Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Die Protestanten dürfen sich jetzt frei bewegen, ihren Gottesdienst ohne Gefahr ausüben. »Mit fliegenden Fahnen ging man in das Lager der festländischen Reformation über.« Und zwar überwiegt das helvetische Glaubensbekenntnis. In ganz England wird das englische Gebetbuch eingeführt und ein paar Jahre später durch Cranmer das aus 42 Artikeln bestehende Glaubensbekenntnis veröffentlicht. Niemand macht sich schuldig es zu lesen, sich zu ihm offen zu bekennen. Die einst tage- und nächtelang brennenden Scheiterhaufen, auf denen Menschen aus beiden Religionen für ihren Glauben starben, sind erloschen.

Je mehr aber die Reformation Boden gewinnt, desto stärker wird auch der Widerstand der Katholiken. Am Hofe selbst, dessen König von seinen Lehrern und Ministern ganz dem Protestantismus zugeführt wird, gibt es trotzdem eine Menge Leute, die katholisch empfinden und in ihrem Innern gute Katholiken geblieben sind. Unter ihnen und allen voran die eigene Schwester des Königs, Maria Tudor. Auch sie hat der junge Eduard anfangs zu sich gerufen und sich ihr wie einer Mutter genähert. Sie ist bei seiner Thronbesteigung über dreißig Jahre alt. Durch ihre freudlose Jugend verbittert, im Haß gegen die Protestanten großgeworden, eine fanatische Katholikin. Unvorsichtigerweise versucht sie den kleinen König mit ihren eigenen Ideen bekannt zu machen. In mancher vertrauten Stunde der Unterhaltung klärt sie ihn über Dinge auf, die sonst vor ihm streng geheim gehalten werden. Im Gegensatz zu Elisabeth widersetzt sie sich gegen alles, was die Räte des Königs von ihr verlangen. Seit Maria die wuchtige Hand des Vaters nicht mehr über sich fühlt, glaubt sie wieder freier auftreten zu können.

Der Protektor wittert Gefahr. Er durchschaut die innerlich ganz katholisch gebliebene Prinzessin und deren gefährliches Spiel. Sie muß schleunigst aus der Umgebung des Königs entfernt werden. Nur selten noch und niemals allein wird Maria gestattet, den Bruder zu besuchen. Eduard Seymour meint, diese Besuche stimmen den König nur traurig, er verfalle in eine Melancholie, von der er sich lange Zeit nicht freimachen könne, wenn Maria dagewesen sei. Auch Elisabeth wird von nun an von Eduard fern gehalten, obwohl man durch sie gewiß keinen katholischen Einfluß zu befürchten hat. Sie ist damals in jeder Weise eine korrekte Protestantin. Aber man hat ein leises Unbehagen vor der allzu reifen Intelligenz und der bereits hervortretenden Persönlichkeit der jungen Prinzessin. Plötzlich findet man, daß Elisabeth eines größeren mütterlichen Schutzes bedarf als es bisher der Fall war. Sie ist bald vierzehn Jahre alt, in dem gefährlichen Alter zwischen Kind und Jungfrau. Das Leben am Hofe schließt Gefahren in sich, vor denen ein junges Mädchen behütet werden muß. Elisabeth kommt also ganz in das Haus der Königin Witwe Catherine, die sich schon zu Lebzeiten Heinrichs ihrer angenommen hat. Die Prinzessin erhält ihren eigenen Hofstaat, der aus 120 Personen besteht. Ihre Erzieherin und Gesellschafterin, Lady Ashley, eine Verwandte Anna Boleyns, deren Andenken sie in dem Kinde aufrechtzuerhalten sucht, bleibt bei ihr. Niemals darf indes der Name der Mutter Elisabeths genannt werden, auch jetzt nicht, da Heinrich längst tot ist. Die Prinzessin hütet sich übrigens, es noch einmal zu tun. Und doch erzählt ihr Lady Ashley manches. Sie verstehen sich auch ohne Nennung des Namens. Elisabeth lernt weiter ihre Gefühle verbergen, sich zu verstellen. Ob sie an die Unschuld ihrer unglücklichen Mutter glaubt, hat man von ihr nie erfahren. Als Königin hat sie, wie gesagt, es nicht unternommen, Anna Boleyn zu rehabilitieren. Nur ein einziges Mal erteilt sie – nach ihrer Thronbesteigung – dem damaligen Erzbischof von Canterbury, Mathew Parker, im geheimen den Auftrag, in den Archiven des Palais Lambeth nachzuforschen, ob eine päpstliche Bulle existiere, die die Ehe ihrer Mutter mit Heinrich VIII. bestätige. Parkers Nachforschungen waren natürlich ohne Erfolg, und damit ließ man die Angelegenheit auf sich beruhen.

