Beatrix überredete ihren Mann, gemeinsam Geburtsvorbereitungskurse zu besuchen und sie während der Geburt zu begleiten. Für einen Inder war diese Vorstellung aussergewöhnlich. Denn in Indien begaben sich die schwangeren Frauen meistens in ihr Elternhaus, um die Kinder in Abwesenheit ihres Manns zur Welt zu bringen. Beatrix wollte Anil, der sie während der Schwangerschaft liebevoll umsorgte, unbedingt an ihrer Seite haben. Doch dann erlebte er den Schock seines Lebens: Beatrix erlitt eine Fruchtwasserembolie, ein akut lebensgefährdendes Ereignis, das äusserst selten und nur bei einer von 50 000 Geburten auftritt. Die Ärzte sagten ihr damals, eine Fruchtwasserembolie verlaufe in mehr als neunzig Prozent der Fälle tödlich. Laut Studien des Universitätsspitals Zürich sind gesamtschweizerisch in den letzten dreissig Jahren 16 Frauen daran gestorben. Beatrix, die auf Wunsch von Anil glücklicherweise auf eine Hausgeburt verzichtet hatte, verlor viel Blut, sie lief dunkelblau an. Die Hebamme und die Ärzte erfassten die dramatische Lage rasch und holten den Buben am 24. März 1979 im Spital in Baar per Kaiserschnitt auf die Welt. Die Eltern nannten ihn Asheesh. Dieser indische Name bedeutet auf Deutsch «Segen».
Nach der Geburt erlitt Beatrix weitere Komplikationen. Ihre Gebärmutter zog sich nicht zusammen, und die Ärzte mussten sie entfernen. Beatrix rang um ihr Leben. Sie hatte ein Nahtoderlebnis, sah alles von oben, schwebte über ihrem Körper, als plötzlich ein himmlisches Wesen auf ihre Schultern klopfte und ihr mitteilte, sie habe einen hübschen Sohn geboren. Das Wesen fragte sie, ob sie lieber mit ihm mitgehen oder mit Asheesh leben möchte. Beatrix wollte zu ihrem Sohn zurück. Sie entrann dem Tod knapp und lag während rund vier Wochen im Koma im Kantonsspital in Walchwil. Als der Genesungsprozess genug weit fortgeschritten war, durfte sie heim in ihre Wohnung an der Aegeristrasse in Zug. Sie sah Asheesh zum ersten Mal und weinte vor Glück über den kleinen Buben, der seine Mami vom Stubenwagen aus anblinzelte. Anil und Beatrix’ Eltern hatten sich in der Zwischenzeit um das Baby gekümmert, ihm ging es bestens. Gleichzeitig betrübte sie die Tatsache, dass sie keine weiteren Kinder mehr haben würde. Zuerst aber musste sie sich von ihrer dramatischen Geburt erholen, wieder lernen, richtig zu sprechen, wieder lernen, wie man mit Gabel, Messer und Löffel isst. Die sprachlichen und motorischen Fähigkeiten kehrten bald zurück. Bis sie sich aber körperlich vollständig erholt hatte, dauerte es rund drei Jahre. Der Umgang mit der Nahtoderfahrung, die Beatrix bis heute prägt, gestaltete sich schwieriger. Sie nahm psychologische Hilfe in Anspruch.
Das Ehepaar Jetly in Schwierigkeiten
Nach der Geburt von Asheesh veränderte sich Anil immer stärker hin zum Negativen. Über die Gründe kann Beatrix nur spekulieren. Vielleicht wusste er mit den starken Emotionen während und nach der traumatischen Geburt nicht umzugehen. Vielleicht überforderte ihn die neue Rolle als junger Vater und Partner einer geschwächten Frau. Wahrscheinlich litt er an Heimweh. Die kulturellen Differenzen führten je länger, je mehr zu Konflikten. Beatrix musste ihn zum Beispiel überzeugen, dass man sich als Paar in der Schweiz in der Öffentlichkeit umarmen und nebeneinander Hand in Hand spazieren gehen darf, die Frau also nicht bloss als Anhängsel dem Mann hinterherschlendert. In Indien genoss Anil wegen seiner Abstammung einen hohen Status, hier in der Schweiz sah er sich zum Hilfsarbeiter mit mässig gutem Lohn und geringen Aufstiegschancen degradiert. Auf jeden Fall kam er nun – Asheesh war inzwischen zwei oder drei Monate alt – häufig spät und völlig betrunken nach Hause. Immer öfter traf er sich mit seinen Freunden zu illegalen Glücksspielen. Anil verspielte ganze Monatslöhne, sodass das Ehepaar Jetly manchmal die Miete nicht mehr bezahlen konnte und Beatrix den Hausbesitzer um Aufschub bitten musste. Beatrix bettelte bei ihren Eltern um Geld für Essen. Als es ihr wieder etwas besser ging, putzte sie jeweils morgens von 7 bis 9 Uhr in einem chinesischen Restaurant. Asheesh durfte sie mitnehmen. Anil wehrte sich heftig gegen dieses Engagement, eine junge Mutter hatte bei ihrem Kind zu bleiben, nicht zu arbeiten. Doch was sollte Beatrix tun, wenn ihr Mann seinen Lohn beim Spielen und mit Trinken verschwendete? Nach der traumatischen Geburt und den Schwierigkeiten mit Anil genoss es Beatrix, zwei Stunden lang ein Restaurant zu reinigen, um mit 600 Franken Lohn pro Monat wenigstens das Nötigste zu stemmen.
