In den acht Jahren Volksschule hatte ich weder ein Lieblingsfach noch lernte ich gerne. Eine helle Stimme dagegen, die fast atemlos immer wieder in den Pausen »Samuel« rief, faszinierte mich. Es war Joshua, einer der beiden Söhne des Lehrers Rosenberger. Den Anblick ihrer markanten Gesichtszüge, der dunkelblauen Augen, schwarzgelockten Haare und sportlichen Figuren genoss ich zwar damals sehr, wagte aber nicht, mit ihnen in Kontakt zu treten, da etwas Unausgesprochenes, Verbotenes zwischen uns stand. Meine Mitschüler trugen keine klassisch deutschen Namen und kamen, ganz im Sinne der Lehre von der »alleinseligmachenden Kirche«, nicht wie wir Katholiken in den Himmel. Ein volkstümliches Kirchenverständnis, das ich schon damals nicht glauben wollte. Erst später ist mir klar geworden, dass die attraktiv aussehenden Brüder auf mich, den blonden, Scheitelfrisur tragenden Jungen, erotisch wirkten. Wie ein inneres Selbstverbot hätte ich nicht gewagt, zu Hause über meine faszinierende Entdeckung der hellen Stimmen von Joshua und Samuel samt ihrem bildschönen Aussehen zu sprechen. Warum eigentlich nicht, Papa? Noch heute bin ich von orientalisch aussehenden, schwarzhaarigen Personen erotisierter als von blonden Männern. Nicht Skandinavien, sondern der Vordere Orient und Nordafrika wurden später meine bevorzugten Reiseziele.
Beim ersten Klassentreffen 1993, dreißig Jahre nach der Volkschulentlassung, trafen wir ehemaligen Schüler uns in der Gaststätte »Alt-Carnap«. Selbst mein inzwischen silberergrauter, hochbetagter Klassenlehrer Heinrich Schüssler freute sich an diesem Abend, von unseren Schulerlebnissen zu hören. Längst vergessene Abenteuer wie pubertäre Spiele unter der Dusche nach dem Turnen bekamen einen neuen Klang. Vor allem die Theaterstücke, die Fräulein Maria Storm mit uns einstudierte, waren lebhaftes Thema des Abends. Jeder/Jede wusste noch genau seine/ihre Rolle wieder aufleben zu lassen. Das Theaterspielen in der Volksschulzeit hat mir Spaß gemacht. Mit Vergnügen durfte ich in verschiedene Rollen schlüpfen, einmal als verzauberter »Zwerg Nase« im Märchen, dann als Maria beschützender Josef in einem Krippenspiel und schließlich als talentierter Chefkoch in »Dornröschen«. Ja, es bedurfte dieses Klassentreffens, um mir wieder einmal der vielen Facetten dieser Schulzeit bewusst zu werden.
In wie vielen Rollen warst Du, Papa, in Deiner Zeit als Schüler? Von Onkel Paul erfuhr ich, dass Du schon als Kind ein hervorragender Taubenzüchter warst und Deine ganze Freizeit darauf verwendet hast. Kein Wunder, dass Du wie ich nur ein durchschnittlicher Schüler gewesen bist. Umso mehr freutest Du Dich mit mir, dass ich wenigstens im Fach Kunst gute Noten nach Hause brachte. Fräulein Storm war für mich eine sehr moderne, attraktive Lehrerin, die in München Kunst studiert hatte. Sie erzählte uns später von ihren Kommiliton*innen Sophie und Hans Scholl von der Widerstandgruppe »Weiße Rose«, mit denen sie gerne im Café zusammengesessen und deren Widerstand gegen Nazi-Deutschland sie mit unterstützt hatte. Heute frage ich mich, ob nicht schon da die Wurzeln meines späteren Widerstandes gegen faschistoide Tendenzen in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft gelegt wurden.
Von Heimatkunde, Rechnen, Schönschreiben und Turnen im Unterricht wusste ich Dir nie etwas zu erzählen, weil ich an all diesen Fächern kein Interesse hatte. Bestimmt, Papa, warst Du damals sehr stolz auf Deine begabten Töchter Marlene und Christiane. Sie wechselten im Gegensatz zu mir nach der vierten Klasse der Volksschule auf die Realschule nach Essen-Altenessen. Brachten wir gute Schulnoten nach Hause, durften wir zur Belohnung ab und an ins Karnaper Kino. Unverändert gerne gehe ich ins Kino, nicht aber ins Theater, obgleich es Mama sehr früh mit uns Kindern einmal im Jahr, meistens an Weihnachten in Märchenstücke, besuchte. Heute ist mir der Theaterbesuch zu aufwendig. Ich mag nicht, rechtzeitig Eintrittskarten zu besorgen, besondere Kleidung zu tragen und mich in einem bürgerlichen Milieu zu bewegen, das nicht meines ist. Du, Papa, hattest weder an Kinobesuchen noch am Theater Interesse, freutest Dich aber mit uns über diese Abwechslung im Alltag.
