Beate Ego - Tobit

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Diese Kommentierung stellt die antikjüdische Tobiterzählung in einen breiten traditionsgeschichtlichen Kontext, indem sie sowohl die darin enthaltenen Vorstellungen zu Engeln und Dämonen sowie zur antiken Medizin als auch ihre Torakonzeption analysiert. Außerdem wird eine synchron ausgerichtete Gesamtinterpretation vorgelegt, die zeigt, dass die Erzählung letztlich geschichtstheologisch zu verstehen ist. Sie macht deutlich, wie sich das antike Judentum in der Zeit der hellenistischen Herrschaft mit der Bedrohung durch die aggressive Politik der Großreiche auseinandersetzen konnte. Der Lobgesang des alten Tobit am Ende der Erzählung in Tob 13 eröffnet in diesem Kontext eine Hoffnungsperspektive für ihre Adressaten.

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Ein weiteres Stichwort für die Verbindung der kollektiven mit der individuellen Sphäre ist das des Schmerzes. So kann Tobit in seinem Geschichtsausblick davon sprechen, dass das Haus Gottes in Jerusalem nach der Zerstreuung der Israeliten in die Gefangenschaft „im Schmerz“ (λύπη) sein wird (14,4). Das Stichwort „Schmerz“ verweist hier intratextuell sowohl auf das Schicksal Tobits als auch auf das Schicksal der Sara, die beide voller Schmerz ihre Gebete sprechen (3,1.6.10). Zudem wünscht Edna ihrer Tochter vor der Hochzeitsnacht, dass Gott ihren Schmerz in Freude verwandeln möge (7,17). 140

Weitere Hinweise auf die Verbindung der individuellen Ebene mit der kollektiven finden sich, wenn gleich zu Beginn der Erzählung Tobit als Teil der Gruppe der Exilierten vorgestellt wird (1,3). Tobit nimmt das Wort Am 8,10 LXX, das sich in einem Plural an das Kollektiv richtet, für sein eigenes Schicksal in Anspruch, und so wird deutlich, dass er als Repräsentant des gesamten Volkes fungiert.

Auch Tobits Blindheit impliziert eine kollektive Dimension, insofern die Verbindung von Tod und Blindheit durch die biblische Tradition vorgegeben ist und diese Blindheit in einem kollektiven Kontext verorten kann. Blindheit gehört nach Dtn 28,28f.65 zu den Strafen für das untreue Israel (siehe auch Jes 6,9f.). Auf einen kollektiven Bezug des Motivs verweist auch die Beobachtung, dass der Zustand der Blindheit in Beziehung zur Situation des Stammes Naftali gesehen werden kann, da Aussagen vom „Volk, das im Finstern wandelt“ und „das im Lande der Dunkelheit lebte“ (Jes 8,23–9,1) auf diesen Stamm bezogen werden können. Auch der Hymnus mit dem Motiv der Lichtherrlichkeit Jerusalems (13,11; siehe auch die Edelsteine in der Stadt in 13,16–17) ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, da es an die Heilung Tobits von seiner Blindheit, die ihn wieder das Licht sehen lässt, erinnert (vgl. 3,17; 5,10; 11,14).

Darüber hinaus verweist auch das Element des Lobpreises auf die Verbindung zwischen Individuum und Kollektiv, insofern Tobit sowohl seinen Sohn (4,19) als auch dessen Kinder (14,8.9) zum Lobpreis Gottes auffordert. Schließlich findet eine Ausweitung dieses Chores auf die gesamte Völkerwelt statt (14,6f.; siehe auch 13,3.6.11).

Wie bereits beim Stichwort λύπη deutlich wurde, steht auch die Figur Saras in einem kollektiven Horizont. Durch die intratextuellen Bezüge über den Namen „Sara“ zu den Klageliedern (siehe Klgl 1,1f. mit Jerusalem als Fürstin [שׂרה]) kann ihre Geschichte als Parabel für das Geschick Jerusalems verstanden werden (siehe zu 3,7). So wird ihre Heilung paradigmatisch für die Erlösung des Volkes. 141

Auch im Endogamiegebot klingt letztlich die kollektive Ebene der Erzählung an, da dieses Gebot der Identitätserhaltung und -sicherung des gesamten Volkes dient. In seiner Abschiedsrede macht Tobit die Einhaltung der Endogamieforderung zudem zur Bedingung für den Besitz des Landes (siehe 4,12).

In diesem Kontext ist schließlich auch noch auf die Rolle des Dämons Asmo­däus zu verweisen. Er ist nicht nur ein individueller Feind Saras. Da der Dämon mit seiner tödlichen Aggression gegenüber ihren Ehemännern letztlich der Zukunft des gesamten Volkes und der Realisierung der Toratreue entgegensteht, hat seine Vertreibung ebenfalls kollektive Dimensionen.

