt sie sich nun die Haare kurz schneiden und trägt fortan Männerkleidung. Sie nennt sich nun Irma, um sich von ihrem bisherigen Dasein radikal zu distanzieren. Als der Vater 1866 plötzlich stirbt, hat Marie die Wahl zwischen einer Heirat oder dem Leben als Gouvernante. Sie will Schauspielerin werden, was jedoch von ihrer Mutter und ihren Brüdern abgelehnt wird. So lässt sie sich in Wien zur Pianistin ausbilden. Neben ihrer musikalischen Ausbildung verfasst sie in der Bundeshauptstadt unter den Pseudonymen Leo Bergen oder Veritas Skizzen und Essays für diverse Tageszeitungen.

Da sie sich besonders für die Situation unterprivilegierter Frauen interessiert, geht sie in Männerkleidern und in Begleitung eines Freundes in die Wiener Prostituiertenviertel, um die Situation der Sexarbeiterinnen aus eigener Anschauung kennenzulernen. Die Prostitution ist für sie Zeichen bürgerlicher Doppelmoral und männlicher Herrschaft. Die Prostituierten rekrutieren sich vor allem aus Arbeiterinnen, die sich vor dem Verhungern retten wollen.

„Die wirtschaftliche Lage der arbeitenden Klassen im Allgemeinen und die noch ungünstigere der arbeitenden Frau führen der gewerbsmäßigen Prostitution ihre Opfer zu. Nicht ihre angeborene Lasterhaftigkeit, nicht ihr freier Wille, sondern die Peitsche des Hungers treibt sie auf die Straße, um dem nächstbesten Vorüberziehenden für ein Abendessen ihren Leib zu verkaufen“ (Die Prostitution vor dem Gesetz, zit. nach Gürtler, 196).

Ihre essayistische Arbeit steht deutlich im Vordergrund, während ihre literarische Tätigkeit vorwiegend der Popularisierung ihrer sozialpolitischen Bestrebungen und dem Gelderwerb dient. Sie ist eine der radikalsten Denkerinnen, die nicht nur für die Gleichstellung der Frau kämpft, sondern sie verlangt grundsätzlich eine Erziehung der Kinder durch den Staat und außerhalb der Familie, weil die familiäre Struktur der Familien sehr unterschiedlich ist und nur wohlhabende Familien sich die Erziehung der Kinder durch Hauslehrer und gebildete Gouvernanten leisten können.

In Budapest lernt Irma den Journalisten Nandor Borostyáni kennen, den sie heiratet. Der Ehe entstammt eine Tochter, die allerdings nach drei Jahren an Diphtherie stirbt. Da ihr Gatte beruflich sehr viel in Paris engagiert ist, entwickelt sie sich zunehmend zu einer streitbaren Vertreterin der Frauenemanzipation. Im Jahr 1878 erscheint ihr erstes Buch „Die Mission unseres Jahrhunderts – eine Studie über Frauenfragen“.

In diesem Hauptwerk stellt sie fünf Forderungen für eine humanere Form der Gesellschaft auf: Sie drängt auf die politische und soziale Gleichstellung der Geschlechter, die vollkommene und unbedingte Lösbarkeit der Ehe, die Abschaffung der Prostitution, die Reform der Jugenderziehung beider Geschlechter und die Erziehung der Kinder in staatlichen Institutionen:

„Selten dringt ein Schmerzensschrei des Weibes an die Öffentlichkeit. Die Frau hat es gelernt zu lächeln, während erstickte Tränen ihr das Herz zusammenpressen. An wen sollte sie sich mit ihren Klagen wenden? An die Frauen? Die haben nicht die Macht, ihr zu helfen. An den ritterlichen Schutz des Mannes? Der Mann erweist der Frau nur dann gern Gefälligkeiten, wenn er als deren Lohn sich durch die Frau Vorteil oder Genuss verschaffen kann. An den Staat? Ach, der Staat ist es ja eben, der die Gesetze schuf, welche die Frau der Gewalt des Mannes überliefern“ (Die Mission unseres Jahrhunderts, 58).

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