Selbstverständlich werden Elisabeth und ihr Bruder mit der neuen Religion bekannt, deren Anhängerin auch Catherine Parr ist. Die Kinder erhalten regelrechten Religionsunterricht. Sie beginnen ihren Tag mit Gebeten und religiöser Lektüre aus dem Alten oder Neuen Testament. Nach dem Frühstück gibt es Sprachunterricht, Literaturstunden und später Kunstgeschichte und Philosophie. Auch der Prinz ist seinem Alter nach im Schulunterricht weit voraus. Er muß sich außerdem, zur Stärkung des Körpers, in Ritterspielen und den Waffen üben, denn die Renaissance verabscheut Weichlinge und Stubenhocker.
Elisabeth wiederum darf Musik und Tanz nicht vernachlässigen. Sie lernt die Laute schlagen und die Viola spielen. Handarbeiten füllen zur Schonung des Geistes ein paar Stunden des Tages des Kindes aus. Immer aber ist die neue Glaubenslehre der Leitstern des ganzen Unterrichts. Mit Gott beginnen die Kinder den Tag, mit Gott beenden sie ihn. Und doch ist Anna Boleyns Tochter ebensowenig eine wirkliche Protestantin geworden, wie sie, während Marias Regierung, eine wirkliche Katholikin war. Elisabeths spätere Willfährigkeit gegen die römischen Kirchengebräuche entsprang zwar hauptsächlich ihrer äußerst klug berechnenden Politik, teils aber auch einer gewissen Lauheit gegen die neuen Glaubensanschauungen. Wie bei Heinrich, ihrem Vater, ist auch bei Elisabeth das religiöse Gefühl schwankend. Heinrich brach mit der römischen Kirche eigentlich nur aus Trotz, nur weil Rom ihm die Auflösung seiner Ehe verweigerte. Allerdings hatte er die Nationale Kirche bereits so weit in der Hand, daß er diesen gefährlichen Schritt ohne weiteres wagen konnte. In seiner in allen Dingen schrankenlosen Willkür wollte er Alleinherrscher auch über die Kirche sein. Und er führte durch, was er wollte. Um mit Erich Mareks zu reden, »Er hat sich den Wechsel der Verfassung, des Eides erzwungen. Er hat so die stärkstgefügte der englischen Institutionen mit allem ihren Reichtum an moralischem Einfluß und an materiellem Gute und politischer Macht dem Königtume einverleibt. Er hob damit sich selber über die Gewalt des Parlaments, dessen er sich in alledem als seines Werkzeuges bediente, aufs neue hoch empor«. Heinrich blieb trotz allem Katholik, wenn er auch durch Thomas Cromwell als Generalvikar die Klöster aufheben ließ und alle mit Gewalttat und Grausamkeit bestrafte, die sich seinem Willen widersetzten. Er machte dabei keinen Unterschied, ob es Katholiken oder Protestanten waren. Jeder, der sich seinem Machtwort nicht fügte, wurde mit dem Scheiterhaufen bestraft.
Worin Heinrich VIII. aber machtlos erschien, war, daß auch er die protestantische Strömung von England nicht aufhalten konnte. Er beschützte zwar schon früher manchen Reformator, wie Latimer, aber sein trotziger völliger Abfall von Rom machte den Boden in England für den neuen Geist, der aus Deutschland kam, erst völlig aufnahmefähig. Die Bibel wird Allgemeingut. Jeder Engländer darf sie in der Landessprache lesen. Noch aber ist es eine unvollkommene Kirchenreform, die Heinrich aus persönlichem Egoismus herbeigeführt hat. Die Zeiten sind zerrissen, das Volk ist in religiösen Spaltungen verwirrt. Der Lebenswandel und Frevel des Herrschers lasten auf dem Lande. England ist von einer maßlosen Unruhe erfaßt, obwohl sein Wohlstand und Reichtum zunehmen. Am Hofe herrscht durch das rohe Gefühlsleben des Königs unter der Tünche schwelgerischer Pracht und Genußsucht die gleiche Zerrissenheit, die gleiche Unruhe. Viele zweifeln an Heinrichs aufrichtiger Überzeugung.
Das Kind Elisabeth sieht verhältnismäßig wenig von diesem Leben. Als sie nach jahrelangem Fernhalten vom Hofe endlich durch Catherine Parr wieder in der Nähe ihres Vaters leben darf, wird sie nicht lange darauf ein ganzes Jahr lang von neuem aus seinem Gesichtskreis verjagt. Sie hat in kindlicher Unschuld den Namen ihrer Mutter öffentlich ausgesprochen! Es ist aber allen, auch den Kindern, streng verboten, jemals die geschiedenen oder gemordeten Frauen Heinrichs zu erwähnen. Heinrichs Zorn entlädt sich über die zehnjährige Tochter Anna Boleyns, das lebende Zeugnis seiner furchtbaren Tat. Nicht einmal die Fürsprache ihrer gütigen Beschützerin nützt Elisabeth. Catherine vermag ihren Gemahl nicht zu bewegen, dem Kinde zu verzeihen. Es wird in St. James Palace von allem Familienleben des Königs ferngehalten, auch die Königin darf es nicht besuchen.
