Die Persönlichkeitsstruktur des Menschen wird nach Gerhard Roth hauptsächlich durch das limbische System bestimmt. Dazu gehören Mandelkern (Amygdala), Nucleus accumbens, basales Vorderhirn, Hypothalamus, Hippocampus, vorderer cingulärer Cortex, orbitofrontaler Cortex als wichtigste Regionen. In diesen Regionen sind (emotionale) Erfahrungen gespeichert, hier werden neue Erlebnisse bewertet und mit früheren Ereignissen verglichen, hier werden auch Handlungsentwürfe entwickelt, die friedfertig oder aggressiv sein können.
Das limbische System ist also maßgeblich an emotionalen, affektiven und motivationalen Prozessen beteiligt. In dieser Hinsicht ist es diejenige Hirnregion, die hauptsächlich bestimmt, ob Lernen positiv erlebt wird. Bei einer positiven Bewertung ist somit Lernerfolg weit wahrscheinlicher.
In Abbildung 1-9 (Seite 23)sind die wichtigsten Regionen des limbischen Systems abgebildet (Nr. 1 bis 3). Dieses schickt seine Belohnungserwartungen, Bewertungen, Ängste, Antriebe und Impulse an die frontalen Regionen des Gehirns. Diese neuronalen Erregungen enthalten bereits eine Art Vorbewertung der auszuführenden Handlungen, weil sie mit Erinnerungen an in ähnlichen Situationen erlebte Gefühle verknüpft sind. Das Phänomen ist uns aus dem Alltag bekannt – wenn wir zum Beispiel etwas tun, dessen Ausgang wir nicht abschätzen können, und trotzdem »ein gutes Gefühl« haben, eine innere Gewissheit, dass es gelingen wird.
Die Regionen des orbitofrontalen Gehirns sind ihrerseits zuständig für die Risikoeinschätzung und die Regionen des präfrontalen Cortex für die Fehlerkontrolle, also letztlich allgemein für die »soziale Verträglichkeit« der Handlungen.
Sie sind eine Art second opinion der bereits vorbewerteten Impulse; sie übernehmen die Impuls- und Handlungskontrolle. Dazu braucht es aber stabile und robuste Hirnstrukturen, und die werden während der Jugendphase erst richtig ausgebildet. Den Impulsen (vgl. Pfeile) kann in der Pubertätsphase zu wenig Steuerungsenergie und innere Struktur entgegengesetzt werden. Das ist es, was das Gehirn im Laufe der Adoleszenz zu lernen hat. Aus diesem Grunde benötigen jüngere Jugendliche äußere Leitplanken und Beziehungsstrukturen, die eine Art Handlungsreferenz darstellen. Jüngere Jugendliche brauchen möglichst viel Vorbildhandlungen und flankierende Maßnahmen, damit sie sich erfolgreich durch den sozialen Alltag manövrieren, oder hirnphysiologisch ausgedrückt, damit sich langsam tragfähige frontale Hirnstrukturen herausbilden können. Aus diesem Grund spricht man in diesem Zusammenhang vom »frontalen Phänomen«. Hier wird deutlich, wie wichtig die frontalen, vor allen die orbitofrontalen Regionen im Zusammenspiel mit den tieferen limbischen Strukturen sind.
Das limbische System und seine Neuromodulatoren
Nach Gerhard Roth (2003) ist das limbische System das zentrale Bewertungssystem im Gehirn. Es bewertet alles, was wir tun, nach gut, erfolgreich, lustvoll bzw. schlecht, erfolglos, schmerzlich und speichert die Resultate dieser Bewertung ab. Diese Regionen mit ihren unbewussten Bewertungsprozessen nehmen bereits im Mutterleib ihre Arbeit auf und führen sie in den ersten Lebensjahren fort, also früher, als die bewussten Hirnprozesse einsetzen – wie die Ich-Prozesse und das bewusste Planen, die erst ab dem vierten Lebensjahr funktionstüchtig werden. Das Verhältnis eines Individuums zu sich, zur Welt und zu anderen Menschen und die grundlegenden Verhaltensprinzipien, also Charakter und Persönlichkeit, formen sich weitgehend unbewusst und bilden den Rahmen, in dem spätere Erfahrungen gemacht werden. Dieser Prozess ist im Erwachsenenalter weitgehend selbststabilisierend. Es werden in aller Regel diejenigen Erfahrungen angeeignet, die bereits bestehende Erfahrungen bestärken. Je weiter die psychische Entwicklung fortgeschritten ist, desto schwieriger wird es, diese Grundeinstellungen noch zu ändern. Dies bedeutet für die Erziehungsaufgabe, möglichst früh, also bereits bei Kleinkindern, altersgemäße Situationen zu schaffen, die das Kind in seiner Entwicklung unterstützen und fördern.
