Von daher ergeben sich für die folgenden Untersuchungen die einzelnen Fragestellungen, die sich auf einen möglichen Leseprozess beziehen: Was macht die Figuren aus und welche Konstellationen gibt es unter diesen Figuren, während der Gesang erklingt? Welche konkreten Folgen und welcher Widerhall sind dann anschließend bei den Figuren zu verzeichnen, nachdem der Gesang unter ihnen erklungen ist? Im Liedtext haben Saul und David ja bereits geschlagen. Nach dem Singen der Frauen setzen beide Männer das Schlagen fort (18,11; 18,27). Gibt es Zusammenhänge zwischen den besungenen Schlägen und den anschließend ausgeführten Schlägen? Wenn ja, wie sehen diese Zusammenhänge aus?
Bei dem sich daraus ergebenden Thema geht es also um eine besungene Gewalt und darum, wie deren Erklingen eingebettet ist, auf welche Weise dieser Gesang weitere Gewalt mitbewirkt haben kann und wie die besungene Gewalt weiter ausgeleuchtet wird.
Die antiken Versionen zu 1Sam bieten bekanntlich unterschiedliche Textgestalten. Formen der Septuaginta weichen teilweise deutlich von hebräischen Texten ab. 5Die folgenden Untersuchungen werden sich allein auf den Masoretischen Text beziehen.
Die Analysen haben beim ersten Abschnitt in Kapitel 18 einzusetzen. Denn die Verse 18,1–5 gehen dem Auftritt der Frauen voraus und leuchten die Situationen unter den Figuren aus, in denen der Gesang der Frauen zu stehen kommt. Diese Ausleuchtung ist also als erstes zu analysieren.
2. Der inoffizielle neue König (1Sam 18,1–5)
Die Verse 18,1–5 folgen auf den Redewechsel zwischen Saul und David nach dem Sieg über Goliat. Diese fünf Verse enthalten keine Reden, sondern nur Erzähltext. David ist in allen Versen präsent. Der Wechsel bei den anderen Figuren ist auffällig. Nacheinander sind mit David befasst: Jonatan (V. 1), Saul (V. 2), Jonatan (V. 3–4) und Saul (V. 5). Jonatan und Saul entwickeln aber keine konkreten Gemeinsamkeiten in Bezug auf David. Jonatan und Saul handeln nebeneinander 6und nicht Hand in Hand. 7
Saul nimmt David zunächst zu sich und gestattet ihm keine Rückkehr ins Vaterhaus (18,2). 8Bei der Wendung für nicht-gestatten 9schwingt ein Nicht-Geben mit: ...
. Als Geber im Sinne von
tritt aber Jonatan David entgegen, wenn er ihm Kleidung und Waffen reicht (18,4). 10David hatte zuvor Steine geschleudert (1Sam 17,40.49.50); nun kann er fortan mit konventioneller Ausrüstung Züge unternehmen 11und das Militär anführen, wozu ihn anschließend Saul unabhängig von Jonatans Darreichungen bestellt (18,5).
Die Formulierungen in 18,4 heben von Jonatans fünf Gaben den Mantel heraus. 12Nur ihn legt Jonatan ausdrücklich ab. 13Ob dieses Gewand Jonatans Eigentum gewesen ist, wird im Text nicht deutlich. Kleider, Schwert, Bogen und Gurt sind als die seinen ausgewiesen. Aber es ist von „dem Mantel“,
, die Rede, und es heißt lediglich, dass Jonatan ihn getragen hat. Warum gibt es solche Besonderheiten beim Mantel? Eine Antwort auf die Frage wird durch eine Leseperspektive nahegelegt. Versteht man den Mantel auf der literarisch aufgebauten Bühne des ersten Samuelbuches als eine Requisite, der ein Wiedererkennungseffekt zueigen ist, kann dieses Gewand das Königtum assoziieren lassen. 14Das Wort für Mantel,
, kam jedenfalls das letzte Mal in 1Sam 15,27–28 vor.
1Sam 15,27–28: 27 Und Samuel wandte sich, um zu gehen. Und er ergriff
den Zipfel seines Mantels (
). Und er riss (
). 28 Und Samuel sagte zu ihm (= Saul) 15: Gerissen hat (
) JHWH an diesem Tag die Königsherrschaft Israels (
) von dir, und er hat sie deinem Nächsten gegeben, der besser ist als du. 16
Annett Gierke-Ungermann hat gezeigt, wie die Formulierungen in 15,27 offen lassen, um wessen Mantel es sich handelt, Samuels oder Sauls, und wer von den beiden den Mantel einriss. 17Klarer fällt aber Samuels Deutung des Geschehens in 15,28 aus: Der Riss des betreffenden Mantels „symbolisiert ... die Königsherrschaft Sauls“ 18und vor allem das, was mit der Herrschaft geschieht. JHWH hat Saul das Königtum entrissen und einem Anderen, einem Besseren übertragen (vgl. 1Sam 28,17) 19.
Die Requisite Mantel überreicht in 18,4 Jonatan, der Sohn des momentanen Königs Saul. Jonatan hätte in der erzählten Welt eigentlich selber „am ehesten Anspruch auf die künftige Königswürde“ 20gehabt (vgl. 1Sam 20,30–32). Wenn nun ausgerechnet Jonatan den mit dem Königtum assoziierten Mantel übergibt, kann das anzeigen, dass er David als kommenden König ansieht und ihn als solchen anerkennt. 21Diese Annahme 22gewinnt an Plausibilität durch weitere Beobachtungen.
Jonatan übergibt in 18,4 nicht nur ein Gewand. 23Vor den drei
-Wendungen in diesem Vers wird „seine Kleidung“ im Plural erwähnt:
. 24Von solcher – ebenfalls im Plural – war zuletzt vor dem Kampf mit Goliat die Rede, als Saul mit eigener Kleidung und mit einer Rüstung David für den Kampf ausstatten wollte (17,38–39).
1Sam 17,38–39: 38 Und Saul zog David seine Kleidung (
) an und setzte einen bronzenen Helm auf sein Haupt und zog ihm einen Schuppenpanzer an. 39 Und David gürtete sein Schwert über dessen Kleidung (
) ...
Auf Sauls Kleidung gürtete David wohl sein eigenes Schwert. 25Kleider und Rüstung behinderten jedoch David beim Schreiten. So legte David alles wieder ab. Dadurch entsteht dann das literarische Bild, dass der Hirtenjunge David ungeschützt dem Recken Goliat entgegentritt und ihn trotzdem niederstrecken kann. – Auf einer ersten Ebene, bei der es in 1Sam 17 ums Praktisch-Nützliche geht, wollte Saul David sicherlich ausrüsten und kampffähig machen. Hinzu kommt aber durch den Kontext eine zweite Ebene, bei der es tiefer liegend um die Aufgaben eines Regenten geht. König Saul selbst konnte der Gefährdung durch Goliat nicht Herr werden, 26und die Requisite „Kleidung“ (
) ist hier eindeutig königlicher Herkunft. 27Folglich sah Hans Joachim Stoebe in der Begebenheit, bei der Saul seine Kleider und Waffen darreichte (u.a.
), den Aspekt mitklingen, „daß Saul königliche Pflichten an David delegiert.“ 28
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