Doch können einige der Dinge, für die Psychologen sich interessieren, allein mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden nicht verstanden werden. Vielleicht wird das auch nie möglich sein. Die humanistische Schule der Psychologie legt zum Beispiel größeren Wert auf die individuelle Darstellung [17]subjektiver Erfahrungen sowie auf qualitative und quantitative Analysemethoden. Einige der typischerweise von Psychologen verwendeten Methoden sind in Kasten 1.1 aufgelistet. Oft können Methoden fruchtbar miteinander kombiniert werden. Das, was zum Beispiel aus quantitativen Methoden wie Fragebögen entnommen wird, kann durch den Einbezug einer qualitativen Komponente erweitert werden: Ergebnisse eines Fragebogens können uns sagen, [19]dass der Zustand von Patienten, die Behandlung A erhalten haben, sich stärker gebessert hat als von denjenigen, die Behandlung B erhielten. Die qualitative Analyse semi-strukturierter Interviews könnte uns hingegen dabei helfen zu verstehen, wie Behandlung A geholfen hat, und welche Auswirkungen die jeweiligen Behandlungen auf die Patienten hatten, um auf diese Weise eine weitere Verfeinerung der Eingriffsmöglichkeiten zu ermöglichen.
Kasten 1.1 Die wichtigsten Arbeitsmethoden
Laborversuche : Eine auf einer Theorie aufbauende Hypothese wird unter kontrollierten Bedingungen getestet, die sicherstellen sollen, dass sowohl die Auswahl der Versuchspersonen als auch die Messungen der Variablen unvoreingenommen erfolgen. Die Ergebnisse sollten reproduzierbar, jedoch nicht unbedingt auf lebensnahe Situationen übertragbar sein. Diese schließen Beobachtungen des Gehirns bei der Arbeit ein.
Feldversuche : Hypothesen werden außerhalb des Labors in einer natürlichen Umgebung getestet. Diese Versuche sind jedoch weniger leicht kontrollierbar, schwerer zu wiederholen und nicht auf eine andere Umgebung übertragbar.
Korrelierende Methoden : Dabei geht es um die Einschätzung der Stärke der Beziehung zwischen zwei oder mehr Variablen, wie etwa dem Leseniveau und der Dauer der Aufmerksamkeit. Die Methode ähnelt eher einer Datenanalyse als einer Datensammlung.
Beobachtungen des Verhaltens : Das zu untersuchende Verhalten muss vorher klar definiert, die Beobachtungsmethoden müssen zuverlässig und die Beobachtungen wirklich repräsentativ für das Verhalten sein.
Fallstudien : Diese sind besonders hilfreich etwa nach einem Hirnschaden eines Patienten als Ideenquelle für spätere Forschung und zum wiederholten Messen desselben Verhaltens unter unterschiedlichen Bedingungen.
Selbsteinschätzungs- und Fragebogenstudien : Diese liefern subjektive Daten, die auf Selbsteinschätzung (oder Introspektion) aufbauen. Ihre Zuverlässigkeit (oder Reliabilität) lässt sich durch einen guten Testaufbau und die Standardisierung der Tests bei großen, repräsentativen Stichproben sicherstellen.
Umfragen: Solche Techniken sind ebenfalls nützlich, um neue Ideen zu sammeln und Stichproben aus demjenigen Teil der Bevölkerung zu erheben, für den sich ein Psychologe jeweils interessiert.
Interviews: Diese stellen die Quelle für qualitative Daten über menschliches Verhalten dar, die dafür verwendet werden können, erste Eindrücke zugrunde liegender Prozesse abzuleiten.
Jede Wissenschaft ist nur so gut wie die Daten, auf die sie sich bezieht. Psychologen müssen daher beim Sammeln von Daten, beim Analysieren, Interpretieren, Verwenden von Statistiken und beim Interpretieren der Ergebnisse ihrer Analysen möglichst objektiv vorgehen. Hier ein Beispiel, um zu zeigen, wie Daten, die zuverlässig und korrekt [20]gesammelt wurden, dennoch fehlerhaft interpretiert werden können. Wenn 90 % all derjenigen, die Kindern sexualisierte Gewalt antun, selbst als Kinder solche Erfahrungen machen mussten, liegt es nahe anzunehmen, dass die meisten Menschen, die als Kinder sexualisierte Gewalt erfahren mussten, selbst zu Kinderschändern werden – und solche Berichte finden sich tatsächlich häufig in den Medien. In Wirklichkeit folgt die Interpretation jedoch nicht logisch zwingend aus den vorhandenen Informationen – die meisten Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, wiederholen dieses Verhaltensmuster eben nicht. Psychologen müssen als Forscher deswegen lernen, wie sie ihre Daten auf objektive Art und Weise darlegen, so dass keine Missverständnisse entstehen können. Ebenso müssen sie lernen, die von anderen veröffentlichten Fakten und Zahlen zu interpretieren. Dafür ist ein hohes Maß an kritischem, wissenschaftlichem Denken nötig.
