Beate Ego - Tobit

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Diese Kommentierung stellt die antikjüdische Tobiterzählung in einen breiten traditionsgeschichtlichen Kontext, indem sie sowohl die darin enthaltenen Vorstellungen zu Engeln und Dämonen sowie zur antiken Medizin als auch ihre Torakonzeption analysiert. Außerdem wird eine synchron ausgerichtete Gesamtinterpretation vorgelegt, die zeigt, dass die Erzählung letztlich geschichtstheologisch zu verstehen ist. Sie macht deutlich, wie sich das antike Judentum in der Zeit der hellenistischen Herrschaft mit der Bedrohung durch die aggressive Politik der Großreiche auseinandersetzen konnte. Der Lobgesang des alten Tobit am Ende der Erzählung in Tob 13 eröffnet in diesem Kontext eine Hoffnungsperspektive für ihre Adressaten.

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Der Rahmen mit dem Jerusalembezug scheint dagegen später hinzugefügt worden zu sein. Hierzu gehört wahrscheinlich Tob 1,1–3 in seiner jetzigen Gestalt (vielleicht mit einem älteren Substrat), Tob 1,4–8; 13 und 14 (vielleicht auch mit älteren Teilen).

Die konkreten Angaben zu Tobits Herkunft aus Galiläa und deren Implikationen für die Vorstellung eines „Groß-Israel“ (1,1f.), die Jerusalemwallfahrt (1,4–8), die Verweigerung der Bestattung der Landsleute (1,17f.) und die Erwartung eines neuen Tempels (13,11; 14,6–7) lassen sich – wenn auch nicht zwingend – gut in zeitlicher Nähe zur Makkabäer- bzw. Hasmonäerzeit erklären. 95

Zudem erscheint eine literarkritische Unterscheidung von Tob 13 und Tob 14 plausibel. Dafür spricht die Tatsache, dass diese Passagen Differenzen im Hinblick auf die künftige Rolle der Völker aufweisen. Während der Hymnus das Motiv der Völkerwallfahrt kennt (13,11–18), hat Tobits Testament lediglich eine universale Gotteserkenntnis der Völker im Blick (14,4b–7). Im Hymnus wird zudem das Motiv der Umkehr viel stärker in den Vordergrund gestellt. Nimmt man an, dass der Hymnus in Tob 13 jünger ist als das Kapitel mit der Geschichtsschau in Tob 14, so wäre die Kernerzählung von der Heilung des frommen Tobit und der unschuldigen Sara durch das Interesse einer geschichtstheologischen und eschatologischen Durchdringung des Stoffes in mehreren Stufen fortgeschrieben worden.

Datierung und Entstehungsort

DatierungIn der Forschung zeichnet sich der Konsens ab, die ursprüngliche Version des Tobitbuchs zwischen der Mitte des 3. Jh.s und 175 v. Chr. zu datieren. 96Als Terminus a quo gilt die Kanonisierung der Propheten als Heilige Schrift (vgl. 14,4) sowie aufgrund der Wendung „nach der Bestimmung des Buches des Mose“ (vgl. 6,13; 7,11.12.13) die Abfassung der Chronik. Als Terminus ad quem wird in der Regel die Makkabäerzeit genannt, da man annimmt, dass die Erzählung im Wesentlichen keine expliziten Hinweise auf die Religionsnot enthält. 97Eine solche Datierung passt zum Thema „Magie und Medizin“ sowie zu Tobits Weisheitslehre mit den zahlreichen Bezügen zu Jesus Sirach (siehe auch die anderen inhaltlichen und sprachlichen Verbindungen mit den Apokryphen und dem Corpus der aramäischsprachigen Literatur aus der Zeit des Zweiten Tempels; dazu unten unter „Biblische Referenzen“ sowie „Außerbiblische Traditionen“). Wenn man die Rahmenteile im Wesentlichen als spätere Fortschreibungen versteht (siehe zur Literarkritik), so ist eine Endredaktion in der Hasmonäerzeit nicht unwahrscheinlich.

EntstehungsortÜber den Entstehungsort der Erzählung liegt kein Forschungskonsens vor. Die einzelnen Motive ergeben ein buntes Bild, da sowohl babylonische als auch griechische Elemente vorhanden sind. Viele der Ausleger votieren für die östliche Diaspora als Ursprungsort, aber es gibt auch Stimmen, die für Jerusalem bzw. einen anderen Ort im Land Israel plädieren; zudem hat man an Ägypten gedacht. 98Eine Entscheidung ist nicht einfach zu fällen. Der bereits für die Grunderzählung gegebene Diasporabezug sowie die Häufung von Motiven, die in die östliche Diaspora verweisen (so v. a. Asmodäus, viele medizinische Vorstellungen und das Exorzismusritual, das Bestattungsmotiv, die positive Rolle des Hundes, die spezifische Ehekonzeption) können zwar durch die Annahme eines Motivtransfers erklärt werden; wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die östliche Diaspora, vermutlich Persien, tatsächlich als Herkunftsort des Stoffes zu gelten hat. 99Der Hinweis auf die fehlende Ortskenntnis des Autors 100oder die Motivverbindungen mit anderen aramäischen Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels, die im Land Israel entstanden sind (so ein wichtiges Argument bei Devorah Dimant und Andrew B. Perrin), sprechen zumindest nicht eindeutig gegen eine Lokalisierung im Osten. Zum einen sind bei den antiken Autoren, die noch keine Atlanten u. ä. besaßen, keine exakten geographischen Kenntnisse als selbstverständlich vorauszusetzen; zum anderen erzwingen auch die Motivverbindungen mit den anderen aramäischen Texten nicht notwendigerweise eine Lokalisierung im Land. So empfiehlt es sich hier, eher die Argumente auszuloten, denn eine konkrete Festlegung zu machen. 101Die griechischen Versionen deuten durch die Verwendung von Spezialvokabular auf Alexandria als Ort der Übersetzung, zumindest aber auf einen hellenistisch gebildeten Autor (siehe zu 1,21f.; TA 11,12.13a-a).

