[29]Der Schwerpunkt der Forschung im Bereich der sinnlichen Wahrnehmung liegt auf der visuellen Wahrnehmung, denn das Sehen ist unser am höchsten entwickelter Sinn: Ungefähr die Hälfte des Kortex (der Hirnrinde) hat mit dem Sehen zu tun. Außerdem lassen sich visuelle Beispiele gut in einem Buch darstellen, so dass sie in diesem Kapitel den Vorrang erhalten.
Die reale Welt wahrnehmen
Der erste Schritt bei der Wahrnehmung besteht darin, zu entdecken, dass dort draußen irgendetwas ist. Das menschliche Auge kann nur einen winzigen Bruchteil, nämlich weniger als 1 %, aller elektromagnetischen Wellen wahrnehmen – das ist das für uns sichtbare Spektrum. Bienen und Schmetterlinge können ultraviolette Strahlen sehen, und einige Schlangen können die abgestrahlte Wärme ihrer Beute ausreichend präzise »sehen«, um verletzliche Körperstellen zu attackieren, wenn sie zuschlagen. Was wir über die Wirklichkeit wissen, wird also durch die Fähigkeiten unserer Sinnesorgane begrenzt. Unsere Empfindlichkeit innerhalb dieser Begrenzungen ist jedoch bemerkenswert: In einer klaren, dunklen Nacht können wir theoretisch eine Kerzenflamme in 50 km Entfernung sehen. Wenn wir zum Beispiel Licht wahrnehmen, verwandeln unsere Sinnesrezeptoren eine Energieart in eine andere, so dass die Lichtinformation als ein Muster aus elektrischen Nervenimpulsen übertragen wird. Das Rohmaterial der Wahrnehmung besteht bei allen Sinnen aus Nervenimpulsen, die in verschiedene Spezialbereiche des Gehirns weitergeleitet wer[30]den. Damit die Impulse als der Schein einer Kerzenflamme interpretiert werden, müssen sie den visuellen Kortex erreichen. Das Muster und der Level, auf dem bestimmte aktivierte Zellen Energiemengen abfeuern, und das Fehlen von Reizeinwirkungen in gehemmten Zellen müssen vom Hintergrundpegel der Zellenaktivität (dem neuronalen Rauschen ) unterschieden und dekodiert werden. Interessanterweise ist die Fähigkeit, ein Signal präzise festzustellen, weitaus differenzierter, als man es nach dem, was wir über die Sinnessysteme wissen, erwarten würde. Sie hängt von vielen anderen Faktoren ab: Einige Faktoren, wie die Aufmerksamkeit, sind offensichtlich, andere weniger, so unsere Erwartungen, Motivationen oder Neigungen, wie zum Beispiel die Tendenz, entweder »ja« oder »nein« zu sagen, wenn man sich unsicher ist. Wenn Sie Radio hören, während Sie auf einen wichtigen Anruf warten, glauben Sie vielleicht fälschlicherweise, das Telefon klingeln zu hören, während Sie, falls Sie völlig vertieft in das Radioprogramm sind und keinen Anruf erwarten, möglicherweise gar nicht hören, dass es klingelt. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung von Signalen haben tiefgreifende Auswirkungen auf das praktische Leben, zum Beispiel bei der Entwicklung effektiver Warnsysteme auf Intensivstationen oder der Entwicklung von Kontrolltafeln an komplizierten Maschinen.
Theorien, die zur Erklärung dieser Erkenntnisse aufgestellt wurden, ermöglichen es Psychologen, Vorhersagen zu machen und diese dann zu überprüfen. Die Signaldetektions- Theorie geht davon aus, dass eine angemessene Wahrnehmung nicht nur von den sensorischen Fähigkeiten, sondern auch von einer Kombination aus Sinnes- und Entscheidungsprozessen bestimmt wird. Entscheidungen [31]hängen etwa von dem zu diesem Zeitpunkt erforderlichen Grad an Wachsamkeit ( Reaktionsverzerrung ) ab. Ein Laborant, der Objektträger nach Krebszellen absucht, reagiert auf jede Anomalie und sortiert den »falschen Alarm« anschließend aus. Ein Autofahrer, der überlegt, wann er den Wagen vor ihm überholen soll, muss sich jedes Mal richtig entscheiden, oder er riskiert einen Zusammenstoß. Der Grad der Empfindlichkeit und Wachsamkeit lässt sich aus der Anzahl der »Treffer« und »Fehltreffer« und der Anwendung relativ einfacher statistischer Modelle berechnen, um voraussagen zu können, wann ein Signal (eine Krebszelle oder ein entgegenkommender Wagen) richtig festgestellt werden wird. Diese Berechnungen finden in vielen Bereichen Anwendung, zum Beispiel bei der Ausbildung von Menschen, die die Geräte für das Gepäck-Screening am Flughafen überwachen.
