Walter Thaler - Erinnerungswürdig

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Nicht irgendwer!
Man weiß in Salzburg, wer Konstanze Mozart, Herbert von Karajan, H.C. Artmann oder Carl Zuckmayer war. Wer aber war Franz
Michael Vierthaler? Oder Barbara Krafft? Oder Rosa Kerschbaumer-Putjata?
Es ist beeindruckend, was Menschen erreichen können, wenn sie sich etwas zutrauen, herrschende Tabus brechen und abgestandene
Wertvorstellungen über den Haufen werfen – oder, wenn sie weitsichtig genug sind, Entwicklungen zu erkennen und diese beschleunigen!
Viele der in diesem Buch beschriebenen Persönlichkeiten mussten sich gegen Benachteiligungen ihren Platz erkämpfen und
sich gegen die starren Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnen. Mit Mut und Zuversicht haben sie ihren Weg gemeistert
und einige sind zu Vorbildern für uns alle geworden. Manch andere der hier Porträtierten aber haben durch ihr Handeln auch großes
Unrecht begangen und sind für Leid und Tod vieler Menschen verantwortlich.
Walter Thaler hat die Lebenswege von 65 Salzburger Männern und Frauen aus drei Jahrhunderten feinfühlig nachgezeichnet – er
lässt uns teilhaben an den Höhen und Tiefen im Leben dieser Menschen. Viele Namen sind bekannt, andere wiederum sind es wert
entdeckt zu werden. Er hat Schutzschichten der Verdrängung und Verleugnung aufgedeckt, um die Geschichte gegen das Vergessen
neu auszuleuchten und in dokumentarisch-literarischen Porträts anschaulich zu machen.

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Im Jahr 1920 wird das Schloss durch einen Brand bis fast auf die Grundmauern zerstört. In der Folge verliert die Fürstenfamilie Liechtenstein das Interesse an dem Schloss und verkauft es an die Familie Gildemeister. Heinrich Gildemeister, geboren in Peru, ist zwischen 1931 und 1942 Botschafter der Republik Peru in Deutschland. Er lässt Fischhorn durch den Architekten Karl Wolters wieder aufbauen. Damit geht aber der von Josef Wessicken praktizierte neugotische Baustil weitgehend verloren, weil viele architektonische Formmuster vereinfacht werden. Als im Jahr 1942 die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Peru abgebrochen werden, verlassen die Gildemeisters das Gut Fischhorn und reisen nach Peru. Die Nationalsozialisten beschlagnahmen nun das Schloss und unterstellen es den Parteiorganisationen der NSDAP. Es wird ein SS-Remonte-Amt, um Jungpferde zur Ergänzung des militärischen Pferdebestandes auszubilden. Es wird auch als eines der zwei Pinzgauer Nebenlager des KZ Dachau verwendet, wofür 150 Häftlinge für Bauarbeiten herangezogen werden. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wird das Schloss als Beutelager für die Kunstschätze Hermann Görings, die unter Federführung des Pinzgauers Kajetan Mühlmann in Polen und der Ukraine geraubt wurden, herangezogen. Darunter befindet sich auch ein wertvolles Kreuz aus Limoges, das sechzig Jahre nach dem Krieg durch einen Zufall auf einem Müllsammelplatz des Zeller Stadtteils Thumersbach gefunden wird. Lange Zeit geistert auch das Gerücht durch den Pinzgau, das berühmte Bernsteinzimmer aus dem Schloss Königsberg sei im Bereich des Schlosses Fischhorn versteckt worden. Nicht weniger ereignisreich, aber von geringeren Phantasmen umnebelt, ist die Geschichte des Schlosses Grubhof in St. Martin bei Lofer. Im Jahr 1890 wird Josef Wessicken als der damals herausragendste Architekt des Landes Salzburg beauftragt, Schloss Grubhof architektonisch neu zu gestalten. Das Schloss wird urkundlich erstmals um 1300 als „Hof zu Grub in der Louer“ als erzbischöfliches Lehen erwähnt. Später gelangt es dann in den Besitz des königlich-bayerischen Hauptsalzamtes in Reichenhall, bis es im Jahr 1868 von der Familie des Josef Faistauer erworben wird. In diesem Schloss erblickt der berühmte österreichische Maler Anton Faistauer im Jahr 1887 das Licht der Welt. Die Faistauers verkaufen den großen Ansitz jedoch im Jahr 1890 an den deutschen Kunstdüngerfabrikanten Hermann Schmidtmann. Schmidtmann, als Sohn armer Eltern im thüringischen Schmalkalden geboren, hat in den USA durch die Produktion von Kunstdünger ein Vermögen erwirtschaftet und kann damit nicht nur den alten Adelssitz Schloss Grubhof, sondern auch zahlreiche Bauerngüter in den Hohlwegen bei Saalfelden und in Hinterthal bei Maria Alm ankaufen (s. Kap.: Hermann Schmidtmann).

Schmidtmann beauftragt nun den in Salzburg mittlerweile äußerst gefragten Architekten Wessicken und den Baumeister Jakob Ceconi, den Ansitz im Stil einer überdimensionierten Gründerzeitvilla umzubauen.