MilieuDas Ethos des Buches passt sehr gut in das Jerusalemer Milieu der Weisheitslehre, wie sie durch den Siraziden vertreten ist. Wer weiß, vielleicht hat ein solcher Weisheitslehrer den Stoff auch von einer seiner Reisen mitgebracht (vgl. Sir 39,4) und dann mit einem starken Akzent auf der ethischen Unterweisung bearbeitet? Die Erzählung ist in jedem Fall in einem prosperierenden Milieu entstanden, in dem man sowohl mit den biblischen Traditionen, und zwar der Weisheit ebenso wie der Prophetie, aufs Engste vertraut war, als auch mit babylonischen und persischen Vorstellungen und der griechisch-hellenistischen Kultur im Kontakt stand. 102Eine Beziehung zur Familie der Tobiaden ist nicht auszuschließen, lässt sich aber nur schwerlich im Gesamtkontext der Überlieferung konkreter fassen (zu 1,1).

Biblische und außerbiblische Bezüge und traditionsgeschichtliche Aspekte

Biblische Referenzen

Wie die Kommentierung im Einzelnen zeigen wird, ist die Erzählung sehr eng mit der biblischen Überlieferung verbunden, indem sie in einem reichen Maße auf ältere biblische Texte und Traditionen rekurriert. Bereits Israel Abrahams hat in einem 1893 erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Tobit and Genesis“ darauf aufmerksam gemacht, in welch hohem Maße die Erzählung an Überlieferungen aus dem Pentateuch erinnert. Dabei hatte er insbesondere die Bestattungsnotizen im Blick. 103Lothar Ruppert, der in diesem Kontext „von einer nachgestaltenden Erzählung“ sprechen kann, 104sowie Paul Deselaers, 105George W. E. Nickelsburg, 106Steven Weitzman, 107Norbert J. Hofmann 108und Micah H. Kiel 109haben diesen Ansatz aufgegriffen und weiter ausgebaut. 110

Wenn auch eine ausführliche Klassifikation der unterschiedlichen Referenzen einer eigenen Arbeit vorbehalten bleiben und für einzelne Bezüge auf die Kommentierung selbst verwiesen werden muss, können an dieser Stelle doch einige grundlegende Linien gezogen werden.

Gesetz des Mose– Ein klarer Rekurs auf die biblische Überlieferung erfolgt mit der Wendung vom „Buch des Mose“ bzw. dem „Gesetz des Mose“. Sie hat in der Überlieferung des Buches zwei konkrete Haftpunkte: zum einen in a) den Bestimmungen zur Wallfahrt nach Jerusalem und den Tempelabgaben, wodurch eine klare Fokussierung auf kultische Zusammenhänge erfolgt, und zum anderen b) im Kontext der Endogamieforderung.

a) Bemerkenswert im Hinblick auf das Motiv der Jerusalemwallfahrt mit den Abgaben an den Jerusalemer Tempel (1,4–8; vgl. 1,8: νόμος Μωσῆ) ist zunächst, dass die einzelnen Bestimmungen hier sehr differenziert dargelegt werden, wobei zahlreiche Rückgriffe auf unterschiedliche biblische Gebote zu den Abgaben erfolgen. 111

b) Der zweite Haftpunkt hängt mit dem Gebot der Endogamie zusammen, wonach der junge Tobias seine Verwandte Sara heiraten bzw. Sara einen Verwandten zum Ehemann nehmen soll. Die Referenz erfolgt zum ersten Mal in Tob 6,13 (siehe auch 7,11.12.13). Die Endogamieforderung der Abschiedsrede (4,12) enthält diesen expliziten Schriftbezug nicht; ebenso fehlt er im Gebet Saras (3,14). Allerdings findet sich an keiner Stelle der biblischen Überlieferung eine Bestimmung, die genau auf die hier vorliegende Form des Endogamiegebots, das auf die Heirat mit dem nächsten Verwandten ausgelegt ist und dessen Verletzung unter Todesstrafe steht, passt. Es ist anzunehmen, dass hier eine freie Auslegung der biblischen Erbtöchtertora (Num 27,1–11; 36,1–12) vorliegt, die den Terminus „Tora“ in einem weiteren Sinne auffasst, was auf eine Unterscheidung von „mündlicher“ und „schriftlicher Tora“ hinausläuft. 112

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