Die Hauptzweige der Psychologie
Manchmal wird behauptet, die Psychologie sei keine Wissenschaft, weil sie nicht auf einem einzelnen Leitparadigma oder theoretischen Prinzip aufbaue. Vielmehr sei sie nur aus vielen lose verbundenen Lehrmeinungen zusammengesetzt. Doch das ist angesichts der Materie, mit der sie befasst ist, vielleicht unvermeidlich. Wer die Physiologie, die Biologie oder die Chemie eines Organismus untersucht, konzentriert sich auf einen bestimmten Ausschnitt in genauer Abgrenzung, der dem Psychologen nicht zur Verfügung steht, gerade weil er an psychischen Prozessen interessiert ist, die [22]sich von den anderen Aspekten des Organismus nicht trennen lassen. Man kann das Studium der Psychologie aus vielen Richtungen angehen, etwa eher künstlerisch oder eher wissenschaftlich. Die verschiedenen Zweige des Fachs mögen deshalb zuweilen wie völlig eigenständige Gebiete anmuten. Die Hauptzweige sind in Kasten 1.2 aufgeführt. In der Praxis gibt es aber beträchtliche Überschneidungen zwischen den verschiedenen Zweigen der Psychologie und zwischen der Psychologie und verwandten Gebieten.
Kasten 1.2 Die Hauptzweige der Psychologie
Psychopathologischer Zweig: befasst sich mit psychischen Funktionsstörungen und wie man diese überwinden kann.
Behavioristischer Zweig: betont das Verhalten, das Lernen sowie das Sammeln von Daten, die direkt beobachtet werden können.
Biologischer Zweig (und Vergleichende Psychologie ) : untersucht die psychischen Prozesse verschiedener Arten und Spezies, deren Vererbungsmuster und bestimmende Faktoren für das Verhalten.
Kognitiver Zweig: konzentriert sich darauf, wie Informationen gesammelt, verarbeitet, verstanden und benutzt werden.
Entwicklungspsychologischer Zweig: untersucht, wie Organismen sich im Laufe ihres Lebens ändern.
Differentielle Psychologie : befasst sich mit dem Studium großer Gruppen von Menschen, um typische Unterschiede, zum Beispiel in Bezug auf die Intelligenz oder den Charakter, zu identifizieren und zu verstehen.
Physiologischer Zweig: befasst sich mit dem Einfluss des körperlichen Zustands auf die Psyche und die Funktionen der Sinne, des Nervensystems und des Gehirns.
Sozialpsychologischer Zweig: untersucht das Sozialverhalten und die Interaktionen bzw. Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gruppen.
Nahe Verwandte der Psychologie
Es gibt einige Gebiete, mit denen die Psychologie häufig verwechselt wird – und es gibt in der Tat gute Gründe für diese Verwechslungen. Zum einen ist Psychologie nicht mit der Psychiatrie gleichzusetzen. Die Psychiatrie ist ein Zweig der Medizin, der darauf spezialisiert ist, Menschen zu helfen, psychische Störungen zu bewältigen. Sie konzentriert sich daher auf das, was passiert, wenn etwas schiefgeht: auf psychische Erkrankungen und psychische Störungen. Auch Psychologen arbeiten im Krankenhaus, doch sie sind keine Mediziner und verbinden mit ihrem Interesse an psychischen Problemen und ihrer Einsicht in das Leid daran ein breites Wissen über gesunde psychische Vorgänge und Entwicklungen. Sie dürfen meist keine Medikamente verschrei[23]ben; sie sind vielmehr darauf spezialisiert, Menschen zu helfen, ihr Denken oder Verhalten zu verstehen, zu kontrollieren oder zu verändern, um dadurch ihr Leid zu lindern.
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