Alle Sinne reagieren besser auf Veränderungen in der Umgebung als auf einen statischen Zustand. Rezeptoren schalten, wenn sich nichts ändert, vollkommen ab bzw. sie habitualisieren , d. h., wir bemerken das Geräusch des Kühlschranks nur dann, wenn er sich einschaltet, aber später fällt es uns nicht mehr auf. Man könnte annehmen, dass in unserem ziemlich hektischen Leben ein Nachlassen der Sinnesreizung zu begrüßen wäre, doch Reizentzug oder sensorische Deprivation kann bei manchen Menschen Angst auslösende und bizarre Erlebnisse wie Halluzinationen hervorrufen. Der Grad der Bedrängnis hängt davon ab, was die Menschen jeweils erwarten. Dasselbe trifft zu, wenn die Sinne für geraume Zeit überfrachtet werden wie etwa bei Popkonzerten und Fußballspielen. Diese Erfahrungen können sowohl ermüdend als auch anregend sein.
[32]Das Verfahren der Sinneswahrnehmung
Einer der grundlegendsten Vorgänge sinnlicher Wahrnehmung besteht darin, Objekte von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Werfen Sie einen Blick auf den Rubin’schen Becher (Abb. 5). Sie werden entweder einen Pokal oder zwei Silhouetten sehen, aber nicht beide Bilder gleichzeitig. Wenn Sie auf den Pokal blicken, verschwinden die Silhouetten, doch wenn Sie die Silhouetten als Figuren sehen, dann wird der Pokal zum Hintergrund.
Abb. 5: Rubin’scher Becher
Ein weiteres Verfahren versetzt uns in die Lage, wichtige Dinge vor weniger wichtigen Dingen wahrzunehmen: In Abb. 6 sehen wir H vor S, obwohl beide gleich gut sichtbar sind. Das Gehirn entscheidet also ebenso wie unsere Augen darüber, was wir sehen, und die beteiligten Verfahren scheinen dazu ausgebildet zu sein, die Eindrücke unserer Sinne zu entwirren. Psychologen vertreten die Hypothese, dass dieses Verfahren mehrere zentrale Schritte umfasst. Sinneseindrücke (Sensationen) werden an das Gehirn weitergeleitet, welches dann bereits bestehendes Wissen benutzt, [33]um ein Modell dessen, was wahrgenommen wurde, zu konstruieren: »Das könnte Jane sein.« Das Modell sagt uns, was wir zu erwarten haben, und befähigt uns dadurch, Vorhersagen zu treffen (z. B. darüber, wie Jane aussieht, geht und wie ihre Stimme klingt). Zutreffende Vorhersagen bestätigen unsere Erwartungen, während unzutreffende Vorhersagen neue Informationen zur Verfügung stellen, die das innere Modell aktualisieren. Dieser Vorgang läuft weiter, kontinuierlich unsere Wahrnehmungen verfeinernd und aktualisierend (»Oh, es ist Jane, aber sie sieht jetzt älter aus«), während Sinneseindrücke und Erwartungen zusammenwirken, um uns Schlussfolgerungen über die Welt zu liefern. Diese Abläufe geschehen die ganze Zeit, doch werden wir uns ihrer am leichtesten dann bewusst, wenn wir mit Wahrnehmungsschwierigkeiten konfrontiert sind, wie etwa im Falle der Wahrnehmung einer uneindeutigen Gestalt oder einer Illusion, oder auch dann, wenn bedeutungsvolle Signale wie im Falle von Jane unklar oder unbeständig sind. Normalerweise geschieht dies alles, ohne dass wir mehr darüber wissen als die daraus resultierende »Illusion«, in direktem Kontakt mit der externen Realität zu stehen.
Abb. 6: Erst sehen wir H, dann S.
Eine ebenso interessante wie umstrittene Theorie über die Funktionsweise des Gehirns besagt, dass es eine Form der Bayes’schen Inferenz verwendet. Das Bayes’sche Theo[34]rem wurde erstmals 1763 der Öffentlichkeit präsentiert, blieb dann aber für mehr als ein Jahrhundert unbeachtet. Es ermöglicht uns, den Wert eines neuen Stücks Information im Kontext der aktuellen Erwartungen oder Überzeugungen genau zu messen, und liefert eine rechnerische Grundlage für die Annahme, dass sinnliche Wahrnehmung ein Produkt jener Schlussfolgerungen ist, die wir ziehen, wenn wir sensorische Information mit vorhergehendem Wissen kombinieren (in diesem Falle also vorheriges Wissen über Jane ergänzt um Wissen über subtile Zeichen des Alterns).
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