Young sieht ihr Modell als Ergänzung, aber auch als mögliche Alternative zum » Liability Model «, das nach individueller Schuld und Haftung forscht und vergangenheitsorientiert funktioniert. Ihr neuer Ansatz erkennt nicht einen oder mehrere, sondern eine Vielzahl (vielleicht sogar Millionen) von Verursacher:innen. Sie alle tragen persönliche Verantwortung, da sie mit ihren Aktivitäten Teil eines Systems sind, das (globale) strukturelle Ungerechtigkeit produziert. Auch wenn sie dabei durchaus im Rahmen der Gesetze ihres Landes handeln, tragen sie trotzdem zur globalen Ungerechtigkeit bei. Dieser Verursachergruppe kann man je nach ihren Aktivitäten unterschiedliche Rollen zuordnen, zum Beispiel als Produzent:in, Händler:in, Arbeiter:in oder Konsument:in. Young bringt das Beispiel des Anti-Sweatshop Movements , wo Aktivist:innen Verursacher:innen auf unterschiedlichsten Ebenen zu mehr Verantwortungsübernahme für bessere Arbeitsbedingungen motivieren konnten.
Um sich über die eigene Rolle und die eigenen Handlungsmöglichkeiten klar zu werden, schlägt Young vier Parameter vor:
Wie viel Macht habe ich in dieser Gruppe (z. B. als renommierte:r Markenerzeuger:in)?
Welche Privilegien genieße ich (z. B. als Mittelklasse-Konsumentin, die spottbillig einkaufen kann)?
Wie sehr interessiert mich eine Verbesserung der Situation? (z. B. als Arbeiter:in in einem Sweatshop). Auch die Opfer können in diesem Modell also Verantwortung übernehmen!
Welche kollektiven Fähigkeiten können wir nutzen? (z. B. über Universitäten, Gewerkschaften oder Buchhandlungen)
Ergänzend sei gesagt, dass auch Drittparteien, die nicht zu den oben genannten Gruppen gehören, als positive Verstärker einwirken können. Man denke hier vor allem an Presse- und Medienarbeiter:innen. Auch Politiker:innen können als Außenstehende in Kampagnen eingebunden werden, um verbesserte Rahmenbedingungen zu ermöglichen.
Der ganze Prozess dieses Verantwortungsmodells ist als politisch anzusehen, da es viel Überzeugungsarbeit, eventuell auch Proteste und Aktionen bedarf, um die Akteur:innen zu mobilisieren bzw. sie auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. Die Lösung des Problems liegt jedenfalls im kollektiven Zusammenwirken. Young hält nichts davon, einzelne Schuldige festzumachen, da das oft nur eine Kultur der wechselseitigen Schuldzuweisungen fördert. Wichtig ist zu erkennen, dass überall Menschen und keine unveränderlichen Fakten, Zahlen oder Dinge dahinterstehen. Wir können Veränderungen gemeinsam bewirken, wenn wir erkennen, dass wir (global) miteinander verbunden sind – auch wenn wir uns noch nie persönlich begegnet sind.
Was können wir aus diesem historischen Rückblick über die Entwicklung des Begriffs »soziale Verantwortung« für uns heute mitnehmen? Was ist für einen Prozess der Verantwortungsübernahme im 21. Jahrhundert relevant?
1 Eigenverantwortung ist wichtig, muss sich allerdings in einem sozialen Kontext reflektieren.
2 Will man sich gegen Ungerechtigkeit bzw. für mehr Schutz von Mensch, Tier und Natur einsetzen, ist es sinnvoll, sich als zivilgesellschaftlicher Verband oder Verein, vielleicht sogar als politische Gruppe zu organisieren.
3 Verantwortung sollte ganzheitlich wahrgenommen werden – in ihren langfristigen, zukünftigen Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur gleichermaßen.
4 Politische Parteien laufen heute Gefahr, Eigen- bzw. Parteiinteressen (und nicht Gemeinwohlinteressen) zu verfolgen. Auch deshalb steigen diffuse Ängste und Politikverdrossenheit. Es ist wichtig, trotz allem weiterhin politisch zu denken und demokratische Beteiligungsmöglichkeiten zu nutzen.