Mit einem Dasein als Hilfskraft begnügte sich Anil nicht. Er wollte in der Schweiz einen schwungvollen Handel mit indischen Kleidern betreiben und reaktivierte seine Kontakte in der Heimat, um ein eigenes Geschäft namens «Asheesh Enterprises» aufzubauen. Beatrix bremste ihn, wollte zuwarten, bis sie wieder mehr Kraft hätte, um ihren Mann zu unterstützen. Sie bot an, mit ihm nach Indien zu reisen, um Stoffe auszusuchen, die in der Schweiz Abnehmer finden würden. Anil wollte nicht auf sie hören. Schlimmer noch: Er fälschte ihre Unterschrift, um an einen Kredit von 10 000 Franken zu gelangen. Mit dem Geld liess er sich tonnenweise indische Kleider schicken. Die eigenwillige Kollektion im Ethnolook erwies sich als kommerzieller Flop. Auf dem Estrich der Jetlys stapelten sich die Ladenhüter, Anil verkaufte nichts. Kein einziges Warenhaus zeigte Interesse, die Kleider in sein Sortiment aufzunehmen. Das Ehepaar blieb auf den Kleidern und einem Schuldenberg sitzen.
Seinen Sohn vergötterte Anil, er war der erste männliche Nachfolger der Jetly-Familie. Das hinderte ihn aber nicht daran, sogar mit Asheeshs Leben zu spielen. Einmal hielt er seinen vier Monate alten Sohn mit nur zwei gestreckten Fingern pro Hand zum Fenster hinaus und sagte: «You look, God has given me that child, he never will take it away from me.» Beatrix riss sich zusammen. Ja nicht schreien, ja nicht in Panik geraten, sonst würde Anil das Baby möglicherweise fallen lassen, aus dem dritten Stock. Noch heute schreckt Beatrix manchmal in der Nacht wegen dieses Vorfalls auf. Auch wenn sie sich an einen anderen Vorfall erinnert, stockt ihr noch heute der Atem: Damals war die leicht abfallende Aegeristrasse eine Baustelle. Auf dem schmalen Trottoir lagen Dreck und Steine. Anil liess den Kinderwagen auf dem Trottoir losrattern, ohne ihn am Schiebebügel festzuhalten. Er hätte jederzeit umkippen können, und Asheesh wäre auf die Strasse gefallen. Anil hätte den Kinderwagen niemals stoppen können. Er winkte Beatrix vom Trottoir aus zu und wartete gespannt auf ihre Reaktion. Anil trieb ein Psychospiel mit seiner Frau. Beatrix traute sich kaum noch, Asheesh allein seinem Vater zu überlassen. Die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller. Alkohol, Geldsorgen, gefährliche Spiele mit dem Baby: Anil stellte die Beziehung mit Beatrix, die so schön begonnen hatte, auf die Probe. Das Paar erlebte in dieser Zeit auch schöne Momente, etwa wenn es gemeinsam Familienausflüge unternahm oder wenn Anil nicht betrunken war – leider wurden sie immer seltener.
Beatrix fühlte sich immer noch schwach, als Asheesh zehn Monate alt war. Sie kannte Anils Elternhaus, wusste Bescheid über die unhygienischen Zustände, über die Kakerlaken, welche die Küche bevölkerten, über die Tropenkrankheiten, die man sich als Europäer in Indien auflesen konnte. Anil interessierte das nicht. Er wollte Asheesh unbedingt seinen Eltern zeigen und setzte eine Indienreise durch. Am 17. Oktober 1979 flog die junge Familie nach Bombay. Die Schwiegereltern, die Tanten und Onkel freuten sich riesig über den kleinen Buben, dem sie eine hinduistische Zeremonie widmeten. Beatrix hatte keinen Grund zum Jubeln. Sie erkrankte, immer noch gezeichnet von der dramatischen Geburt, an Malaria und Paratyphus. Sie litt an Durchfall, musste erbrechen, verlor innert zwei Wochen 12 Kilogramm Gewicht, hatte bis zu 40 Grad Fieber, wähnte sich im Sterben. Anil und seine Familie zeigten kein Verständnis für ihren Gesundheitszustand. Sie warfen ihr vor, sie simuliere, sie spiele eine «malade imaginaire», die aus einem Mückenstich ein Drama mache. Nach einem Monat kehrte Anil zurück in die Schweiz; Beatrix und Asheesh, der zum Glück nicht erkrankte, folgten wenige Wochen später. Die Schweizer Behörden setzten sie einen Monat lang in Quarantäne. Die Kantonsärzte desinfizierten die Wohnung der Jetlys, das Paar durfte niemanden empfangen und musste Hygienevorschriften einhalten. Beatrix wurde im Tropeninstitut in Zürich behandelt. Anil blieb gesund. Hoffnungslos und unheilbar zerrüttet war dafür die Beziehung zu seiner Ehefrau. Beatrix verlor das Vertrauen in ihren Mann, der nächtelang nicht auftauchte und mit ihr während Tagen kein Wort mehr redete, der sich in der Schweiz nicht zurechtfand, in vier Jahren fünf Mal die Stelle wechselte und am liebsten mit Frau und Kind nach Indien zurückgekehrt wäre, weil er sich dort bessere Geschäftsmöglichkeiten ausmalte.
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