Wohl hätte sie in ihrem schönen Schlosse an den blauen Ufern des Genfersees zufrieden leben und ebenfalls ein Glück, wenn auch ein anderes als in Paris, finden können. Frau von Staël war indes keine Dichterin, die von der Stille der Natur und einer schönen Landschaft begeistert oder inspiriert wurde. Sie brauchte das stark pulsierende Leben der Großstadt. Sie brauchte Paris mit seinen tausend Zerstreuungen und Abwechslungen. Denn trotz ihres unbestreitbar grossen schriftstellerischen Talentes war sie nicht die feinempfindende Künstlerin, deren Auge in und mit der Natur geniesst. Sie sah eine schöne Landschaft, prägte sie sich in ihrem Geist ein, war aber unfähig, wirklich ästhetisch zu geniessen und das Gesehene mit der Seele des Dichters zu beschreiben. Auf ihrer Flucht vor der Gewalt Napoleons sah sie die herrlichsten Länder. Sie erlebte Galiziens romantische Schönheit, Russlands träumerische Landschaft, Deutschlands herrliche Wälder und die majestätischen Felsen Skandinaviens. Sie alle sind an ihrem sehenden und beobachtenden Auge vorübergezogen, aber kein einziges dieser Landschaftsbilder hat ihre Seele wahrhaft berührt. Ihr Interesse wurde nur von dem einen Gedanken beherrscht: Paris! Sie durcheilte Länder und Städte wie eine neugierige Touristin. Die Menschen interessierten sie mehr als die Natur. Eine einzige geistreiche Plauderstunde mit ihren Freunden in Paris ging ihr über alles. Und doch war sie eine Bewunderin des grossen Naturschwärmers Rousseau.
Wie gesagt, es waren in ihr die stärksten Gegensätze vereint. Wenn Frau von Staël indes wenig geeignet ist, uns ein farbenprächtiges Gemälde der Natur in ihren Büchern zu bieten, so hat sie es um so besser verstanden, Menschen und Sitten zu beobachten. Das Beste in dieser Beziehung hat sie in den «Dix Années d'Exil» mit der Schilderung Russlands und seiner Bewohner geboten. Sie sieht und versteht den russischen Bauer, den Muschik. Sie fühlt, wie er denkt, wie er lebt, arbeitet und faulenzt. Sie ergründet das Innere des russischen Juden. Sie schaut in die Bürgerhäuser und die Paläste. Sie, die kein Wort Russisch kann, versteht doch so gut dieses eigenartige Volk und beurteilt es treffender als ein russischer Schriftsteller. Durch Frau von Staël sind die Franzosen erst ein wenig bekannter mit den Sitten und dem Leben in Russland geworden. Ehe ihr Werk erschien, wusste man in Frankreich recht wenig davon. In Paris kannte man nur die europäisierten Russen der höfischen Welt, die Gesandten und vornehmen Weltleute, die nach Paris kamen, um entweder ihres Amtes zu walten oder auch nur ihr ungeheures Vermögen auszugeben und sich zu amüsieren. Und man hatte nicht immer von allen einen günstigen Eindruck bekommen. Frau von Staël aber sprach den Franzosen in ihren Büchern von dem Volke und seinem Leben. Auch Deutschland hat sie in ihrem Werk «De l'Allemagne» ihren Landsleuten um vieles näher gebracht. Wie wunderbar sind alle ihre Schilderungen der Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnet! Auch in Deutschland macht ihr die Sprache Schwierigkeiten, wenigstens im Anfang. Dennoch ist sie von der deutschen Literatur begeistert. In Weimar trifft sie mit Goethe, Wieland und Schiller zusammen und ist erstaunt, ausserhalb Frankreichs so viele geistige Reichtümer zu finden. Drei Monate lang wird sie von dem Herzog und der Herzogin von Weimar festgehalten, so sehr gefällt die geistreiche Frau. Auch in Berlin hatte sie den grössten Erfolg. Sie, die überzeugte Republikanerin, war von der reizenden Königin Luise begeistert und angezogen. Nichts entging ihrem scharfen Auge, und als sie ihr Buch über Deutschland beendet hatte, freute sie sich, es den Franzosen schenken zu können, um sie mit den neuen Ideen dieses Landes bekanntzumachen. Wie enttäuscht war sie deshalb, als sie im Oktober 1810 vom französischen Polizeiministerium den Bescheid erhielt, dass ihr Buch nicht erscheinen dürfe, weil es zu deutschfreundlich sei. Im Zusammenhang damit musste sie auch Herrn von Schlegel, den deutschen Gelehrten, der ihren Sohn erzog, verabschieden, mit der Begründung, er flösse ihr eine antifranzösische Gesinnung ein!
