TEIL 2
KAPITEL 3
Die nahrungsbedingten „Zwillingsbabys“ Gastroparese und Dyssynergie
Die ersten der verschiedenen Blähbeschwerden, um die wir uns kümmern, haben ihren Ursprung im Magen, einem Organ, dessen Aufgabe die einer „Speicherkammer“ und „Mischmaschine“ ist. Die Nahrung, die Sie zu sich nehmen, gelangt in den Magen, verbleibt zunächst dort, wird verflüssigt und dann portionsweise über eine winzige Öffnung, den sogenannten Pylorus oder Magenpförtner am Ende des Magens, abgegeben. Der Pylorus mündet in den Dünndarm, wo faktisch die Resorption aller Nährstoffe stattfindet. Die Muskulatur der Magenwände vermengt die Nahrung, indem sie sich wellenartig an- und entspannt, und vermischt sie so mit Säure und Enzymen, um sie zu verflüssigen. Dann schiebt sie den Speisebrei, wie die verflüssigte Nahrung jetzt genannt wird, durch den Pylorus, damit er seinen Verdauungsweg fortsetzen kann.
Werden jedoch die Aktionen von Nerven und weiteren Zellen, die für die Aktivitäten des Magens verantwortlich sind, nicht entsprechend koordiniert gesteuert, kann das zwei verschiedene Arten von Blähbeschwerden zur Folge haben. Beide treten schon kurz nach dem Essen auf und sind umso stärker, je umfangreicher die Mahlzeit war. Da der Blähbauch in beiden Fällen durch einen buchstäblich mit Nahrung gefüllten Magen entsteht, habe ich dieser Art der Blähbeschwerden den Spitznamen „Nahrungsbaby“ gegeben.
Gastroparese (GP; verzögerte Magenentleerung)
Wenn Sie feste Nahrung zu sich nehmen – also Nahrung, die im Gegensatz zu einer Suppe oder einem Smoothie gekaut werden muss –, sollte der Magen nach zwei Stunden mindestens 65 Prozent und nach vier Stunden mindestens 90 Prozent seines Inhalts entleert haben. Die Geschwindigkeit der Magenentleerung wird von sogenannten „Schrittmacher“-Zellen gesteuert, die durch eine Reihe von Auslösern stimuliert werden: durch die Dehnung der Magenwände, wenn der Magen mit einer Mahlzeit gefüllt ist, und Signalen aus dem nervalen und hormonellen Netzwerk, das sich im gesamten Verdauungstrakt befindet. Doch in manchen Fällen arbeiten die Schrittmacherzellen nicht normal, und so kann es zu einer Verzögerung der Magenentleerung kommen, die als Gastroparese (GP) bezeichnet wird.
Von einer GP sind etwa 2 Prozent der amerikanischen Bevölkerung betroffen, Frauen häufiger als Männer. In vielen Fällen ist die Ursache der GP unbekannt, doch sie beginnt oft nach einer viralen Infektion und wird dann postinfektiöse GP genannt. Sie bemerken beispielsweise die ersten Symptome einer solchen Gastroparese, vielleicht nachdem Sie von einer akuten Lebensmittelvergiftung oder einer „Magen-Darm-Grippe“ genesen sind. Die GP ist auch eine häufige Begleiterscheinung von Diabetes Typ 1 und Typ 2 und kommt in diesen Fällen durch eine Nervenschädigung des Verdauungssystems infolge eines chronisch hohen Blutzuckerspiegels zustande. Auch manche Medikamente können als Nebenwirkung eine GP auslösen, dazu gehören die Injektionspräparate bei Diabetes, die sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Einige Beispiele dafür sind Byetta (Wirkstoff Exenatid), Victoza (Wirkstoff Liraglutid) und Trulicity (Wirkstoff Daluglutid). Eine GP kann auch die Folge bestimmter Operationen sein, bei denen ein wichtiger Nerv des Verdauungssystems in einem als Vagotomie bezeichneten Verfahren durchtrennt wird.
Das Blähgefühl bei Gastroparese
Was immer auch Ihre Gastroparese verursacht, die Auswirkung ist immer dieselbe. Blähbeschwerden durch eine GP sind normalerweise nicht schmerzhaft, erzeugen jedoch ein Völlegefühl im Bauch, der zudem oft sichtbar gebläht ist. Dieser aufgeblähte Bauch fällt morgens am wenigsten auf und ist auch nach dem Frühstück nicht allzu schlimm, wird jedoch im Laufe des Tages nach jeder Folgemahlzeit größer und verschlechtert sich meist schon bald nach dem Mittagessen merklich. Die Blähbeschwerden erreichen nachts ihren Höhepunkt – insbesondere bei den Menschen, die nach amerikanischer Gepflogenheit ein relativ reichliches Abendessen zu sich nehmen.
