Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Dank Letizias unablässigen Bemühungen um Unterstützung verbesserte sich ihre Lage ein wenig. Man konnte sich bald eine anständige Wohnung nehmen und zog nach der Rue du Faubourg de Rome. Um Napoleon zu schmeicheln, der anfing, einen gewissen Einfluss auf seine Umgebung auszuüben, hatten die Kommissare des Wohlfahrtsausschusses der Familie Bonaparte eine Unterstützung zukommen lassen, die Letizia gestattete, für sich und ihre Töchter Kleider und etwas Wäsche zu kaufen, deren sie sehr nötig bedurften.

Beziehungen zu anderen Familien hatten die Bonaparte anfangs in Marseille fast keine. Sie waren viel zu arm, als dass sie gesellschaftlichen Verkehr hätten pflegen können. Später, als ihre Lage etwas besser wurde, schlossen sie sich der reichen Kaufmannsfamilie Clary an, deren älteste Tochter im Jahre 1794 Josephs Frau wurde. Einige Korsen, darunter der General Cervoni, der Zahlungsanweiser Villemanzy, später ein glühender Bewunderer des napoleonischen Genies und damals wohl der Schönheit Letizias, sowie die beiden Volksvertreter Fréron und Barras, das war der von der Familie Bonaparte besuchte Gesellschaftskreis. Infolge des Einflusses der beiden Volksvertreter und der Bemühungen Josephs erhielt Letizia die längst ersehnte Pension, die die Regierung allen geflüchteten korsischen Patrioten bewilligte. Sie belief sich auf je 75 Franken monatlich für die Mutter und die beiden ältesten Töchter, sowie auf je 45 Franken für die beiden jüngsten Kinder.

Als Napoleon Ende 1793 zum Bataillonschef der Belagerungsartillerie vor Toulon ernannt worden war, übersiedelte Letizia, um dem Sohne näher zu sein, in die Umgebung der belagerten Stadt. Hier konnte er sie besser und leichter unterstützen. Bald strahlte sein Ruhm auf die ganze Familie aus: mit der Eroberung von Toulon hatte auch die grösste Not der Bonaparte vorläufig ein Ende.

Nachdem Napoleon Brigadegeneral und gleichzeitig mit dem Kommando der Artillerie der italienischen Armee und mit der Inspektion der Küstenbatterien betraut worden war, riefen ihn seine Pflichten nach Antibes. Dorthin liess er auch im Frühjahr seine Mutter und Schwestern kommen. Er brachte sie im Schlosse Sallé unter. Hier lebte Letizia immer noch sehr einfach, obwohl ihre Lage im Vergleich zu den ersten Wochen in Marseille glänzend war. Sie hat den Aufenthalt in dem alten, malerisch gelegenen, von Licht und Sonne umflossenen Schlosse niemals vergessen. Noch als Kaisermutter erzählte sie, dass sie dort die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht habe. Und doch erinnerten sich die Einwohner von Antibes noch lange, dass Frau Bonaparte ihre Wäsche in dem vorbeifliessenden Flusse selbst gespült hatte.

Dies hinderte Madame indes nicht, auch «ihre Salons» zu eröffnen. Die lebenslustigen Töchter bestanden darauf. Der Sohn brachte seine Kameraden, junge liebenswürdige Offiziere, ins Haus seiner Mutter, bei deren Gesellschaften er stets zugegen war. Man spielte ein wenig Theater, deklamierte, sang und tanzte, und Fröhlichkeit herrschte von morgens bis abends im Schlosse Sallé; dafür sorgte schon die tolle Paulette.

Im darauffolgenden Sommer ging Letizia mit dem Sohne nach Nizza. Erst nach fünfmonatiger Abwesenheit kehrte die Familie nach Marseille zurück. Inzwischen hatte sich Joseph verheiratet. Die Mutter hoffte, ihr Sohn Napoleon werde die junge Schwägerin Josephs, Désirée Clary, heimführen, aber böse Zungen behaupteten, die Clary hätten mit einem Bonaparte in der Familie genug gehabt. Auch Lucien schloss einen Bund. Seine Heirat mit Christine Boyer, der Tochter eines Gastwirts, war nicht nach dem Geschmack der Familie. Aber die einfache Letizia söhnte sich bald mit der Schwiegertochter aus, weil diese bescheiden und anspruchslos war, ihren Mann über alles liebte und ihm Kinder schenkte. Das gefiel der Korsin.

Mehr Enttäuschung erlebte Frau Bonaparte durch die Heirat ihres Napoleon mit der ehemaligen Vicomtesse de Beauharnais. Letizia war über diesen Schritt ihres Sohnes so ärgerlich, dass sie ihren Aufenthalt in Marseille verlängerte, obwohl Napoleon immer drängte, sie solle nach Paris kommen. Ein besonderer Grund zur Sorge für sie war, dass dieser Ehebund nicht durch die priesterliche Weihe geheiligt worden war. Letizias frommer Glaube litt darunter. Abergläubisch, wie alle Bonaparte, sah sie darin ein böses Omen für die Zukunft ihres Napoleon. Letizia glaubte nicht, dass Josephine ihren Sohn glücklich machen könne. Am meisten fühlte sie sich in ihrem Mutterstolze dadurch verletzt, dass Napoleon, ganz gegen korsische Sitte, sie, die Mutter, das Oberhaupt der Familie, nicht um ihre Einwilligung zur Heirat gebeten hatte.

