Zu jener Zeit hielt sie sich in den Bädern von Lucca auf, wo auch ihre Tochter Paulette weilte. Erst 17 Tage später, am 19. Dezember 1804, kehrte Frau Bonaparte nach Paris zurück und nahm in dem einst von Lucien bewohnten Hotel de Brienne Wohnung. Es ist offenbar, dass Letizia nicht Zeuge der Einsegnung des Kaiserreiches sein wollte, dessen Einrichtung die noch von republikanischen Grundsätzen erfüllte Korsin nicht billigen konnte. Auch war sie tief in ihrem Mutterstolze verletzt, dass Napoleon sie nicht durch einen besonderen Boten von seiner Thronbesteigung in Kenntnis gesetzt hatte. Durch derartige Vernachlässigungen fühlte sich Letizia immer tief gekränkt. Und so traf sie absichtlich erst später, als alles vorüber war, in Paris ein. Der nunmehrige Kaiser empfing seine Mutter mit einfacher Herzlichkeit, und Letizia ergriff von neuem die Gelegenheit, ihn mit Lucien auszusöhnen. Aber es blieb alles beim alten.
Jetzt galt es, der Mutter des Herrschers von Frankreich die gebührende Rolle zuzuweisen. Welchen Rang sollte Letizia einnehmen? Welche Würde sollte ihr zukommen? Nach den alten römischen Annalen stand immer die Mutter der Cäsaren, hiess sie nun Agrippina oder Poppeia, an erster Stelle. Und so wollte es auch Napoleon.
Letizia empfing diese Auszeichnung ohne grosse Erregung, ohne Eitelkeit. Sie liess sich nicht blenden von all dem Glanze, den man um sie verbreitete. Nur zu dem Genie ihres Sohnes hatte sie Vertrauen. Alles andere schien ihr unbeständiges Scheinglück. Sie meinte, Napoleon würde sich einen grösseren Namen in der Geschichte erworben haben, wenn er sich nicht zum Kaiser gemacht hätte. Sein Emporsteigen machte sie nicht blind. Alle Grösse um sie her vermochte keine Herrschaft auf sie auszuüben, wenn sie auch stolz war, dass ihrer Familie so grosses Glück widerfuhr.
Der Kaiser aber wünschte, dass auch seiner Mutter alle Auszeichnungen und Ehren zuteil würden, wie den Müttern der römischen Imperatoren. Frau Letizia erhielt daher, wie ihre Söhne und Töchter, den Titel «Kaiserliche Hoheit» und wurde offiziell «Madame» genannt. Um Verwechslungen zu vermeiden, wenn der Kaiser Töchter bekäme, die nach der Sitte der alten Königsgeschlechter ebenfalls den Titel «Madame» führen würden, fügte man für Letizia hinzu «mère de l'empereur». Bald aber hiess sie nur noch «Madame Mère». Welcher Name hätte für diese Frau, für diese Mutter besser gepasst?
Letizias Rente als Kaisermutter belief sich auf eine Million Franken. Sie legte davon jährlich die Hälfte zurück. Für ihre eigene Person brauchte sie wenig. Am Hofe ihres Sohnes verkehrte sie selten und ersparte sich dadurch viele Ausgaben. Einesteils vermied sie es, wo es ging, mit Josephine zusammenzutreffen, und andernteils verabscheute sie alles Förmliche und die damit verbundenen Oberflächlichkeiten. Obgleich sie äusserlich mit ihrer antiken Matronengestalt, den feinen strengen Zügen, den langsamen, vornehmen Bewegungen sehr gut repräsentierte, scheute sie die Oeffentlichkeit. Sie fühlte sich verletzt, dass sie der Schwiegertochter den Vortritt bei Hofe lassen musste. Beugen konnte sich diese Korsin nicht.
Seit dem Jahre 1805 wohnte Letizia teils in Paris, im Schlosse Luciens, das sie von diesem für 600 000 Franken gekauft hatte, teils im Schlosse Pont-sur-Seine, im Departement Aube. Dieses hatte ihr der Kaiser geschenkt. War Napoleon abwesend, so wünschte er, dass seine Mutter, wenn sie in Paris weilte, jeden Sonntag bei Josephine speiste. Aber Letizia suchte sich dem soviel wie möglich zu entziehen. Der Kaiser war deshalb oft gezwungen, seine Mutter wie ein Kind zu tadeln. Dann schmollte sie und zog sich nach Pont zurück.
Letizia empfing bei sich nur wenige wirkliche Freunde, deren Ansichten und Gewohnheiten mit den ihrigen übereinstimmten. Die Minister und Würdenträger, ausser dem Erzkanzler Cambacérès, beachteten die Mutter des Kaisers wenig und verkehrten selten bei ihr. Das verletzte die stolze Frau, aber sie brachte es nicht über sich, von Napoleon zu fordern, dass jene Männer ihr huldigten. Am liebsten sah sie die Freunde ihres Halbbruders, des Kardinals Fesch, bei sich, meist geistreiche, unterhaltende und liebenswürdige Geistliche, die mit ihr eine Partie Reverse, ihr Lieblingsspiel, spielten.
