In Experimenten verwickelte man beispielsweise Menschen auf einer Einkaufsstraße in ein Schein-Interview. Während einer kurzen Ablenkung wurde der Gesprächspartner ausgetauscht. Das erstaunliche Ergebnis: Die Hälfte der Befragten bemerkte in keiner Weise, dass ihnen nun eine völlig andere Person gegenüberstand, selbst wenn ein dunkelhaariger Mann gegen eine blonde Frau ausgetauscht wurde.
»Die Menschen sind im ganzen Leben blind«, lässt Johann Wolfgang von Goethe die Sorge im Dialog mit Faust erklären. Sie hat wohl nicht ganz Unrecht, die Sorge. Denn Menschen sehen nur das, was sie erwarten zu sehen. Unser Gehirn konstruiert aus unvollständiger Information, momentanen Befindlichkeiten und lang gehegten Vorurteilen ein Bild von der Welt und den Dingen. Und wir meinen dann »So sind sie, die Dinge.« Doch: Dinge sind nicht, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind. Deshalb sehen wir Gorillas nicht. Oder wir sehen den Gorilla – und dafür entgehen uns andere Dinge.
Daraus nährt sich auch das, was umgangssprachlich als Betriebsblindheit bezeichnet wird. Nach dem Motto »Das haben wir schon immer so gemacht« werden Pässe gezählt und Gorillas übersehen.
Schule – Nummer eins der Betriebsblinden
Die unangefochtene Nummer eins unter den Betriebsblinden ist die Schule. Und da die meisten Menschen hierzulande mal zur Schule gegangen sind, hat sich so eine Art epidemische Betriebsblindheit ausgebreitet, wenn es um schulisches Lernen geht.
»Schlimmer als blind sein, ist nicht sehen wollen«, hat Lenin einst zu bedenken gegeben. Darin liegt ein Kernproblem der heutigen Schulsituation. Die Beteiligten kommen nicht aus den alten Mustern raus. Sie sehen den Gorilla nicht und wollen partout nicht glauben, dass es ihn gibt. Man hält die Illusion aufrecht, Schule müsse so sein, wie sie eben ist. Man zählt Pässe, forscht akribisch zu weißen Shirts und zum Luftdruck in den Bällen – und ist nicht fähig oder willens, den Blick auf das Offensichtliche zu richten, das eigentlich – wie der Gorilla – nicht zu übersehen ist. Schule, das ist ein Spielfeld neben der Wirklichkeit, auf dem ein Rollenspiel inszeniert wird. Alle nehmen mehr oder weniger passiv an der Aufführung teil und gaukeln sich gegenseitig etwas vor. Und solange alle das Spiel mitspielen, ist das auch kein Problem. Im Gegenteil: Korrumpiert vom So-tun-als-ob können sich viele an den vollen Töpfen der Illusionen auf bequeme Weise gütlich tun. So wird denn in weiten Kreisen ein Bild von schulischem Lernen aufrechterhalten, das in starkem Maße davon lebt, dass die Betrachter auf mindestens einem Auge blind sind. Bewusst oder unbewusst. Denn wie sonst ließe es sich erklären, dass die Schule in weiten Teilen immer noch nach Mustern organisiert ist, die den aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten in keiner Weise Rechnung tragen. Ein Beispiel: Ein konstruktiver Umgang mit der zunehmenden Heterogenität ist durch das strukturell eng geschnürte Korsett (Jahrgangsklassen, Arbeitszeitmodelle …) nur unzureichend möglich.
Mehr Sein als Schein: ein Blick hinter die sprachlichen Kulissen schulischen Lernens lohnt sich
Die ganze Szenerie erinnert ein bisschen an ein Potemkinsches Dorf. Für diese Bezeichnung stand Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potemkin Pate. Der Überlieferung zufolge ließ er, der Günstling der russischen Zarin Katharina II., 1787 vor dem Besuch seiner Herrscherin im gerade eroberten Neurussland entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen errichten, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen.
