Walter Thaler - Erinnerungswürdig

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Nicht irgendwer!
Man weiß in Salzburg, wer Konstanze Mozart, Herbert von Karajan, H.C. Artmann oder Carl Zuckmayer war. Wer aber war Franz
Michael Vierthaler? Oder Barbara Krafft? Oder Rosa Kerschbaumer-Putjata?
Es ist beeindruckend, was Menschen erreichen können, wenn sie sich etwas zutrauen, herrschende Tabus brechen und abgestandene
Wertvorstellungen über den Haufen werfen – oder, wenn sie weitsichtig genug sind, Entwicklungen zu erkennen und diese beschleunigen!
Viele der in diesem Buch beschriebenen Persönlichkeiten mussten sich gegen Benachteiligungen ihren Platz erkämpfen und
sich gegen die starren Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnen. Mit Mut und Zuversicht haben sie ihren Weg gemeistert
und einige sind zu Vorbildern für uns alle geworden. Manch andere der hier Porträtierten aber haben durch ihr Handeln auch großes
Unrecht begangen und sind für Leid und Tod vieler Menschen verantwortlich.
Walter Thaler hat die Lebenswege von 65 Salzburger Männern und Frauen aus drei Jahrhunderten feinfühlig nachgezeichnet – er
lässt uns teilhaben an den Höhen und Tiefen im Leben dieser Menschen. Viele Namen sind bekannt, andere wiederum sind es wert
entdeckt zu werden. Er hat Schutzschichten der Verdrängung und Verleugnung aufgedeckt, um die Geschichte gegen das Vergessen
neu auszuleuchten und in dokumentarisch-literarischen Porträts anschaulich zu machen.

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Die Familie wohnt zunächst am Makartplatz im Überacker-Palais. Die 20 Zimmer umfassende Wohnung dient nicht nur für die Unterbringung der Familie, sondern ist gleichzeitig Museum und Verkaufsraum. Als Graf Überacker die Wohnung aufkündigt, weil er keine Juden mehr im Haus haben will, zieht die Familie in eines der Faberhäuser in die Westbahnstraße (heute: Schwarzstraße). Die „Faberhäuser“ und die „Hellerhäuser“ werden nach ihren Wiener Bauherren und deren wohlhabenden Mietern so benannt und gelten damals als „Judenhäuser“. Im stark antisemitischen Salzburg bevorzugen die jüdischen Familien das Andräviertel in der Neustadt. Das Haus Schwarzstraße verkauft Pollak später an das jüdische Ehepaar Kölbl.

Die Pollaks leben gutbürgerlich, mit Dienstboten und französischen Gouvernanten für die Kinder. Albert Pollak ist begeisterter Jäger und unterscheidet sich in nichts von den nichtjüdischen Großbürgern der Provinzstadt. Die Pollaks sind auch mit der Familie Trakl befreundet, die Kinder spielen mit dem späteren Dichter Georg Trakl. Der Sohn Ignaz heiratet in zweiter Ehe die Salzburgerin Witti Junger. Wie völlig integriert die Familie in der Salzburger Gesellschaft ist, beweist die Tatsache, dass die Taufpatin von deren ältester Tochter Marie Antoinette die Autorin Friderike Maria Zweig ist, die erste Frau Stefan Zweigs.

Albert Pollak legt die Basis für den Zuzug weiterer Familienmitglieder aus dem zu Ungarn gehörenden Mattersdorf und damit zum Anwachsen der jüdischen Gemeinde in Salzburg. Rund 50 jüdische Familien erhalten so das Heimatrecht der Stadt Salzburg. Von der Sozialstruktur gehören diese vorwiegend der Berufsgruppe der Trödler an. Nur Ignaz Glaser übernimmt 1881 die Konkursmasse der Bürmooser Glasfabrik, wodurch der Flachgauer Ort wirtschaftlich aufblüht. So wird Albert Pollak der Begründer der jüdischen Gemeinde in Salzburg. 1893 erhalten die Juden einen eigenen Friedhof und 1901 eine Synagoge in der Lasserstraße. In der k. u. k. Habsburgermonarchie erhält Pollak sogar den Titel „Kaiserlicher Rat“ verliehen.

Der politische Antisemitismus erreicht, von Wien ausgehend, in zwei Wellen das Bundesland Salzburg. Zunächst verfestigt er sich im großbäuerlichen Bereich. Im Jahr 1886 durchdringt er auch die kleinbürgerlichen Schichten der Bevölkerung. Beide Wellen entspringen der antisemitischen Bewegung des niederösterreichischen Reichsratsabgeordneten Georg Ritter von Schönerer. Dieser erhält in Salzburg vor allem Unterstützung durch den Juristen Dr. Julius Sylvester und den Verein der „Salzburger Studenten in Wien“.

Albert Pollak stirbt 87-jährig am 5. Jänner 1921. Im Trauerzug bei der Beisetzung befinden sich Landeshauptmann Oskar Meyer und seine beiden Stellvertreter Dr. Franz Rehrl und Max Ott. Der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer hat festgestellt, dass die jüdische Gemeinde am Beginn des 20. Jahrhunderts in Salzburg zwar eine Minderheit darstellt, aber aus wirtschafts- und kulturpolitischer Hinsicht durch die Gründung von Kaufhäusern am Ludwig-Viktorplatz (heute: Alter Markt), Residenzplatz, Universitätsplatz, in der Getreidegasse und Sigmund-Haffner-Gasse wesentlich zum Aufblühen der Provinzstadt beigetragen hat. Die Zeit ist schon überschattet von einem radikalisierten Antisemitismus, denn in der Zeitung „Der eiserne Besen“ werden Juden bereits als „Ungeziefer“ bezeichnet, das „ausgerottet“ werden müsse.

