Beate Ego - Tobit

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Diese Kommentierung stellt die antikjüdische Tobiterzählung in einen breiten traditionsgeschichtlichen Kontext, indem sie sowohl die darin enthaltenen Vorstellungen zu Engeln und Dämonen sowie zur antiken Medizin als auch ihre Torakonzeption analysiert. Außerdem wird eine synchron ausgerichtete Gesamtinterpretation vorgelegt, die zeigt, dass die Erzählung letztlich geschichtstheologisch zu verstehen ist. Sie macht deutlich, wie sich das antike Judentum in der Zeit der hellenistischen Herrschaft mit der Bedrohung durch die aggressive Politik der Großreiche auseinandersetzen konnte. Der Lobgesang des alten Tobit am Ende der Erzählung in Tob 13 eröffnet in diesem Kontext eine Hoffnungsperspektive für ihre Adressaten.

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Prophetische Traditionen– Prophetische Traditionen werden ausdrücklich eingeführt, wenn Tob 2,6 mit einer Zitationsformel auf Am 8,10 verweist und den betreffenden Vers auch im Wortlaut wiedergibt. Eine weitere explizite biblische Referenz (allerdings ohne Zitation einer bestimmten Stelle) findet sich in Tob 14,4 mit dem Verweis auf die Verkündigung Nahums zur Zerstörung Ninives. Tob 14,4.5 rekurriert zudem ganz allgemein auf die Verkündigung der Propheten Israels – zum einen im Hinblick auf das Geschick Assurs und Ninives (so 14,4) und zum anderen im Hinblick auf die Verheißungen zur Erbauung des Tempels (so 14,5). 113

Subtexte– Abgesehen von einer Vielzahl von biblischen Anspielungen 114fungieren biblische Texte ansonsten häufig als Subtexte, und zwar dergestalt, dass ein biblischer Text die Folie bildet, auf die v. a. durch eine Mehrzahl von Referenzen, aber auch durch Motivbezüge immer wieder rekurriert wird.

a) Eine herausragende Rolle nimmt hier Gen 24 ein, wobei sich Parallelen in der Geschehensstruktur (z. B. die Brautwerbung als Grund für die Reise in 6,11 und Gen 24,4.7), gleichlautende Wendungen (z. B. das „Gelingen“ als Leitwort: 5,22; 10,11.13 und Gen 24,21.40.42.56), thematische Bezüge (das Thema der Endogamie in 1,9; 6,12.16; 7,10 und Gen 24,3f.7.40) und Anspielungen (das „Liebgewinnen“ der Frau: 6,18b und Gen 24,67) unterscheiden lassen. 115

b) Hinzu kommen weitere Verbindungen mit den Erzelternerzählungen, die eher punktueller Art sind: Tobias’ Braut Sara trägt den Namen der Erzmutter, und die Begegnung von Tobias und Sara (7,1–9a) weckt zudem Assoziationen an Jakobs Begegnung mit den Leuten Labans in Gen 29,4–6. 116

c) Darüber hinaus sind aber auch Entsprechungen zur Josefsgeschichte zu nennen.

Sowohl Josef als auch Tobit befinden sich in einem fremden Land (1,1–2//Gen 39,1); beide haben einen offiziellen Posten inne (1,13//Gen 41,42–43); beide werden unverdientermaßen angegriffen und geraten in Lebensgefahr (1,19–20//Gen 37,18–28; 39,7–20); schließlich aber werden sie ins Recht gesetzt und kommen zu unerwartetem Reichtum (1,14; 14,2//Gen 45,11; 47,12). 117

d) Neben diesen Entsprechungen zu narrativen Passagen der Genesis spielen für die Pentateuchrezeption auch die Bezüge zum Deuteronomium eine bedeutende Rolle. Hier ist – abgesehen von allgemeinen sprachlichen Wendungen – insbesondere auf die dtn.-dtr. Sündentheologie und die Vorstellung der Reziprozität zwischen der Umkehr des Volkes und dem Erbarmen Gottes zu verweisen, die in Tob 13,5–6 auf der Folie von Dtn 30,2–3.5 eingespielt wird. Deutliche Bezugnahmen auf Dtn 32 finden sich in Tob 13,2. Wenn in Tob 14,3–11 in Analogie zu Dtn 33 eine Abschiedsrede Tobits vor seinem Tod erfolgt, ist ein weiterer Bezug zum Dtn gegeben, sodass deutlich wird, dass dieses insgesamt auf die formale Gestaltung des Buches eingewirkt hat. 118

e) Insbesondere Tobits eschatologischer Hymnus in Tob 13 sowie sein Geschichtsausblick in Tob 14,4–7 enthalten eine Vielzahl von Anspielungen auf die Heilsprophetie Deutero- und Tritojesajas sowie auf weitere Traditionen aus der prophetischen Überlieferung. 119Von besonderer Bedeutung ist es, dass Tob 14,5 zu den Belegen gehört, welche die Hoffnung auf die Errichtung eines neuen Tempels in einer Zeit artikulieren, in welcher der Jerusalemer Tempel mitsamt seinem Kultbetrieb (wieder bzw. noch) bestand. Bemerkenswert ist auch die Abschiedsrede Tobits, da hier – analog zu den apokalyptischen Entwürfen in der Henochüberlieferung wie der Tier- und der Wochenapokalypse – eine klar gegliederte Geschichtsschau dargeboten wird.