Es lebte sich übrigens sehr angenehm mit ihr. Alle die zu ihrer Umgebung gehörten, waren von dieser wahrhaften Kaisermutter des Lobes voll. Sie war mit allem zufrieden und fand sich in alles. Am liebsten hörte sie, wenn man ihre Kinder lobte. Es lag ihr besonders daran, dass man gut von ihnen sprach. Dann belebte sich das in der Regel kalte Gesicht, und ihre dunklen Augen leuchteten voll Stolz und Glück. Bis ins hohe Alter hat Letizia Reste ihrer einstigen Schönheit bewahrt. Besonders waren ihre Füsse und Hände wunderbar schön. Ihre Gestalt war edel und auch im Alter immer noch schlank. Sie kleidete sich sehr sorgfältig und gepflegt und immer ihrem Alter angemessen. Als Letizia 59 Jahre alt war, schuf Canova nach ihrem Ebenbilde die wundervolle Statue der Agrippina, ein vollendetes Meisterwerk.
Wenn Napoleon im Felde weilte, lebte die Kaisermutter noch stiller und zurückgezogener als gewöhnlich. Trotz ihres Vertrauens in sein Genie und in seinen Stern umschwebte Letizia doch immer die Angst, es könne ihm ein Unglück zustossen. Sie war die einzige in der Familie, die nicht unbedingt an die Beständigkeit des Glücks glaubte.
Sie war auch nicht immer mit den Handlungen ihres Sohnes einverstanden. Am meisten schmerzte es sie, dass er alle Rücksichten ausser acht liess, wenn seine Politik auf dem Spiele stand. Da halfen selbst die stärksten Familiengefühle nichts. Tief betrübt war sie über die Hinrichtung des Herzogs von Enghien. Damals sprach sie die prophetischen Worte: «Napoleon, du wirst der erste sein, der in den Abgrund versinkt, den du jetzt unter den Füssen deiner Familie gräbst.» Aber weder die Tränen seiner Mutter, noch Josephines und Hortenses Flehen konnten Napoleon von dem Schritt abhalten, den seine Politik ihm vorschrieb. Interessant ist zu wissen, dass Madame Mère dem unglücklichen Herzog von Enghien kurz vor seinem Tode noch einen Dienst erwies. Er hatte den Wunsch geäussert, dass sein Lieblingshund und einige Gegenstände, die ihm teuer waren, einer Dame übergeben würden, deren Adresse er nannte. Man fragte Frau Letizia, wer wohl diese delikate Angelegenheit erledigen solle. Da sich niemand fand, nahm die Mutter Napoleons es selbst auf sich, der betreffenden Dame die letzten Grüsse und Erinnerungen des Prinzen zukommen zu lassen.
Da Letizia eine strenge Katholikin war und in dem Oberhaupt der Kirche eine unantastbare, unfehlbare Person sah, litt sie im Jahre 1809 sehr darunter, als der Kaiser den Heiligen Vater verhaften und nach Frankreich in Gewahrsam bringen liess. Eine solche Massnahme schien ihr ungeheuer, kaum fassbar. Sie vermochte nichts daran zu ändern, denn sie hatte keinen Einfluss auf die politischen Angelegenheiten ihres Sohnes.
Wenn sich Letizia indes im allgemeinen nicht in die Staatsgeschäfte Napoleons mischte, so hat sie doch im besonderen dem Kaiser hin und wieder mit ihrem Rate, nicht nur in Familiensachen, beigestanden. Man sagt sogar, sie habe immer mit Napoleon, wenn dieser nicht in Frankreich weilte, einen geheimen Briefwechsel unterhalten. So war sie es, die den Kaiser im Jahre 1808, als er sich in Spanien aufhielt, zuerst von der Verschwörung benachrichtigte, die der Polizeiminister Fouché und Talleyrand gegen ihn schmiedeten. Napoleon reiste darauf sofort nach Paris zurück.
Auch Aemter und Würden hat Madame Mère, besonders ihren Verwandten und Landsleuten, verschafft. Nie wandte sich ein Korse vergebens an sie. Nur musste der Bittsteller einer von den «Ihrigen» sein, denn sie unterschied auch als Kaisermutter noch die Korsen von Ajaccio und die von Bastia. Vor allem erhielt die ganze Sippe der nahen und fernen Verwandten durch Letizia Anstellungen und Titel. Im grossen und ganzen aber stand die Mutter Napoleons den Ereignissen, die durch die Handlungen ihres Sohnes hervorgerufen wurden, fern. Sie hatte genug in ihrer Familie zu schaffen und zu schlichten.
Читать дальше