Unter Catherine Parrs fürsorglichem Schutz lebt die junge Elisabeth dennoch verhältnismäßig frei und ungestört. Die achtunddreißigjährige lebensfrohe Witwe Heinrichs trauert nicht lange um den Verstorbenen. Einer der Seymours, des Protektors jüngerer Bruder, Thomas Seymour, ist bei der Thronbesteigung Eduards VI. zum Peer und Lordadmiral ernannt worden. Doch der Ehrgeiz der Seymour trachtet nach Höherem. Es zu erreichen, ist beiden Brüdern kein Mittel zu schlecht. Thomas neidet dem Bruder das Protektorat über den königlichen Knaben. Auch er will dem Throne nahe, mächtig, reich und einflußreich sein. Thomas Seymour ist schön, noch ziemlich jung, 38 Jahre. Sein Äußeres prädestiniert ihn dazu, eine repräsentative Stellung einzunehmen. Vor allem aber –: er wirkt fast mit magischer Gewalt auf Frauen. Seine hochgewachsene kräftige Gestalt, seine glänzenden Geistesgaben, sein unternehmender, kühner Charakter, seine Gewandtheit bei Turnieren, erleichtern ihm die Erfolge. Immer geht er gerade aufs Ziel los. Nichts scheint ihm zu gewagt, nichts zu hoch für seine Ansprüche. Erleidet er eine Niederlage, sofort findet er neue Mittel und Wege, um das Ziel zu erreichen, das er sich gesteckt hat.

Die Macht seines Bruders gibt ihm keine Ruhe. Maßloser Ehrgeiz lassen in ihm den Plan reifen, sich durch eine Familienverbindung mit dem Hofe Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Er ist keine schlechte Partie für eine Frau.

Seine Blicke richten sich auf die jüngste Prinzessin des Hofes, auf die Schwester des Königs, auf Elisabeth. Schon im Februar, wenige Tage nach dem Tode Heinrichs VIII., hält Thomas Seymour um die Hand Elisabeths an. Er wird von den Räten des Königs und von seinem Bruder prompt abgewiesen. Das verblüfft indes den kühnen Brautwerber in keiner Weise. Es muß nicht Elisabeth sein, die ihm zur Macht verhelfen soll. An die dreißigjährige Schwester Maria wird er kaum gedacht haben, denn er kannte deren rein katholische Gesinnung, die ihm in seinen Plänen nur geschadet hätte.

Das Ziel seiner Wünsche ist jetzt die Königin-Witwe selbst. Das Spiel wird ihm leicht, denn Catherine Parr liebte ihn bereits vor ihrer Verbindung mit dem König. Sie sagt nicht nein, als er um sie anhält, und gibt ihm ihre Hand mit solcher Eile, daß sich der an ungewöhnliche Dinge gewöhnte Hof sogar darüber entsetzt. Ihre Stieftochter Maria besonders ist außer sich, daß die Königin so kurz nach dem Tode des Königs ans Heiraten denkt. Der junge Eduard allein hat nichts dagegen und rät seiner Stiefmutter, die Ehe einzugehen. Übrigens braucht Catherine niemand zu fragen, und so heiratet sie den Lordadmiral im Geheimen im Frühjahr, die einen behaupten bereits im März, die anderen im Mai des Todesjahres Heinrichs VIII. Die Feindschaft der Brüder Seymour nimmt damit ihren Anfang.

In Chelsea, dem Schloß der Königin-Witwe, lebt Thomas Seymour durch seine Verheiratung auch mit Prinzessin Elisabeth, die er hatte heiraten wollen, unter einem Dache. Das junge Mädchen ist weder prüde noch schüchtern. Sie ist für ihr Alter auch körperlich sehr entwickelt. Das 16. Jahrhundert kennt wenig Delikatesse. Am Hofe Heinrichs VIII. hat man sich an manches Ungeheuerliche gewöhnt. In Liebesangelegenheiten ist man schon gar nicht heikel oder diskret. Kurz, zwischen der frühreifen Elisabeth und dem Lebemann Thomas Seymour entspinnen sich Beziehungen zweifelhafter Art. Anfangs werden sie von der Königin, die darüber Bescheid weiß, nicht ernst genommen. Sie weiß, ihr Gatte geht jeden Morgen in das Schlafzimmer der jungen Prinzessin, um sie mit einem Morgenkuß zu wecken. Dabei gestattet er sich Freiheiten gegen die im Bett Liegende, die das Maß seiner Rechte als Stiefvater nicht nur überschreiten, sondern mehr als ein eigenartiges Licht auf die am Hofe herrschenden Sitten und die Einstellung der handelnden Personen werfen. Das junge Mädchen Elisabeth ist weder empört noch verschämt. Sie geht zwar nicht direkt auf die lüsternen Scherze und Freiheiten ihres früheren Brautwerbers und jetzigen »Beschützers« ein, aber sie verwahrt sich nicht dagegen, sondern lacht, wenn Seymour zudringlich unter ihre Bettdecke faßt und sie kitzelt, oder, wenn er einen ihrer wunderschönen Füße festhält, daß sie wild vor Lachen um sich schlägt und aus dem Bett springt, um sich von ihm zu befreien. Ihre Unbändigkeit reizt ihn zu immer kühneren Späßen. Die Vierzehnjährige denkt sich vielleicht nicht viel bei alledem. Vorläufig ist das Kind in ihr noch vorherrschend. Aber Seymour ist keineswegs harmlos. Lady Ashley, die die Besuche des Lords bei ihrer Schutzbefohlenen nicht verbieten kann oder vielleicht nicht einmal verhindern will, hält es indes doch für geraten, die Königin von gewissen Dingen zu unterrichten. Und sei es auch nur, damit man ihr später nicht vorwerfen kann, sie habe zu allem geschwiegen. Catherine hört mit gespielter Gleichgültigkeit zu. Sie ist klug genug, sich selbst und ihren Gatten vor der Hofdame nicht bloßzustellen. Sie erwidert: »Ach, Elisabeth ist ja noch ein Kind. Lord Seymour bringt ihr nichts als väterliche Gefühle entgegen. Er lacht und scherzt mit ihr. Das ist alles.«

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