f) Tobits biographischer Rückblick am Anfang der Erzählung (1,3–22) verweist auf historische Ereignisse wie die Exilierung durch die Assyrer (1,2.3.10), die Herrschaft Salmanassars (1,2.13.15), auf Sanherib und seine Ermordung (1,15.21) sowie auf die Regierung Asarhaddons (1,21f.). Der Autor greift hier auf die einschlägigen Notizen aus den biblischen Geschichtswerken, insbesondere den Königebüchern, zurück. Tobits Erzählung vom Abfall seiner „Brüder“, die der Sünde Jerobeams folgen (1,4–8), rekurriert auf 1 Kön 12,28–32.

g) Die Erzählung hat auch mit Motiven anderer antikjüdischer Erzählungen wie Daniel und Judit Berührungen. Denn auch in diesen Texten finden sich Hinweise auf spezifisch jüdische Speisegesetze (Dan 1,8; Jdt 10,5) sowie die Betonung der Endogamie (Jdt 8,1–2), der rechten Bestattung (Jdt 8,3) und des Gebets (z. B. Dan 2,20–23; 3,24–50 LXX; 3,51–90 LXX; Jdt 9,2–14; Est 4,17a–i LXX; 17k–z LXX). Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Beziehungen zur Weisheitsschrift Jesus Sirachs. Enge Berührungen liegen im Kontext der ethischen Unterweisungen vor, wobei ein Schwerpunkt auf dem Gebot der Armenfürsorge und der Barmherzigkeitstaten liegt (vgl. die Worte des Vaters 4,3–19 bzw. die Abschiedsrede Rafaëls in 12,6–20; siehe auch zu 5,18). Aber auch im Hinblick auf die transzendente Verankerung des medizinischen Wissens (siehe zu 6,8–9) oder die Bedeutung des Gebets (siehe zu 3,16f.) fällt die Nähe zum Siraziden auf.

h) An biblische Traditionen knüpft auch die Angelologie des Buches mit dem Engel Rafaël an und führt diese weiter. Dabei ist bemerkenswert, dass hier eine Vermischung zweier ursprünglich getrennter angelologischer Vorstellungen erfolgt, nämlich der des Botenengels und der des Thronengels. Diese ist innerbiblisch erst in späten Überlieferungen zu greifen. 120

Wie in der Henochliteratur deutet sich dabei – im Unterschied zur biblischen Tradition – eine Hierarchisierung der Engelwelt an, da die Thronengel als eine besondere Gruppe hervorgehoben werden. Ein weiterer Unterschied zur älteren alttestamentlichen Überlieferung liegt vor, wenn der Engel hier auch einen Namen trägt. 121Eine solche Namensgebung ist in den biblischen Texten weder für den Boten- noch für die Thronengel bekannt. 122

i) Weitere Entsprechungen sind allgemeiner Natur: Wie die Ester- und Danielerzählung spielt auch diese Geschichte in der östlichen Diaspora, sodass gerade im Hinblick auf die spezifische Problematik dieser Situation, wie die Abgrenzung von den Völkern durch spezielle Speisegebote, auch einzelne Passagen dieser Bücher anklingen. Hinzu kommen weitere Bezüge zu anderen biblischen Schriften: So scheint die Erzählung mit dem Thema des Leidens des Gerechten auch auf die Hiobgeschichte zu rekurrieren; auffälligerweise finden sich hier aber keine sprachlichen Anspielungen, sondern nur eine Motiventsprechung, wenn die beiden Protagonisten Zielpunkt des Vorwurfs und der Anklage ihrer Ehefrau werden. 123

Außerbiblische antikjüdische Traditionen

Neben diesen biblischen Referenzen spielen aber auch außerbiblische antikjüdische Traditionen eine bedeutende Rolle. 124So enthält die Erzählung zahlreiche Verbindungen zu anderen auf Aramäisch vorliegenden Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels. Verbindende Motive sind die Wertschätzung der Endogamie, der Gedanke der Verbindung zwischen Dämonen und Menschenfrauen sowie die Halakha im Kontext der Abgaben am Jerusalemer Tempel. Darin berührt sich die Erzählung mit der Überlieferung des Äthiopischen Henoch, dem Aramaic Levi Document, dem Testament des Qahat, den Visionen Amrams und dem Genesis-Apokryphon. 125

Insbesondere sind hier die engen Beziehungen zum Wächterbuch der Henochüberlieferung in äthHen 6–11 zu nennen.

Diese Geschichte kennt den Gedanken, dass Engel den Menschenfrauen in sexueller Begierde zugeneigt sind und deshalb ihre himmlische Heimat verlassen, um sich mit ihnen zu verbinden; ihre Nachkommen werden dann auf Erden in der Gestalt von Riesen eine dämonische Existenz führen. Die gefallenen Engel werden unschädlich gemacht, indem man sie u. a. bindet, und so kann die Erde schließlich erlöst werden (äthHen 11–16; vgl. Gen 6,1–4). 126

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