Als zweites Standbein der Annäherung an den Begriff der Nominalgruppe Nominalgruppewurde eingangs ihre syntaktische Funktion benannt. Nominalgruppen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie im Satz eine Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen können:
(3) |
Der verliebte Paul will der glücklichen Paula rote Rosen schenken. |
Dieser Satz enthält drei Nominalgruppen: der verliebte Paul, der glücklichen Paula und rote Rosen. Alle drei Nominalgruppen sind Satzglieder Satzgliedin diesem Satz: Der verliebte Paul ist SubjektSubjekt, der glücklichen Paula ist Dativobjekt und rote Rosen ist AkkusativobjektAkkusativobjekt. In der Grammatik von Eisenberg sind Nominalgruppen deshalb KonstituentenkategorienKonstituentenkategorie. Das bedeutet, dass sie unmittelbare Bestandteile des Satzes sind. Das lässt sich in Anlehnung an Eisenberg wie folgt abbilden:
Abb. 1:
Nominalgruppen als Satzkonstituenten
Wichtig ist dabei aber: Als Konstituentenkategorien in Bezug auf Sätze kommen nicht nur Nominalgruppen in Frage, sondern beispielsweise auch Präpositionalgruppen Präpositionalgruppeund NebensätzeNebensatz.
Umgekehrt können auch Nominalgruppen nicht nur als Konstituenten von Sätzen fungieren. Sie können auch Konstituenten von Präpositionalgruppen sein:
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Der verliebte Paul wartet hinter der Mauer auf die glückliche Paula. Er überrascht sie mit roten Rosen. |
Im Gegensatz zu Beispiel (3) ist hier die glückliche Paula nicht unmittelbare Konstituente Konstituenteunmittelbardes Satzes und folglich auch kein Satzglied, sondern Konstituente Konstituenteder Präpositionalgruppe. Bei Eisenberg ist sie der Kern Kernder Präpositionalgruppe (die Präposition Präpositionist der KopfKopf). Die Präpositionalgruppe ist hier die Konstituente des Satzes und ein Satzglied (Präpositionalobjekt). Das Gleiche gilt für roten Rosen : Auch diese Nominalgruppe ist Konstituente einer Präpositionalgruppe ( mit roten Rosen ), ebenso wie die Nominalgruppe der Mauer Konstituente der Präpositionalgruppe hinter der Mauer ist.
Abb. 2:
Nominalgruppen als Konstituenten von Präpositionalgruppen
Schließlich können Nominalgruppen auch Konstituenten von Nominalgruppen sein:
(5) |
die erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 durch Kurt Albert und Gefährten im Rotpunkt-Stil (IdS-Grammatik 1997: 1927) |
Mit diesem Beispiel illustrieren die Autoren der IdS-Grammatik, dass eine Nominalgruppe Nominalgruppesehr komplex sein kann. Es handelt sich zunächst insgesamt um eine Nominalgruppe, weil sie als Konstituente Konstituenteeines Satzes fungieren kann:
(6) |
Die erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 durch Kurt Albert und Gefährten im Rotpunkt-Stil war eine Sensation. |
Die Nominalgruppe fungiert in diesem Satz als SubjektSubjekt. Da, wie wir gerade diskutiert haben, Nominalgruppen auch Konstituenten von Nominalgruppen sein können, ist es hilfreich, einen Terminus zu haben, mit dem wir solche komplexen Nominalgruppen wie (5) benennen können. In Anlehnung an Mertzlufft (2013: 230) nennen wir Nominalgruppen, die Konstituenten von Sätzen sind und eine Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen, in diesem Studienbuch „maximale NominalgruppeNominalgruppemaximaln“. Die Nominalgruppe mit dem deverbalen Kern Kerndeverbal Durchsteigung ist deshalb so komplex, weil sie weitere Nominal- und Präpositionalgruppen Präpositionalgruppeals Attribute enthält. Die Attributstruktur Attributstrukturschauen wir uns im Abschnitt zu Attributen näher an.