Als Hitler 1938 Österreich annektiert, können die meisten Kinder und Enkelkinder Pollaks dem Holocaust noch rechtzeitig entkommen, indem sie nach Argentinien, Brasilien oder in die USA emigrieren. Seine Tochter Irma Herz kommt allerdings im KZ Theresienstadt ums Leben, seine Enkeltochter Mimi Herz überlebt Auschwitz und andere Konzentrationslager. Der Arzt Bela Alexander Herz, Sohn der ältesten Tochter Irma, der als Direktor des Versorgungshauses Lainz tätig ist, nimmt sich am 12. März 1938, am Tag von Hitlers Einmarsch in Österreich, das Leben, weil er angesichts des antisemitischen Terrors keinen Ausweg sieht. Albert Pollaks Frau Karoline stirbt 1942 in Wien. Als einziges der Pollak-Kinder kehrt der im belgischen Exil überlebende Theophil nach Österreich zurück, wo er 1977 stirbt.

Die Geschichte der Salzburger Juden ist vor allem vom langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Marko Feingold, und von den Salzburger Historiker*innen Hanns Haas, Gert Kerschbaumer, Monika Koller, Daniela Ellmauer, Helga Embacher und Albert Lichtblau aufgearbeitet und dokumentiert worden.

JOSEF WESSICKEN

1837–1918

Schloss-Baumeister des Pinzgaus und Gestalter des Manhattans der Alpen

Der Architekt Josef Wessicken hinterlässt im Bundesland Salzburg deutliche Marksteine seines Schaffens im neugotischen Baustil. Zu seinen wichtigsten Werken zählen der Bau der Andräkirche, die Neugotisierung des Turms der Franziskanerkirche in Salzburg und die beinahe gesamte architektonische Silhouette des weltberühmten Kurortes Bad Gastein. Im Salzachpongau dominiert die zweitürmige Dekanatskirche auf der Terrasse des St. Johanner Obermarkts als „Pongauer Dom“ die Landschaft zwischen Schwarzach und Bischofshofen. Aber auch im Pinzgau hat er prägende architektonische Wahrzeichen hinterlassen. So kann er als der „Schloss-Baumeister“ des Pinzgaus bezeichnet werden, zählen doch das Schloss Fischhorn in Bruck an der Glocknerstraße und das Schloss Grubhof bei Lofer zu seinen planerischen Meisterleistungen.

Josef Wessicken wird als ältestes von acht Kindern des gleichnamigen Salzburger Tischlermeisters in der Salzburger Griesgasse geboren. Die Familie entstammt einer westfälischen Tischlerdynastie. Nach der Ausbildung im Realgymnasium absolviert er noch eine Tischlerlehre im väterlichen Betrieb und besucht anschließend die Modellier- und Zeichenschule München. Schließlich studiert er an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei den Professoren August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, den beiden Erbauern der Wiener Staatsoper. Erstmals kommt er für einen zweiwöchigen Ferienaufenthalt zwischen 27. August und 5. September 1859 nach Bad Gastein, wo sein Onkel Alois als Pfarrer tätig ist. Der Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt nimmt ihn nach Studienabschluss unter seine Fittiche und beschäftigt ihn bei der Planung des fürsterzbischöflichen Liechtenstein’schen Schlosses Fischhorn in Bruck.

Von der topografischen Position an der Schnittstelle zwischen dem Zeller Becken und dem Salzachtal ist Schloss Fischhorn nicht als eine Burg im Sinne einer Befestigungsanlage konzipiert, sondern seit jeher als Schloss. Erstmals gibt es eine urkundliche Erwähnung eines Ulricus de Vischarn um 1233, im Jahr 1273 sodann eine Beurkundung von „Vischarn“ durch den Bischof Heinrich von Chiemsee. Im Bauernkrieg von 1525/26 wird das Schloss von den aufständischen Bauern angezündet. 1859 gelangt es im Versteigerungswege an den Postmeister Embacher von Taxenbach, bis es schließlich von Sophie Fürstin Löwenstein, einer geborenen Prinzessin Liechtenstein angekauft wird. Sie ist es auch, die den Wiener Dombaumeister von St. Stefan, Friedrich von Schmidt, beauftragt, das Schloss im neugotischen Stil umzubauen. Schmidt holt sich den Architekten Josef Wessicken, der die Detailpläne anfertigt und später auch das Ökonomiegebäude nördlich des Schlosses errichtet. Im September 1862 beginnt Wessicken mit der Bestandsaufnahme des Schlosses und den Vermessungen.

Da aber Preußen im Jahr 1866 Österreich den Krieg erklärt, muss der Bau des Schlosses unterbrochen werden und wird erst in den frühen Siebzigerjahren wieder fortgesetzt. Das Schloss Fischhorn ist in der von Wessicken ausgeführten Form zwar eine neu konzipierte, aber dem neugotischen Stil angepasste mittelalterliche Burg, die zu Wohnzwecken für eine fürstliche Familie errichtet wird. Fürstin Sophie und ihr Gatte, Fürst Carl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, erweitern ihren Besitz ständig, sodass daraus schließlich der damals größte private landwirtschaftliche Besitz des Landes Salzburg entsteht.

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