In der Tabelle ( Abbildung 1–10, Seite 25) sind die Teile des Gehirns mit ihren Funktionen aufgeführt. Es wird deutlich, welch mächtige Antriebe und »energiereiche Erinnerungen und Erwartungen« in den limbischen Strukturen erzeugt werden. Diese sind vor allem in den tieferen Regionen angesiedelt, unterhalb des Großhirns. Einzig die Anteile des Großhirns lassen steuernde Funktionen erkennen, die zusätzlich von weiteren, außerlimbischen frontalen Hirnregionen unterstützt werden und ihr Potenzial während der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter hinein entwickeln. Die limbischen Strukturen sind untereinander verbunden, und die Neuromodulatoren – Botenstoffe, die aktivierend oder hemmend auf die Hirnprozesse wirken können – wirken auf alle Ebenen ein.
Die langsame Reifung der frontalen Bereiche
Die orbitofrontalen, präfrontalen und cingulären Bereiche des Gehirns reifen langsamer als andere Areale, sodass die Exekutivfunktionen ( vgl. Seite 14) aufgrund des verzögerten Reifungsprozesses während der Kindheit und Jugendphase nicht immer oder nur abgeschwächt zur Verfügung stehen.
Diese Tatsache ist aber nicht nur negativ zu werten, sie birgt auch Chancen. Für Eltern und Lehrpersonen bedeutet sie nämlich, dass die Reifungsprozesse über lange Jahre durch sinnvolle pädagogische Stimulation moduliert werden können. Es hängt entscheidend davon ab, welche sozialen Netzwerke während der Kindheit und Jugend bis ins junge Erwachsenenalter stimuliert und genutzt werden und welche nicht. Die wichtigste Grundlage des Modulierungsprozesses ist nach Jäncke (2009) die Nutzung der jeweiligen neuronalen Strukturen, da diese nur bei stetem Gebrauch etabliert und aufgebaut werden, während die nicht gebrauchten, wie wir schon sahen, eliminiert werden.
Weil sich die Erziehungsarbeit aus einer Kette unendlich vieler Lerngelegenheiten zusammensetzt, könnte Erziehung – etwas überzeichnet – als »dasselbe vom immer Gleichen« bezeichnet werden. Erziehungs- und Ausbildungsbeauftragte benötigen oftmals viel Geduld und Durchhaltevermögen, damit sie konsequent am Ball bleiben und sich nicht von der scheinbaren Wirkungslosigkeit ihrer Arbeit beirren lassen. Denn das Gehirn, besonders dasjenige des Jugendlichen, braucht viele Trainingschancen, um erwünschte und entwicklungsförderliche Funktionen aufbauen zu können.
Aus vielen Verhaltensuntersuchungen geht hervor, dass die Reifungsprozesse der Persönlichkeit mit denjenigen der frontalen Regionen parallel verlaufen. Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle, Emotionskontrolle, das Arbeitsgedächtnis, Planen und Organisieren, Fehlerverarbeitung und komplexe motorische Kontrollprozesse können sich erst mit der Reifung dieser Hirnstrukturen entwickeln. Dabei lassen sich aber auch individuelle Unterschiede im Entwicklungsprozess feststellen. Wenn bestimmte Entwicklungsprozesse nicht vollständig durchlaufen werden, sind die nächstfolgenden Entwicklungsschritte unter Umständen auch hirnphysiologisch betroffen. So ist die Entwicklung stark suchtmittelabhängiger Jugendlicher, die sehr früh mit ihrem Drogenkonsum begonnen haben, bis ins Erwachsenenalter hinein verzögert, und Defizite in der Hirnreifung können kaum mehr kompensiert werden.
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