Ich erinnere mich gut an die ersten Ballettaufführungen des Nachbarn Erich Wecker in unserer kleinen Wohnung. Auf Deine Einladung hin kam dieser in Sprache und Gestik feminin wirkende junge Mann zu Besuch. Erich hatte keine Scheu, uns an seinem Balletttraining teilhaben zu lassen. Du, Papa, warst nach seinen graziösen Vorstellungen voll des Lobes, was ihn wiederum freute. Auf Mamas Frage, ob er inzwischen eine Freundin hätte, erklärte Erich ihr, dass er kein Interesse an Frauen habe. Noch vor seinen Auftritten in unserer Küche flüsterte er mir seinen Künstlernamen Konstantin zu. Ich fühlte mich dadurch von ihm geehrt. Mit Argusaugen bekam ich als Kind mit, dass Konstantin ein anderer Mann als meine Onkel Paul und Konrad war. Dass ich anders empfand als andere Jungen, durfte aber damals nicht bekannt werden. Schon im Alter von acht Jahren gab es ein strenges verinnerlichtes Tabu, öffentlich über meine Zuneigung zu einem Jungen zu schwärmen, was bei meinen Schwestern selbstverständlich toleriert wurde. Hatte ich als Kind nur Tierbilder über meinem Bett hängen, so erlaubte ich mir erst zu Studienbeginn 1971 in meinem Freiburger Studentenheim Poster von Balletttänzern, die mir in ihrer erotischen Ausstrahlung gefielen.
Zu Hause in Karnap hatten wir es geschafft: von der Zwei-Zimmer-Wohnung neben der Polizeiwache im Erdgeschoss über der Gefängniszelle in eine Drei-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage. Der unaufhaltsame Aufstieg der Familie Schorberger. Wie wir die gemeinsame Toilette und Badewanne mit der in dieser Etage in zwei Zimmern wohnenden Familie Samer, Eltern und drei Kinder, geregelt haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Dennoch haben wir uns vertragen, und selbstverständlich nahmen sie, obgleich evangelisch, an meiner ersten Kommunionfeier am Weißen Sonntag 1957 teil. Ich genoss es, an diesem Tag im Mittelpunkt nicht nur von Familie, Verwandten und Nachbarn zu stehen, sondern auch des gesamten Stadtteiles Essen-Karnap. Bei diesem Kommunionfestgottesdienst erstrahlte die Kirche im vollen Glanz. Angesichts des Hochfestes Mariens, der unbefleckten Empfängnis, habe ich als Kind wegen unserer Gefängniszelle im Haus allen evangelischen Nachbarn erzählt, dass wir als Katholiken das Fest »Maria im Gefängnis« feiern. Erst durch den Kommunionunterricht erfuhr ich den eigentlichen Grund des Hochfestes: Maria ist von ihren Eltern Joachim und Anna ohne Erbsünde geboren worden. Für mich, Papa, ist diese Erbsündenlehre, die sich auf die Schuld von Adam und Eva bezieht, eher ein Mythos als ein Geheimnis des Glaubens. Ohne es richtig benennen zu können, fühlte ich mich schon als Kind oft schuldig, nicht wegen der oberflächlichen »Sünden« wie ich habe genascht, ich habe den Eltern widersprochen, ich habe die Hühner gejagt, sondern wegen etwas nicht in Worte zu Fassendes. Befreit und erleichtert fühlte ich mich dann jeweils nach der Beichte durch die Vergebung der Sünden. Dank Jesu Barmherzigkeit konnte ich danach glücklich an der Kommunionfeier teilnehmen.
Beim Nachhauseweg am Kommuniontag trug ich würdevoll die Kerze über die Karnaper Straße an der Seite meines Mitschülers Axel, der meine tiefe Zuneigung zu ihm leider nicht erwiderte. Du, Papa, hattest in der Woche zuvor viele unserer Tiere geschlachtet, um die Festgäste, die Verwandten aus Kamp-Lintfort und Altenessen sowie die Hausnachbarn, zu beköstigen. Mama hat mit Hilfe ihrer Geschwister tagelang Kuchen gebacken und das Festessen vorbereitet. Ich hatte zum ersten Mal einen Anzug mit weißem Hemd und Fliege an. In diesem Kleidungsstück, das ich nach der Kommunionfeier selten trug, habe ich mich immer unwohl gefühlt. Ganz neue Kleider, und zwar einen kurzen roten Rock mit einem weißen Rochetthemd, erhielt ich danach auch zum Dienen in der Messe. Stolz trug ich in der kleinen Schar der Messdiener während der Messfeier die Kerze. Später durfte ich dem Priester Wasser und Wein zur Gabenbereitung reichen und das Weihrauchfass mal mehr, mal weniger heftig schwenken. Als kleiner Knirps von elf Jahren war ich plötzlich eine Person des öffentlichen Auftritts geworden. Besonders ehrenhaft war für mich, bei der Fronleichnamsprozession und bei den Wallfahrten nach Kevelaer eine Fahne tragen zu dürfen.
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