Die Memoiren dieser genialen und geistreichen Frau, die so vieles erlebte, sind äusserst interessant. Sie konnte sie jedoch nicht beenden, da sie der Tod überraschte. Frau von Staël starb am 14. Juli 1817, dem Jahrestag der Französischen Revolution, in Coppet am Genfersee in den Armen Julie Récamiers, ihrer besten Freundin. Die Schönheit und das Genie hatten sich zusammengefunden; nur der Tod vermochte sie zu trennen.
Königin Luise von Preussen
Inhaltsverzeichnis
Luises Leben war, abgesehen von den ersten Jahren ihrer wolkenlosen friedlichen Ehe mit Friedrich Wilhelm III., Leid und Kummer. Die Folgen der Politik gegen die Gewaltherrschaft Napoleons I. waren geradezu tragisch für sie und ihr Land. Sie erlebte Dinge, denen weder die Romantik noch das furchtbarste Verhängnis mangelte. Vom Idyllischen ihrer Jugend bis zur erschütternden Stunde ihres frühen Todes ist alles in ihrem Leben einzig und bewegend. Nur wenige Jahre war sie im Glück. Ganz jung schon erfuhr sie die Leiden des Lebens. Aus ihrer Hauptstadt vertrieben, ihrer Staaten beraubt, erduldete sie Not und Entbehrung in der Verbannung. Bittere Enttäuschung über Menschen, die sie am meisten liebte und verehrte, Unglück in der Politik waren ihr Los. Krank im Innersten und mit dem Todeskeim in der Brust, kehrte sie nach schweren Sorgen in ihre Hauptstadt zurück. An der Schwelle einer kommenden besseren Zeit, zu der sie indirekt beigetragen hatte, musste sie aus dem Leben scheiden. Sie erlebte nicht die Früchte ihres Strebens. Sie erlebte nicht den Umschwung der Politik gegen Napoleon, nicht seine Niederlagen, nicht den Untergang ihres Todfeindes.
Luise litt unsäglich unter dem Unglück, das sie, seiner Folgen unbewusst, mit heraufbeschworen hatte. Sie musste die Fehler, die sie wohl im Glauben an etwas Gutes beging, schwer büssen. Sie selbst war sich keiner Schuld bewusst, denn sie besass nicht den Ehrgeiz wie manche Frauen der Geschichte, die die Zügel der Regierung an sich rissen und grössere Tyrannen waren als ihre königlichen Gatten. Sanftheit und Milde, die Grundzüge ihres Charakters, waren das Resultat der Erziehung, die sie durch ihre Grossmutter genossen hatte. Denn Luise verlor bereits als sechsjähriges Kind ihre Mutter, eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt. Der Vater, Prinz Karl Ludwig Friedrich von Mecklenburg-Strelitz, der Bruder des prachtliebenden regierenden Herzogs Adolf Friedrich IV., vermählte sich in zweiter Ehe mit der Schwester seiner Frau. Aber schon nach einem Jahr starb auch sie, ebenfalls wie ihre Schwester, im Wochenbett. Die Stiefkinder waren aufs neue mutterlos. Zu einer dritten Ehe konnte sich Karl Ludwig nicht entschliessen. Er nahm als Feldmarschall seinen Abschied aus dem hannoverschen Heere und ging auf Reisen. Seine drei Töchter, Therese, Luise und Friederike, brachte er zur Grossmutter nach Darmstadt.
Luise kam in einem Alter zu ihrer Grossmutter, der Witwe des Prinzen Georg Wilhelm von Darmstadt, da das kindliche Gemüt am empfänglichsten für gute und schlechte Eindrücke ist. Sie sah nur Gutes und hörte nur Gutes in dem alten Palais am Darmstädter Markt.
Im Jahre 1792 reiste die Grossmutter mit den Prinzessinnen nach Frankfurt. Man lebte in einer aufgeregten Zeit. Drei Jahre vorher war die französische Revolution ausgebrochen. Dann kam der Einzug des preussischen Heeres in Frankreich, der Rückzug und die Bedrohung Deutschlands durch französische Truppen. Man hatte sie gerade aus Frankfurt verjagt. Die Verbündeten waren eingerückt, und König Friedrich Wilhelm II. von Preussen hatte mit seinen beiden Söhnen, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dem Prinzen Louis hier sein Hauptquartier aufgeschlagen. Alles, was es damals an hohen Persönlichkeiten, Fürsten, Feldherren, Staatsmännern, aber auch an Abenteurern, Scharlatanen in Deutschland und Oesterreich gab, war in der Mainstadt anwesend, dazu eine Unmenge französischer Emigranten.
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