Der Morgen ist zwar im Allgemeinen die beste Zeit des Tages für Menschen mit einer Gastroparese, dennoch wachen Sie eventuell mit einem sichtbar geblähten Bauch auf, insbesondere, wenn Sie am Vorabend viel, fett und/oder spät gegessen haben. Meine GP-Patienten beschreiben das Gefühl so, als würde ihr Essen nach der Mahlzeit „einfach im Magen liegen“ und als befände sich dort ein „Ziegelstein“. Sie haben oft Sodbrennen oder andere Symptome eines Refluxes wozu Aufstoßen, möglicherweise begleitet mit dem Erbrechen kleinerer Mengen sauren Mageninhalts gehören können.
Blähbeschwerden durch eine GP gehen fast immer mit Appetitlosigkeit und einer frühen Sättigung einher, das heißt, es entsteht selbst nach dem Verzehr von geringen Mengen ein sehr starkes Völlegefühl. Meine GP-Patienten haben kaum Hunger; sie nehmen oft nur deshalb eine Mahlzeit zu sich, weil sie, wie sie sagen, aufgrund der Tageszeit wissen, dass sie das tun sollten. Wenn Sie eine Gastroparese haben, können Sie es zwischen zwei Mahlzeiten leicht fünf bis sieben Stunden aushalten, ohne hungrig zu werden. Oft haben Sie überhaupt keinen Appetit auf das Abendessen, wenn Sie im Laufe des Tages ein paar kleine Mahlzeiten zu sich genommen haben. Manchmal kann sich auch das merkwürdige Gefühl einstellen, dass Sie zugleich schwach vor Hunger und körperlich zu voll sind, um etwas zu essen. Das kommt durch die Zeitverzögerung zwischen der Nahrungsaufnahme und der tatsächlichen Resorption der Nährstoffe im Dünndarm. Mit anderen Worten, der Blutzuckerspiegel bleibt niedrig, während Ihr langsam arbeitender Magen sich Zeit damit lässt, seinen Inhalt zur Resorption in den Dünndarm abzugeben.
Übelkeit ist bei einer Gastroparese sehr häufig, und es kann auch zu Erbrechen kommen. Letzteres passiert oft nach dem Abendessen, während der Nacht (Sie werden aus dem Schlaf gerissen) oder gleich als Erstes am Morgen. Erbrechen kann sich aber auch oft ein paar Stunden nach dem Genuss einer fetthaltigen (das Abendessen in einem Steakhaus ist ein recht häufiger Auslöser) oder sehr umfang- und ballaststoffreichen Mahlzeit – etwa einem großen Salat oder Popcorn in „Spielfilmausmaß“ – einstellen. Tatsächlich ist die GP eine der wenigen Ursachen von Blähbeschwerden, die mit Erbrechen einhergehen.
Blähbeschwerden durch eine GP werden meist nicht von einem übermäßigen Abgang von Winden oder Schmerzen durch Darmgase begleitet. Sie werden normalerweise mit einem unangenehmen Völlegefühl, aber an sich nicht übermäßig schmerzhaft beschrieben.
Menschen mit einer Gastroparese können auch eine unbeabsichtigte Veränderung des Gewichts feststellen. In schweren Fällen kann Ihr Appetit so gering sein, dass Sie schließlich sehr wenig zu sich nehmen und innerhalb kurzer Zeit erheblich an Gewicht verlieren. In weniger schweren Fällen können Sie tatsächlich etwas zunehmen. Das kommt daher, dass Sie sich mehr zu leichter verdaulichen und weniger blähenden Nahrungsmitteln hingezogen fühlen. Zum Beispiel könnten Sie feststellen, dass Sie sich nach dem Genuss von Salaten – die lange im Magen verbleiben – hundeelend fühlen, also verlegen Sie sich mehr auf Nahrungsmittel wie Brot, Reis, Kartoffelpüree und Nudeln, die den Magen schneller passieren. Dadurch erhöht sich Ihre tägliche Kalorienzufuhr, und in der Folge nehmen Sie zu.
Manchmal beeinträchtigt die der Gastroparese zugrunde liegende Ursache auch andere Abschnitte des Verdauungstrakts und führt dazu, dass es nicht nur im Magen, sondern auch im Dünndarm oder im Dickdarm nur schleppend vorangeht. In diesen Fällen können die ursprünglich vom Magen resultierenden Blähbeschwerden mit solchen einhergehen, die durch eine Verstopfung verursacht werden und vom Darm stammen.
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