An dem Beispiel haben wir nachvollzogen, dass eine Nominalgruppe sehr umfangreich sein kann. Was ist aber die untere Grenze für die Annahme einer Nominalgruppe, d.h., was muss minimal vorhanden sein, damit von einer Nominalgruppe ausgegangen werden kann?
Diskurs: Gibt es eingliedrige Nominalgruppen?
Die Grundsatzfrage lautet: Wieviele Elemente sind notwendig, damit man von einer Gruppe sprechen kann? Mit dieser Frage gehen die Grammatiken unterschiedlich um. Die Dudengrammatik und die IdS-Grammatik sprechen auch bei einzelnen Substantiven Substantivvon Nominalphrasen: Kühe fressen Gras (Dudengrammatik 2016: 808); Julia weint (IdS-Grammatik 1997: 1928). In der IdS-Grammatik spricht man hier von ‚Einwort-Nominalphrasen‘. Eisenberg hingegen unterscheidet als Konstituentenkategorien KonstituentenkategorieNomen Nomenund Nominalgruppen und benennt als Bedingung für eine NominalgruppeNominalgruppe, dass diese mindestens zwei Nomina (im Sinne des Begriffsverständnisses: deklinierbare Wörter) enthalte (2013b: 22). Nach diesem Verständnis wären im Beispiel Paul liebt Paula zwei Nomen Konstituenten des Satzes, im Beispiel der junge Paul liebt die alte Paula zwei Nominalgruppen. Wir müssen hier nicht unbedingt eine Festlegung bezüglich der Frage treffen, ob auch einzelne Nomen als Nominalgruppen zu betrachten sind. Für eine Beschäftigung mit dem Nominalstil sind allerdings einzelne Nomen als Satzkonstituenten Satzkonstituentenicht besonders interessant. Für den Nominalstil sind vielmehr komplexe Nominalgruppen konstitutiv.
Nominalgruppe Nominalgruppe
Eine NOMINALGRUPPE ist eine WortgruppeWortgruppe, die ein NomenNomen als KernKern(lexikalisches Zentrum) enthält. Eine Nominalgruppe enthält maximal je einen Kern und einen KopfKopf(grammatisches Zentrum; in der Regel ein ArtikelArtikel). Hingegen kann eine Nominalgruppe durch beliebig viele Attributeerweitert werden. Nominalgruppen können Konstituentenvon Sätzen sein, also Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen. Sie können aber auch Konstituenten von Präpositionalgruppen Präpositionalgruppesein (sie fungieren dann als Kerne) oder Konstituenten von Nominalgruppen (hier fungieren sie als Attribute).
Das Vorhandensein eines Kerns ist die Grundbedingung für eine Nominalgruppe. Diese Bedingung kann allenfalls durch Koordinationsellipsen ausgehebelt werden:
(7) |
Die neue Freundin von Paul ist hübscher als die alte. |
An der Oberfläche besteht die Nominalgruppe die alte nur aus Kopf und AdjektivattributAdjektivattribut; Freundin ist sozusagen als Kern mitzudenken.
Wichtig ist, dass eine Nominalgruppe nur einenKern hat. Dabei können aber mehrere Nomen zu einem komplexen Kern Kernkomplexkoordiniert werden:
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Die Eltern und Kinder besuchen den Zoo. |
Attribute spielen eine zentrale Rolle bei der Konstitution von Nominalstil, weil sie zum Ausbau der Nominalgruppen und somit auch zum Aufbau nominalstilistischer Komplexität Komplexitätbeitragen. Laut Ágel ist „[a]lles, was in einer Wortgruppe Wortgruppenicht Kern Kernund nicht Kopf Kopfist, […] syntaktisch abhängige, lexikalische Spezifizierung/Modifikation Modifikationdes Kerns. Diese Spezifizierungen/Modifikationen werden traditionell […] Attribut genannt.“ (2017: 698) Bevor wir uns mit Beispielanalysen der Frage nähern, was für Typen von Attributen es gibt und welche Rolle Attribute beim Ausbau des Nominalstils spielen, sei auch hier wieder ein kurzer Blick in die Diskussion um den Attributbegriff in der Forschung geworfen.
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