Ein Potemkinsches Dorf kann also dem zweiten Blick nicht standhalten, wie das schulische Lernen auch. Auch hier werden Kulissen aufgestellt – sprachliche zumindest:
•Schulen sind gedacht als Orte, wo Schüler lernen.•Dort bringen die Lehrer ihnen wichtige Dinge bei.•Aufgabe der Schüler ist es, konzentriert zuzuhören.•Und: Sie müssen sich die Dinge gut merken.•Prüfungen und Noten zeigen, wie viel sie gelernt haben.•Je mehr Stoff behandelt wurde, desto mehr wissen die Schüler.•So erwerben sie Kompetenzen, die ihnen später nützen. |
So ein Quatsch! Lernen vollzieht sich nach völlig anderen Mustern. Was auf den ersten Blick zwar wie »Lernen« aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als »Schule«. Und das ist nicht das Gleiche. Bei Weitem nicht.
Grundsätzlich läuft die Sache etwa so ab: Das Leben – und die Schule ist ein spezieller Teil davon – stellt die Menschen vor bestimmte Aufgaben. Morgens aufstehen ist eine solche Aufgabe. Die Zähne putzen eine andere. Oder: Am Ende Geldes noch viel Monat übrig haben. Oder: Ein Buch in englischer Sprache lesen und verstehen. Oder: Frühmorgens joggen gehen. Oder: Die binomischen Formeln kennen.
Hürden auf dem Weg: Auch fürs Lernen gilt – wer erfolgreich sein will, muss Bock haben
Jede dieser Aufgaben stellt in gewisser Weise eine Hürde dar. Sie unterliegt damit einer meist unbewussten Bewertung nach subjektiven Erfahrungskriterien: Wie hoch ist der vermutete Aufwand? Und wie groß ist der potenzielle Nutzen?
Und klar: Je ungünstiger das Verhältnis zwischen vermutetem Aufwand und potenziellem Nutzen, desto weniger Bock haben Menschen, sich der Sache anzunehmen. Wenn das Leben in irgendeiner Weise erfolgreich verlaufen soll, müssen die Menschen Bock darauf haben, sich den Anforderungen zu stellen. Viel Bock sogar. Das gilt uneingeschränkt auch für schulisches Lernen. Bock auf Lernen heißt deshalb die Devise.

1. Illusion
Schulen sind gedacht als Orte, wo Schüler lernen.
Eigentlich versteht sich die Schule als ein Ort des Lernens. Zumindest hat sie sich dieses Begriffs bemächtigt. Und sie verwendet ihn synonym. Schule gleich Ort des Lernens. Ort des Lernens gleich Schule. Das ist mal die eine Seite.
Eine andere: Die allgemeine Schulpflicht beordert Kinder und Jugendliche in unseren Breitengraden während zwölf- bis fünfzehntausend Stunden zu einer Tätigkeit, die unter der Bezeichnung »Lernen« in Schulhäusern und Klassenzimmern inszeniert wird. Sollte es dann nicht so sein, dass sich dem Nachwuchs in kognitiver und emotionaler Hinsicht Gewinne eröffnen, wenn er schon so viel Lebenszeit in schulisches Lernen investieren muss? Er muss etwas davon haben, einen gefühlten Return on Investment. Bock am Lernen also und an dem, was dabei entsteht. Und damit Bock auf Lernen.
Ein Team der Universität Wien hat über viertausend Schüler befragt. Es wollte unter anderem wissen, wo das Lernen Spaß macht. Die Antwort kann eigentlich nur lauten: in der Schule. Lautete sie auch: allerdings nur von Kindern in der vierten Schulstufe. Von da an ging’s bergab – im freien Fall. In der 11. Schulstufe konnte gerade noch jeder Fünfte der Jugendlichen dem schulischen Lernen so etwas wie Freude abgewinnen.
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