Im Hause ihres Onkels Arrighi di Casanova in Corte, wo Carlo, um dem General Paoli näher zu sein, sein Heim aufgeschlagen hatte, gebar Letizia am 7. Januar 1768 ihr erstes lebensfähiges Kind, Joseph, den späteren König von Spanien. Nicht lange nach der Niederkunft folgte sie ihrem Manne ins Feld, entschlossen zum Kampfe für die Freiheit des Vaterlandes. Jeder, der in Korsika imstande war, Waffen zu tragen, schloss sich den Patrioten an. Männer, Frauen, Kinder, Greise, alle wollten ihr Scherflein Mut zu der guten Sache beisteuern. Der Heldenmut der korsischen Frau konnte zu jener Zeit dem des Mannes gleichgestellt werden. Tapfer ritt oder marschierte Letizia an der Seite Carlos auf den manchmal kaum gangbaren Wegen einher. Ihre Schönheit, ihr sanfter Blick, die feinen Linien ihres edlen Gesichtes schienen schlecht zu jener abenteuerlichen Kühnheit zu passen, die sie mit fortriss. Aber die stolze Biegung der Nase, die fest zusammengepressten Lippen, um die ein verachtender Zug schwebte, die wie Feuer aus den dunklen Augen hervorschiessenden Blicke deuteten auf eine eiserne Willenskraft. Hinter dieser glatten Frauenstirn türmten sich männliche Gedanken!
Eines Tages war man genötigt, durch den Liamone, einen angeschwollenen Gebirgsstrom, zu reiten. Infolge einer falschen Bewegung verlor Letizias Pferd den Boden unter den Füssen und wurde von der Strömung ein Stück mit fortgerissen. Man rief der in Gefahr schwebenden Frau zu, das Tier preiszugeben, und wollte ihr schwimmend zu Hilfe eilen, sie aber hielt sich mit dem kleinen Joseph im Arm tapfer im Sattel. Es gelang ihr, das Pferd wieder zu beherrschen und glücklich das Ufer zu erreichen. Und dabei stand ihr binnen kurzem eine neue Niederkunft bevor!
Nach der Schlacht bei Pontenuovo, an der Letizia keinen Anteil nehmen konnte, weil ihre Schwangerschaft zu weit vorgeschritten war, flüchtete sie bis nach Ajaccio, um dort ihre Stunde zu erwarten. Es war die höchste Zeit für die junge Frau. Die Anstrengungen des beschwerlichen Feldzuges waren auch an ihr trotz der kräftigen Körperbeschaffenheit nicht spurlos vorübergegangen; die Rückwirkungen machten sich bemerkbar. Dennoch wollte sie es sich nicht nehmen lassen, am 15. August 1769, zu Mariä Himmelfahrt, in die in der Nähe ihres Hauses gelegene Kathedrale zur Messe zu gehen. Für das Kind unter ihrem Herzen wollte sie den Segen der Jungfrau erflehen.
Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne goss ihre goldenen Strahlen über die mit Blumen und Girlanden geschmückten Häuser. Sonntäglich geputzte Menschen strömten in die weitgeöffnete Kirche und erfüllten Strassen und Plätze mit ihrer Fröhlichkeit, unter die sich feierlich der Klang der Glocken mischte. Die Messe begann. Andächtig hing die Menge an den Lippen des Priesters, der das «Gloria in excelsis Deo» anstimmte. Nur Letizia Bonaparte war unruhig und nervös. Sie fühlte die ersten Anzeichen ihrer Niederkunft. Hastig verliess sie die Kirche und eilte, so schnell ihre Füsse sie tragen konnten, in namenloser Angst nach Hause. Sie hatte jedoch nicht mehr Zeit, bis zu ihrem Schlafzimmer zu gelangen, sondern gab in einem näher gelegenen Raume auf einem Sofa ihrem Sohne Napoleon das Leben.
Dieses Kind, ihr Napoleon, wurde der Mutter äusserlich, wie im Charakter, am meisten ähnlich. Sein schnelles Auffassungsvermögen und Eindringen in die geringfügigsten Dinge, seine Energie und seine seltene Tatkraft, seinen Ordnungssinn in Geldangelegenheiten erbte er von ihr, nur ihre Wahrheitsliebe hat er nicht immer bewahrt.