Fast ist ein Jahr vergangen, seitdem Elisabeth die Ungnade des Vaters erduldet. Er ist inzwischen zur Belagerung von Boulogne in den Krieg gegen Franz I. gezogen. Diese Gelegenheit ergreift die Elfjährige, um des Vaters Herz zu rühren. Es existiert ein italienisch geschriebener Brief von der Hand des Kindes vom 21. Juli 1544 an ihre »gute Freundin und wirkliche Mutter, die Königin«. Die kleine verbannte Prinzessin bedauert darin unendlich, der Gesellschaft Catherines beraubt zu sein. Sie empfindet diese Trennung als unerträglich, wenn sie nicht hoffen könne, sie bald wiederzusehen.
»In meiner Verbannung«, schreibt Elisabeth, wahrscheinlich unter der Leitung ihres italienischen Lehrers, »habe ich wohl gemerkt, daß Sie, Hoheit, sich in Ihrer Güte um mein Wohlbefinden ebenso besorgt und liebevoll gekümmert haben, wie es der König selbst getan haben würde. Daher fühle ich mich nicht nur verpflichtet, Ihnen zu gehorchen, sondern Sie auch wie eine Tochter zu verehren und zu lieben, vor allem, weil ich weiß, daß Eure Hoheit niemals vergessen, von mir in Ihren Briefen an Seine Majestät zu sprechen. Es ist also an mir, mich an Sie um Ihre Fürbitte beim König zu wenden, denn bis jetzt habe ich noch nicht gewagt, an ihn selbst zu schreiben. Ich bitte Eure ausgezeichnete Hoheit, mich, wenn Sie Seiner Majestät schreiben, ihm besonders mit der Bitte zu empfehlen, er möge mir seinen für mich so süßen Segen erteilen. Ebenso heiß erflehe ich von unserm Herrgott, ihm den besten Erfolg und den Sieg über seine Feinde zu gewähren, damit Eure Hoheit und ich uns auf die baldige Rückkehr Seiner Majestät freuen können.
Gleichzeitig bitte ich Gott, Eurer Hoheit ein langes Leben zu schenken. Ich küsse Eurer Hoheit demütig die Hände und überlasse und empfehle mich ganz Ihrer Güte
Eurer Hoheit gehorsamste Tochter und treueste Dienerin
Elisabeth.«
Es ist erstaunlich, wie gut sich bereits das kleine Mädchen in einer fremden Sprache auszudrücken versteht, selbst wenn ihr der Lehrer dabei geholfen hat. Die Renaissance forderte von den höfischen jungen Damen in diesem Alter bereits einen Stil und die Persönlichkeit des Ausdrucks, die Elisabeth später durch ihre geschraubte Schreibweise stark verminderte. Um dieselbe Zeit, da sie diesen Brief an die Königin schreibt, beschäftigt sich das Kind mit einer schwierigen literarischen Arbeit, einer Übersetzung aus dem Französischen der Margarete von Valois, »Miroir de l'âme pècheresse«. Mit einer beinahe geistig überlegenen Bemerkung sendet Elisabeth das Werk an die Königin Catherine. »Ich habe versucht, das Werk und seinen Geist so gut ich es vermag wiederzugeben, aber es bleibt leider noch viel zu wünschen übrig. Viele Stellen sind ungeschickt und nicht nach meiner Zufriedenheit ausgefallen.« Die Selbstkritik einer Elfjährigen ist erstaunlich.
Catherine erreicht es schließlich doch, daß sich Heinrich mit seiner Tochter Elisabeth versöhnt. Sie darf sich wieder vor ihm sehen lassen, wenn er auch wenig Notiz von ihr nimmt. Das Kind aber ist für jedes Wort, jeden Blick, jede Geste des Vaters dankbar. Sie liebt ihren Vater. Er ist der König von England. Und sie ist seine Tochter. Am glücklichsten ist sie jedoch, nun wieder mit ihrem Bruder Eduard vereint zu sein. Diese Trennung ist ihr am schwersten gefallen.
Drittes Kapitel. Erste Heiratspläne
Inhaltsverzeichnis
Inzwischen hat Heinrich VIII. bereits seit zwei Jahren sowohl für seinen jungen Sohn als auch für seine damals erst neunjährige Tochter Elisabeth Heiratspläne im Sinn. Im Jahre 1542 starb Jakob V., König von Schottland, und fast gleichzeitig war ihm eine Tochter geboren, die spätere Maria Stuart, die nun Königin von Schottland ist. Die Religionskämpfe der Schotten und Engländer bei Solway, nach denen Jakob von seinem Adel verlassen wurde und er die größte Niederlage seines Lebens erlitt, brachen ihm das Herz. Heinrich VIII. gedachte sofort die ganze Insel unter seine Herrschaft zu bringen. Er glaubte das am besten zu erreichen, wenn er die eben erst geborene schottische Königin Maria mit seinem Sohn Eduard verlobte. Mit achtzehn Jahren oder früher konnte der Prinz heiraten, dann war die kleine Braut zwölf oder dreizehn. Aber schon jetzt verfolgte Heinrich seinen Plan. Um sich die schottischen Großen gefügig zu machen, schenkte er allen in der Schlacht gefangenen vornehmen Schotten die Freiheit. Sie sollten in ihre Heimat zurückkehren und seinen Plan nach Kräften unterstützen. Einige gingen sogar sofort nach London, um dem jungen Prinzen von Wales als zukünftigen Gemahl ihrer noch in den Windeln liegenden Königin zu huldigen.
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