Dieses in einem großen Park gelegene Schloss wird allerdings in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts durch touristische Apartementhäuser völlig zugebaut. In den Achtziger- und Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts wird Josef Wessicken zum Gestalter des mondänen Weltkurortes Bad Gastein, das lange Zeit als das „Monte Carlo der Alpen“ oder als „Wolkenkratzerdorf in den Bergen“ gekrönte Häupter und berühmte Künstler sowie das reiche Wiener Bürgertum zu den heilenden Thermalquellen anlockt. Wessicken wird in Zusammenarbeit mit dem Salzburger Bauunternehmer Angelo Comini zum prägenden Gestalter der Hoteltürme und privaten Villen rund um den berühmten Wasserfall. Comini ist ursprünglich ein Schüler Wessickens, der dessen handwerkliche Qualitäten beim Bau des Schlosses Fischhorn kennengelernt hatte. Der aus dem Friaul stammende Comini kann sich mehr als 40 Jahre als bevorzugter Baumeister Bad Gasteins etablieren und beschäftigt in der Glanzzeit des Baugeschehens bis zu 400 friulanische Maurer. Die Kombination von wildromantischer alpiner Naturkulisse mit modernsten Hotelbauten ist der Grund für die touristische Faszination des Kurortes. In den Jahren 1880 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges prägen die Arbeiten des Zweigespanns Wessicken-Comini das historistische Antlitz Bad Gasteins, eine Form der „Dekorationsarchitektur“ im Stil der Gründerzeit.

Zu den Glanzstücken der Hotelbauten Wessickens zählen das Hotel de l’Europe, der Elisabethhof Alois Windischbauers (heute: Arcotel), der im Jahr 1867 mit nur 60 Gulden in der Tasche nach Bad Gastein kam und sich dort ein Hotelimperium baut, sowie das „Haus am Wasserfall“ der Familie Straubinger. Den Kontakt zur Familie des Bürgermeisters Carl Straubinger hatte der rührige Architekt bereits während seiner Zeit als Dombaumeister von Mainz geknüpft, als er für drei Wochen in Gastein zur Kur weilte. Weitere Hotelbauten Wessickens sind das Kurhotel Austria, das Hotel Weismayr, das Kurhaus Quisisana, das Hotel Mühlberger und das Kurhaus Goldeck.

Aber auch die wohlhabenden Gasteiner Bürger und bevorzugt die gut bemittelten Kurärzte bedienen sich Wessickens als Gestalter ihrer noblen Villen. Die Kurärzte Dr. Anton Wassing, Dr. Eduard Schider und Dr. Josef Weingerl lassen sich ihre Privathäuser im Wessicken-Stil erbauen, der sich durch die charakteristischen Wessicken-Türmchen auszeichnet. Bei den Hotelbauten verzichtet Wessicken auf dieses architektonische Beiwerk. Die von Wessicken konzipierten Villen erzeugen alle den Eindruck einer Mischung von Burg- und Landhausstil.

Vom Grafen Rudolf von Czernin bekommt Wessicken gleich zweimal den Auftrag, ein Jagdschlösschen in Böckstein neben der Wallfahrtskirche zu planen. Da das erste Schlösschen sehr bald durch einen Brand zerstört wird, erhält Wessicken ein zweites Mal den Planungsauftrag.

Die Monumentalbauten der Gründerzeit zwischen 1880 und 1910 finden allerdings nicht die Zustimmung aller Zeitgenossen, da sie die romantische Topografie rund um den Wasserfall und das ländliche Idyll des Gasteinertals zum Großstädtischen hin verändern. So klagt der damalige Volksschullehrer Wilhelm Winkler, dass bis auf den Pfarrhof fast alle Häuser dem Erdboden gleichgemacht und durch den dem alpinen Baustil völlig unangepassten großstädtischen Architekturstil ersetzt worden seien. In seinem Buch „Bad Gastein“ bedauert der Gasteiner Badearzt Karl Gager den Verlust des eigentümlichen und urwüchsigen Zaubers von Gastein […] Für Maler und Naturfreunde ein schmerzlicher Abbruch“.

Josef Wessicken heiratet 1916 Rosina Buchta, geborene Bühlmayr, deren Vater ein berühmter Vergolder in der Biedermeierzeit war. Seine Frau bringt fünf Kinder (3 Söhne, 2 Töchter) in die Ehe mit. Zwei der Söhne werden von Wessicken adoptiert, um seinen Namen zu erhalten.

Wessicken stirbt am 19. Oktober 1918, also wenige Tage vor dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie. Er wird in der Familiengruft am Salzburger Kommunalfriedhof begraben. Sein Name ist in der Erinnerung der Pongauer Bevölkerung weitgehend vergessen, der Pongauer Dom, die Gasteiner Wolkenkratzer-Silhouette, das Schloss Fischhorn bei Bruck und das Schloss Grubhof in St. Martin bei Lofer bleiben aber als seine besonderen architektonischen Wahrzeichen bestehen.

HANS MAKART

1840–1884

Der Maler der Sinne und der Dekadenz prägte ein Vierteljahrhundert

Es geht ihm wie vielen Künstlern in Österreich. Sein Talent wird nicht erkannt, doch in München avanciert er zum begehrten Porträtisten. Mit seinen von barocker Sinnlichkeit, Erotik und Dekadenz geprägten großformatigen Gemälden der Wiener Ringstraßen-Epoche und seinem Talent als geschickter Selbstvermarkter wird der erst 28-jährige Salzburger Künstler mit dem schwarzen Rauschebart zum umjubelten Skandalmaler und prägt den Lebensstil eines Vierteljahrhunderts. Hans Makart empfängt Kaiserin Elisabeth in seinem Atelier. Für den Adel und das Wiener Großbürgertum ist es ein „Must-have“, ein Porträt von ihm malen zu lassen. Um Makart entsteht ein Star-Kult, wie ihn Österreich bisher noch nicht erlebt hat. Nach seinem Tod allerdings wird er zum verspotteten Erotik- und Historienmaler, doch sein Einfluss auf Gustav Klimt ist nicht zu unterschätzen.

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