Ich komme auch wieder zurück, schließlich schlafe ich ja hier im Hotel.
Tanner sagt es gedankenlos. Erst zu spät realisiert er, dass sie ihm ein Angebot gemacht hat und er mit seinem unüberlegten Satz auf das Angebot eingegangen ist. Sofort schnurrt sie ein zufriedenes Okay und verschränkt gekonnt anmutig die Arme hinter ihrem Rücken. Die Wirkung auf die Topographie ihres Oberkörpers und auf die Spannung des eh schon engen Kleidchens ist enorm. Tanner reißt seinen Blick von ihr los und verlässt eilig die Bar.
In der Hotelhalle ist es etwas kühler. Gleich darauf fährt das Taxi vor. Zum Glück ist es mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Tanner nennt Straße und Hausnummer.
Der Taxifahrer grinst frech in den Rückspiegel und meint, die hätten dort auf jeden Fall auch eine Klimaanlage.
Na, dann ist ja alles in Ordnung.
Tanner grinst entwaffnend zurück.
Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, gehen Sie nicht zu Claudia. Die redet Sie in Grund und Boden. Wählen Sie sich Sophie, wenn Sie auf schlanke Frauen stehen, oder Odette, wenn Sie etwas mehr Fleisch zwischen den Händen haben wollen.
Sehr nett, dass Sie sich Sorgen um mein Wohlergehen machen. Danke.
Seufzend schließt Tanner die Augen. Es gibt doch noch zuvorkommende Menschen in diesem Lande. Noch ist nicht alles verloren.
Blind lässt sich Tanner durch die Stadt fahren. Er weiß trotzdem in jedem Augenblick, wo sie gerade sind. Kurz vor dem Ziel öffnet Tanner die Augen. Der Taxifahrer hält vor dem entsprechenden Haus. Tanner zahlt.
Und sagen Sie jetzt bitte nicht viel Vergnügen, ja?
Der junge Mann nickt schweigend. Mit einem Blick auf die Taxikonzession, die am Armaturenbrett festgemacht ist, stellt Tanner fest, dass der Mann Türke ist. Spontan erhöht er das Trinkgeld. Der Mann bedankt sich artig.
Tanner steht vor einem dreigeschossigen, biederen Haus mit hellblauem Anstrich. Aha, das ist also das Schlaraffenländli. Bei sämtlichen Fenstern sind die hellgrünen Rollläden geschlossen. Aus einem Erkerfenster im mittleren Stockwerk grüßt ein Schweizerfähnchen. Was soll jetzt das heißen? Ist es ein Ausdruck schweizerischer Bodenständigkeit, die das Haus seinen Besuchern verheißt, oder signalisiert es einfach, dass die Damen an Deck sind? Auf jeden Fall verfügen sie über Humor, so viel ist schon mal sicher. Entschlossen betritt er den gepflegten Vorgarten. Die Haustür ist offen. An der Wohnungstür im Parterre stehen drei französische Namen, die Freuden in angenehmer Ambiance verheißen.
Er steigt die Treppe hoch. An der Wohnungstür im ersten Stock verkündet ein großes Schild die Gunst des japanischen Gastes. Durch die Tür hört man leise japanische Flötenmusik.
Tanner muss lächeln und klingelt. Auch Harumi liebte diese Musik. Leise trippelnde Schritte, die Tür wird aufgerissen und im Halbdunkel des Flurs begrüßt ihn mit traditioneller Verbeugung eine langhaarige Japanerin. Ihr Gesicht kann Tanner nicht sehen, aber er erschrickt, denn er glaubt, Harumi vor sich zu haben, was ja gar nicht möglich ist. Genauso hat ihn Harumi an ihrer Haustür auch empfangen. Die dunkle Gestalt im Kimono tritt einen Schritt zurück. Sie hält eine Hand vors Gesicht, als ob auch sie erschrocken wäre. In perfektem Deutsch fragt sie, ob sie so hässlich sei, dass er sich erschreckt habe.
Nein, nein. Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, aber ich dachte tatsächlich, Sie seien Harumi, eine Freundin von früher. Im Gegenteil, Sie sind wunderschön. Guten Tag, ich heiße Simon. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Danke, und willkommen im Schlaraffenland. Ich muss Sie enttäuschen, ich heiße nicht Harumi. Mein Name ist Michiko. Ich bin aus Kyoto und lebe schon eine ganze Weile in Frankfurt. Hier bin ich nur zu Gast. Für ein paar Tage. Wollen Sie etwas trinken?
Er bestellt einen grünen Tee und lässt sich von Michiko in die Wohnung führen. Das Zimmer, in das sie ihn bringt, ist angenehm karg eingerichtet. In der Mitte ein großes Bett aus Messing. Ein kleiner Schrank, ein kleiner Sessel mit einem Clubtisch, darauf eine Schale mit Bonbons. Neben dem Bett steht eine Bodenvase aus Kristallglas mit einem großen Strauß frischer Iris. Alles ist sehr sauber und nett, wie man das hier in diesem Land eben erwartet. Noch dazu im Schlaraffenland. Nur dass hier nichts kostenlos ist. Einzig die Lampe, die ein weiches Rotlicht ausstrahlt, ist ein Zugeständnis an das Milieu. Michiko bedeutet ihm wortlos, sich zu setzen. Dann verschwindet sie aus dem Zimmer, wahrscheinlich um den Tee zu holen.