Bald jedoch wurde Letizias Sorge über diese Heirat durch die Ernennung Napoleons zum Oberbefehlshaber der italienischen Armee verdrängt. Und als der General auf seiner Reise nach Italien durch Marseille kam, um von den Seinen Abschied zu nehmen, umarmte Letizia ihn mit den Worten: «Nun bist du ein grosser General!» Darin lag der ganze Stolz, das ganze Glück der Mutter. Ihr Segen begleitete ihn ins Feld. Als er von ihr ging, dem Ruhme und Glanze entgegen, da rief sie ihm nach: «Sei ja nicht unvorsichtig, nicht waghalsiger, als es dein Ansehen erfordert! Gott! Mit welcher Angst werde ich jeder Schlacht entgegensehen! Gott und die Heilige Jungfrau mögen dich schützen!» In Gedanken folgte die Mutter seinem Ruhme mit ihren Wünschen für sein Wohlergehen.

Als Letizia später in Begleitung ihrer Kinder den Sieger von Montenotte, Millesimo, Castiglione und Arcole in Italien wiedersah, den bleichen mageren General, der nicht Rast noch Ruhe kannte, presste sie ihn voll Stolz an ihr Herz und sagte: «O Napolione, ich bin die glücklichste aller Mütter!» Es entschlüpften ihr aber auch die sorgenden Worte: «Du tötest dich.» – «Im Gegenteil», erwiderte Napoleon heiter, «es scheint mir, dass ich lebe!» – «Sage lieber», warf Letizia ein, «dass du in der Nachwelt leben wirst – aber jetzt ...!» – «Nun, Signora», entgegnete der Sohn – sie hatte es besonders gern, wenn er sie Signora nannte – «nun, Signora, heisst das etwa sterben?»

Noch einmal kehrte Frau Bonaparte nach Marseille zurück. Von dort begab sie sich mit ihrer Tochter Elisa, die inzwischen Frau Baciocchi geworden war, nach der jetzt endlich vom englischen Einfluss befreiten Heimatinsel. Mit welcher Freude begrüsste sie die alten lieben Felsen! Arm und hilflos war sie einst vor ihren Verfolgern geflüchtet – als Mutter des gefeierten italienischen Siegers kehrte sie jetzt zurück. Aber ihr Haus fand sie verwüstet. Sofort machte sie sich an die Arbeit, das Nest für sich und die Ihrigen wieder aufzubauen. Uebergrosse Anstrengungen aber warfen sie aufs Krankenlager und verlängerten ihren Aufenthalt in Korsika. So erfuhr sie von dem Triumphe, den man ihrem «grossen General» bei seiner Rückkehr nach Paris entgegenbrachte, nur vom Hörensagen und durch die Zeitungen.

Während Napoleon in Aegypten war, versuchten englische Nachrichten oft, die Ruhe der Mutter des Siegers zu stören, indem sie das Gerücht von seinem Tode verbreiteten. Aber Letizias festes Vertrauen auf sein Genie liess sich nicht so leicht erschüttern. Eines Tages sagte sie zu verschiedenen bei ihr in Ajaccio anwesenden Personen mit leichter Zuversicht: «Mein Sohn wird in Aegypten nicht so elend umkommen, wie es seine Feinde gern möchten. Ich fühle, dass er zu Höherem bestimmt ist!» Auch sie glaubte an den Stern Napoleons. Um dieselbe Zeit, als sich der General Bonaparte in Aegypten nach Frankreich einschiffte, verliess auch seine Mutter die heimatliche Insel. Sie traf einige Tage vor ihrem Sohne in Paris ein, ohne zu ahnen, dass sie ihn so bald wiedersehen werde.

Der Staatsstreich vom 18. Brumaire fand statt. Frau Letizia, die bei ihrem Sohn Joseph wohnte, zitterte um das Geschick ihrer Kinder, wie die Mutter der Gracchen. Aeusserlich merkte man ihr zwar nicht viel an, nur Totenblässe bedeckte ihr Gesicht, und jedes Geräusch erschreckte sie. Die spätere Herzogin von Abrantes, die sich am 19. Brumaire mit ihrer Mutter, Letizia und Pauline im Theater Feydeau befand, erzählte von Letizias Gemütsverfassung an diesem Tage folgendes: Frau Bonaparte schien ausserordentlich aufgeregt und besorgt zu sein. Sie sagte freilich nichts, sah aber öfter nach der Tür der Loge, und meine Mutter und ich merkten, dass sie jemand erwartete. Der Vorhang ging auf, das Stück begann ganz ruhig. Plötzlich trat der Regisseur vor die Rampe, verbeugte sich und sagte mit lauter Stimme: «Bürger! Der General Bonaparte ist soeben in Saint-Cloud einem Attentat der Vaterlandsverräter entgangen!»

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