5 Wir tragen durch unsere Handlungen und je nach unseren individuellen Wirkmöglichkeiten soziale Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeit und daraus resultierendes Leid. Eine Vielzahl neuer sozialer Bewegungen und NGOs versucht aktiv, durch Vernetzung und im Kollektiv Lösungsmodelle für verschiedenste Problemfelder zu erarbeiten. Es ist an jeder und jedem einzelnen von uns, zu erkennen, wo wir stehen und welche Aufgaben wir in diesem Kollektiv wahrnehmen können. Das Tieferdenken – lesen, schreiben und über die eigenen Werte und Ziele reflektieren – ist ein erster Schritt, um sich auf eine aktive Verantwortungsübernahme vorzubereiten.
Wir brauchen also insgesamt mehr Mut und Kreativität, und auch den Willen, die Begegnungen mit politischen Vertreter:innen nicht zu scheuen. Sehen wir es positiv und vertrauen wir darauf: Je mehr Menschen soziale Verantwortung übernehmen und sich für ihr Anliegen entsprechend vernetzen, desto vielfältiger, kreativer und nachhaltiger werden auch die Lösungen sein. Es braucht den Willen zur Eigenverantwortung, die Bereitschaft zur Kooperation und den Blick auf das (globale) Gemeinwohl. Dann können wir auch die bisherigen Errungenschaften und Statussymbole neu hinterfragen. Wohlstand misst sich nicht nur in Geldeinheiten, sondern auch in Selbstwirksamkeit und guten sozialen Kontakten. Ein funktionierender Zusammenhalt und die Möglichkeit zur Partizipation steigern insgesamt die Lebensqualität. So wird die Gesellschaft mündiger, kann politische PR-Spektakel als solche entlarven und wirklich wesentliche Lösungsansätze einfordern.
Die Moral und die Psychologie des Yoga-Sutra
Auf der Suche nach den Quellen
Die Yoga-Sutren des Patanjali gelten heute in den meisten westlichen Yogalehrausbildungen als der wichtigste philosophische Basistext. Eine Arbeit über den Achtfachen Pfad zu schreiben oder am Beispiel zentraler Begriffe die Psychologie des Yoga zu erklären gehört zu den Pflichtübungen in gegenwärtigen Yogalehrausbildungen. (In meiner Hatha -Yogalehrausbildung nach den Kriterien der Europäischen Yogaunion waren die Sutren jedenfalls von zentraler Bedeutung.)
Der Text dürfte in der Zeit zwischen 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. geschrieben worden sein und wird einem Mann namens Patanjali zugeschrieben. Da mehrere Gelehrte damals diesen Namen trugen, unter anderem auch ein großer Grammatiker, wird heute angenommen, dass mehrere Personen für den Text verantwortlich zeichnen. 20
Alle 195 Sutren sind in einem auf das Essenzielle verknappten Stil verfasst. Verstehen kann man ein Sutra also nur, indem man sich durch die Kommentare liest. Als einer der ersten und berühmtesten Kommentator:innen des Yoga-Sutra gilt Vyasa, dessen Leben, ebenso wie bei Patanjali, mit vielen Mythen angereichert ist. Auch heute zählt es zu den noblen Aufgaben von Yogalehrer:innen, die des Sanskrit mächtig sind, eine eigene Übersetzung vorzulegen, sie zu kommentieren und dadurch den Yoga auch an den Zeitgeist anzupassen. Insbesondere die Recherchen und Forschungsergebnisse von David Gordon Whites »The Yoga Sutra of Patanjali. A Biography« 21machten mir klar, wie gerade dieser Text immer schon als ein Medium benutzt wurde, um aktuelle Einflüsse und Meinungen von Interessengruppen durch Yoga zu verbreiten. Das scheinbar Immerwährende und Immergleiche treibt also viele Blüten, wird in vielerlei Manifestationen interpretiert.
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