Ob er sich jetzt schon ausziehen soll? Er beschließt zu warten, bis Michiko wiederkommt. Tatsächlich ist es in der Wohnung angenehm kühl, ganz so wie es der türkische Taxifahrer prophezeit hat. Gerade als er sich zu fragen beginnt, was er hier eigentlich tut, öffnet sich die Tür. Michiko serviert ihm anmutig den Tee, lässt souverän ihren Kimono fallen und sagt, dass sie sich jetzt duschen werde. Ob er auch wolle?
Tanner schüttelt den Kopf. Michiko öffnet eine kleine Tapetentür, die Tanner vorher gar nicht aufgefallen ist. Dahinter befindet sich die Dusche. Michiko schließt die Tür nicht und lässt Tanner ungeniert dabei zuschauen, wie sie sich duscht und sorgfältig einseift. Ihre langen Haare hat sie mit einem schnellen Griff hochgesteckt. Tanner guckt stumm.
Gefalle ich Ihnen? Sie sind so schweigsam.
Doch, natürlich, Sie gefallen mir ausgezeichnet, verzeihen Sie, ich bin von der Hitze etwas …
Sie lacht.
Natürlich gefällt sie ihm. Sie hat einen perfekten Körper. Ihre Brüste sind für die Klischeevorstellung von einer Japanerin ziemlich groß und wahrscheinlich nicht natürlich gewachsen, aber immerhin haben sie eine Größe, die mit dem Rest ihres makellosen Körpers gerade noch harmoniert. Bei Tanner stellt sich aber langsam das nämliche Gefühl ein, das er schon bei Harumi hatte und das ihn immer beklommen machte. Ein Körper, der in seiner Perfektion eine Art Unnahbarkeit ausstrahlt, die fast schmerzhaft ist. Ein Körper, dessen Linien und Formen man tagelang anschauen kann, aber immer wird er sich entziehen. Es sind Körper, die durch ihre Schönheit eine unsichtbare, aber perfekte Barriere aufbauen. Körper, die eigentlich nicht erotisch sind, die nicht zum Anfassen einladen oder dazu, sich in ihnen zu verlieren. Einzig ihr kleiner, schwarzer Pelz spricht in seiner frechen Struppigkeit eine andere Sprache. Und auch ihr Lachen bricht für Augenblicke ihre perfekte Körperinszenierung. Tanner ist gespannt auf das, was auf ihn zukommt. Michiko hat sich unterdessen trockengerieben und setzt sich unbekümmert um Tanners Gedankengänge auf seinen Schoß, nimmt seine Hand und legt sie sanft, aber bestimmt auf eine ihrer Brüste. Tatsächlich Silikon. Tanner spürt deutlich, wo Natur und Kunst aufeinander treffen. Er seufzt. Sie nimmt es für aufkeimende Lust.
Langsam, langsam. Zuerst müssen wir über das Geschäftliche reden. Was willst du?
Bevor Michiko zu Ende gesprochen hat, ertönt in der Wohnung ein fürchterlicher Schrei, der sie in ihrer Bewegung zusammenfahren lässt. Ihre Hand umklammert krampfhaft die seine. Ihre Umklammerung zwingt seine Hand so kräftig um ihre Brust, dass er Angst hat, ihr wehzutun. Aber Michiko rührt sich nicht. Er auch nicht. Das war ein Schrei der höchsten Not und Angst. Oder des Entsetzens. Dieser Schrei hat nichts mit Schlaraffenland zu tun, das ist klar. Er stellt Michiko auf die Füße. Sie lässt es geschehen. Seine Hand will sie aber nicht loslassen. So tritt Tanner mit Michiko an der Hand in den Flur. Vor der Tür gegenüber Michikos Raum steht eine üppige Rothaarige, vollkommen nackt, mit unglaublich weißer Haut, den Mund weit geöffnet, die Augen aufgerissen. Nach der Beschreibung des Taxifahrers kann es sich nur um Odette handeln. Offensichtlich war sie es, die geschrien hat. Nun steht sie starr, als ob ihre weiteren Schreie im Hals stecken geblieben wären. Sie ringt nach Luft, das Gesicht schon gerötet, die Augen treten aus den Höhlen. Gleich wird sie blau anlaufen. Tanner sieht das nicht zum ersten Mal. Entschlossen macht er sich von Michikos Hand los, stellt sich vor die junge Frau und spricht sie sehr energisch mit ihrem Namen an, in der Hoffnung, dass ein direktes Ansprechen das offensichtlich unter Schock stehende Mädchen aus ihrem Atemkrampf befreit. Doch ringt sie weiter nach Luft und ihr schönes Gesicht beginnt sich tatsächlich blau zu verfärben.
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