Fazit: Durch die intratextuellen Bezüge entsteht ein konzises Konzept einer theologischen Geschichtsschau, das die Erzählung vom individuellen Geschick Tobits und seiner Familie übergreift und theologisch in die Geschichte Israels als Teil der Weltgeschichte einbindet. Das Exil ist aber nicht nur Ausdruck der Strafe; die Zerstreuung unter die Völker enthält auch einen positiven Aspekt, insofern sie zu einer Gelegenheit wird, Gott auch unter den Völkern zu preisen. Da die Rettung der Protagonisten für die Adressaten der Erzählung bereits in der Vergangenheit liegt, die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Land und das Neue Jerusalem aber noch nicht erfüllt ist, entsteht eine gewisse Spannung zwischen der Geschichte von der Heilung Tobits und Saras und den eschatologisch ausgerichteten Abschnitten (13; 14,4–7). Die vergangene Rettung der Protagonisten wird so zum Exempel und Hoffnungszeichen der künftigen Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Man kann die Erzählung als eine Resilienzgeschichte interpretieren, insofern die Kernerzählung mit dem Wandel vom Schmerz zur Heilung die Entwicklung Tobits zu einer resilienten Persönlichkeit zeigt und ihn gleichzeitig als kollektiven Resilienzträger charakterisiert (zu 13,1 – 14,1a „Wichtige buchinterne Bezüge“). Literarische Mittel wie die emotionale Darstellung des Geschehens dienen dabei den Rezipienten als Identifikationspotential, das die Funktion der Erzählung als individuelle und kollektive Resilienzresource erschließt. 142

Textgeschichtliche Aspekte

Weitere interessante diachrone Dimensionen eröffnet die Textgeschichte des Buches, insofern dieses in mehreren, z. T. sehr unterschiedlichen Versionen vorliegt. 143Hier sollen exemplarisch die Entwicklungen vom Langtext G IIzum Kurztext G I, die Traditionen der Vulgata sowie Verbindungen zwischen der antiken Überlieferung und den nach-antiken jüdischen Texten aufgezeigt werden.

Von G#sup#II#/sup# nach G#sup#I#/sup#Wichtig sind zunächst die inhaltlichen Verschiebungen, die sich in der Entwicklung von G IInach G Iergeben. 144

a) G IIund G Iunterscheiden sich durch einen veränderten Umgang mit den Gottesbezeichnungen, der auf gewisse Tendenzen bei der Überarbeitung schließen lässt.

– G Ihat, wie nicht anders zu erwarten, die Tendenz zu vereinfachen. So erscheint anstelle des Begriffs „Herrscher“ (3,14 G II) der weit verbreitete Begriff κύριος; Tob 14,7 G Iredet nicht vom „Gott der Ewigkeit“, sondern vom „Herrn“; Tob 13,4 sagt anstelle von „Vater und Gott in alle Ewigkeiten“ zusammenfassend „Vater in alle Ewigkeiten“. Daneben sind noch Belege zu nennen, in denen auf die Gottesbezeichnung verzichtet wird (so in 3,3.6) bzw. in denen die entsprechenden Verse kein Pendant in G Ihaben (5,10; 12,20).

– In G Ifindet durch die Veränderung der Gottesbezeichnungen eine besondere theologische Akzentuierung statt. Auffallend ist die Rede vom „Tempel der Wohnung des Höchsten“ in Tob 1,4 G I(anstelle vom „Tempel der Wohnung Gottes“ in G II). Tob 13,18 G Iliest „gepriesen sei der Gott, der alle Welt erhöht hat“ anstelle von „gepriesen sei der Gott Israels“. So werden die Macht Gottes und seine Universalität betont.

– G Iverwendet kombiniert die Begriffe κύριος und ὁ θεός insgesamt sieben Mal (3,11; 4,19; 14,2.6–7), wohingegen κύριος ὁ θεός in G IInur zweimal erscheint (4,21; 14,15; beide Passagen haben keine Entsprechung in G I).

– G Ikann die Rede vom „Gott des Himmels“ zurücknehmen. So ersetzt sowohl Tob 6,18 G Ials auch Tob 7,11 G I„Herr des Himmels“ aus G IIdurch den „barmherzigen Gott“; Tob 8,15 G Iliest anstelle „Gott des Himmels“ nur „Gott“.

– Tob 10,13 zeigt eine Tendenz zur Abkürzung. G IIliest: „er pries den Herrn des Himmels und der Erde, den König über alles“, während G Idann ganz lapidar formuliert: „er pries Gott“. 145In Tob 7,12 findet das Motiv in G Ikeine Entsprechung.

– Allerdings wird diese verkürzende Tendenz nicht durchgängig eingehalten, wenn Tob 10,12 G Ilesen kann: „der Herr des Himmels bringe dich zurück“ (anstelle des einfachen „der Herr bringe dich zurück“ in G II) und die Wendung „Herr des Himmels“ in Tob 7,17 unverändert bleibt. Tob 5,17 G Ibetont den Himmel als Wohnort der Gottheit, indem es hier heißt: „der Gott, der im Himmel wohnt“ (anstelle von „der im Himmel ist“).

– G Iunterstreicht die Heiligkeit Gottes, wenn Tob 12,12.15 G Idas Gottesepitheton „der Heilige“ haben (anstelle der Bezeichnung κύριος). Außerdem spricht Tob 3,11 G Inicht nur vom „Namen, der in Ewigkeiten gepriesen werden soll“, sondern vom „heiligen und ehrenvollen Namen“; Tob 8,5 G Ihat „dein heiliger und herrlicher Name“ (anst einfach „Name“ in 8,5 G II). Allerdings fällt auch auf, dass G Igerade da verkürzen kann, wo G IIden Begriff „heilig“ verwendet (so in 13,11 G II, wo es anstelle von „kommen […] zu deinem heiligen Namen“ in G Iheißt: „zum Namen des Herrn, des Gottes“). Tob 13,18 G Iverzichtet auf die Wiedergabe der Wendung „den heiligen Namen preisen“ (so in G II).

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