Letizias Bildung war, wie die aller Korsinnen zu jener Zeit, sehr dürftig. Sie wusste fast nichts ausser ihren Hausfrauen- und Mutterpflichten, ausser den Gebeten zur Jungfrau Maria, deren Schutz sie ihre Kinder empfahl und deren Namen alle ihre Töchter trugen. Weder von der italienischen noch von der französischen Literatur hatte sie eine Ahnung. Sie sprach ihr ganzes Leben lang, selbst am Kaiserhof ihres Sohnes, ihren korsischen Dialekt. Die französische Sprache machte ihr grosse Schwierigkeiten. Ihr italienischer Akzent brach immer wieder durch. So sagte sie stets «houreuse» anstatt «heureuse», «ma» für «mais», «oune» für «une», «je souis» anstatt «je suis» usw. Ganz besonders ärgerte sich Napoleon darüber, dass sie seinen Namen korsisch aussprach. Als Konsul sagte er einmal zu Lucien und Joseph: «Ihr könnt übrigens Mama sagen, dass sie mich nicht immer Napolione nennen soll. Das ist italienisch. Mama soll mich, wie jedermann, Bonaparte nennen, aber nicht etwa Buonaparte. Das wäre noch schlimmer als Napolione. Nein, sie mag «der Erste Konsul» oder einfach «Konsul» sagen! Ja, das ist mir lieber. Aber Napolione, immer dieses Napolione, das stört mich.» Als Letizia später als Kaisermutter gezwungen war, französische Briefe zu schreiben, diktierte sie sie stets in ihrer Muttersprache. Die grösste Tugend dieser Frau war ihr Sinn für Pflicht, Ordnung und Sparsamkeit, die man ihr allerdings oft als Geiz ausgelegt hat. Letizia war ihr ganzes Leben lang anspruchslos. Als ihr Sohn sich bereits Namen und Vermögen erworben hatte und im politischen Leben eine bedeutende Rolle spielte, war sie in ihrer Kleidung sparsamer als die einfachste Bürgerin. Einst kam sie für einige Wochen zu ihrer schönen, an den General Leclerc verheirateten Tochter Pauline zu Besuch und brachte nur ein einziges Kleid mit. Die elegante Paulette spottete über die Sparsamkeit der Mutter, aber Letizia entgegnete ernst: «Schweig, Verschwenderin! Ich muss doch für deine Brüder sorgen; nicht alle sind schon selbständig. Ich will nicht, dass Bonaparte sich beklagt. Du missbrauchst seine Güte.»
Später, als der Kaiser der Mutter bedeutende Summen zur Verfügung stellte, artete diese Sparsamkeit in eine dem Geiz sehr ähnelnde Eigenschaft aus. Man sagt Frau Letizia nach, sie hätte selbst das Geld, das sie von ihrem Sohne zur Verteilung unter die Armen erhielt, für sich behalten. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit, denn Madame Mère gab viele Almosen im geheimen. Wenn die Kinder ihr bisweilen Vorstellungen machten, dass sie für eine Kaisermutter zu sparsam wäre, so antwortete sie kalt: «Bin ich nicht gezwungen, etwas auf die Seite zu legen? Werde ich nicht früher oder später einmal sieben bis acht Souveräne auf dem Hals haben?» Sie war nämlich die einzige in der Familie, die nicht so recht an die Dauer all des Reichtums und Glanzes glauben wollte. «Pourvu que cela doure (dure)» pflegte sie zu sagen. Ihre Sparsamkeit ging schliesslich so weit, dass sie wie eine Spiessbürgerin in den geringsten Dingen ihrer kaiserlichen Haushaltung zu sparen suchte. So soll sie Luciens Frau, der guten Christine Boyer, stets empfohlen haben, zeitig zu Bett zu gehen, um das Licht zu sparen.
Eine Entschuldigung aber für diese in den Tagen des Glücks und des Glanzes unangebrachte Knauserei müssen wir Letizia werden lassen: sie wusste, was es hiess, aller Mittel entblösst zu sein! Sagte sie doch einmal zum Grafen Girardin: «J'ai oun millione, l'année. Je ne le mange pas à beaucoup près. Je n'ai pas des dettes, ... je me trouve toujours avoir cent mille francs au service d'un de mes enfants. Qui sait, peut-être un jour seront-ils bien contents de les avoir. Je n'oublie pas que pendant longtemps je les ai nourris avec des rations.» – Sie war Skeptikerin und hatte nicht so unrecht, denn später, als alles in Trümmer fiel, kam ihren Kindern das von ihr aufgestapelte Vermögen zustatten. Grossmütig bot sie dem unglücklichen Sohn auf der Insel der Verbannung alle ihre Schätze an.
Als die sechsunddreissigjährige Frau mit ihren acht Kindern, von denen nur Josef ihr eine schwache Stütze sein konnte, Witwe wurde, hatte sie schwer zu kämpfen. Carlo Bonaparte hatte für die Zukunft der Seinen schlecht gesorgt. Glücklicherweise fand Letizia in dem alten Gouverneur Barbeuf in Ajaccio einen väterlichen Freund, der ihr über die bitterste Not hinweghalf. Er war Pate ihrer Kinder, der Freund des Gatten gewesen, und fühlte sich in dieser Eigenschaft verpflichtet, für die Verwaisten zu sorgen. Ungerechterweise hat man die Mutter Napoleons beschuldigt, diesem Mann mehr als nur Freundin gewesen zu sein. Ihr strenger, ernster Charakter spricht allein für die Ungereimtheit eines solchen Gerüchtes. Letizia lag Tändelei und Liebelei fern. Sie besass nicht den Leichtsinn, der sich später bei ihren Töchtern bemerkbar machte. Ihre strenge klassische Schönheit, die sie bis ins Alter bewahrte, erweckte übrigens mehr stumme Bewunderung als Begehren. Sie war viel zu sehr Hausfrau und Mutter, als dass sie sich zur Geliebten geeignet hätte. Die Sorge um das Wohl ihrer zahlreichen Familie und die Pflege des alten gichtkranken Onkels Luciano liessen ihr auch nicht Zeit, an Liebeleien zu denken.
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