25 3.2 Vorurteile 3.2 Vorurteile Wie wir andere Menschen wahrnehmen und beurteilen, hängt davon ab, was wir bereits wissen und was wir über diese Menschen zu wissen glauben. Menschen konstruieren sich ihre Wirklichkeit ständig selbst! Um die eigenen Ansichten und Meinungen zu stützen, suchen sie gleichgesinnte Menschen, die ihre Ansichten bestätigen. Menschen haben vorgefertigte Urteile, also Vor-Urteile! Vorurteile begründen sich auf Verallgemeinerungen in der Wahrnehmung. Diese Verallgemeinerungen begegnen uns ständig und werden nur selten überdacht: »Blonde sind dumm, Arbeitslose faul, Dicke essen zu viel.« Beobachten Sie sich einmal selbst, wie schnell Sie über einen anderen Menschen urteilen, noch ehe Sie ihn richtig kennengelernt haben! Oftmals müssen wir mit Personen, die wir nicht mögen, viel Zeit verbringen, Räumlichkeiten und gemeinsame Interessen teilen. Im Kindergarten und in der Schule erleben viele zum ersten Mal, dass sie gezwungen werden, sich in eine Gruppe einzuordnen. Hier haben Vorurteile einen riesigen Nachteil, weil sie das Zusammenarbeiten oder Zusammenleben mit Menschen, die anders sind, oft erschweren. Andererseits bieten Vorurteile Gruppen die Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen sowie eine Gemeinsamkeit und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu finden, deshalb werden wir immer wieder Vorurteilen begegnen. Das Nicht-Sehen einer individuellen Persönlichkeit, sondern nur deren jeweilige vermeintliche Gruppenzugehörigkeit, nimmt nicht nur die Individualität eines jeden, sondern erschwert die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen.
26 3.3 Rituale 3.3 Rituale Feste, strukturierte, sich wiederholende Tätigkeiten verschaffen einem Pflegeempfänger Sicherheit. Oft sind Rituale auch so gestaltet, dass ein möglichst geringer Energieaufwand benötigt wird. Sie sollten wenn möglich ausgelebt werden können.
27 3.4 Nonverbale Kommunikation 3.4 Nonverbale Kommunikation Nonverbale Kommunikation benutzt nicht-sprachliche Zeichen, die zur Kommunikation beitragen. Nach Meinung des Wissenschaftlers Paul Watzlawick kann man nicht nicht kommunizieren, das heißt, wir senden auch ungewollt immer Informationen aus, neben der Mimik und der Gestik auch über die Körperhaltung. Deshalb ist es auch viel einfacher, am Telefon zu lügen, als dem Gesprächspartner dabei in die Augen sehen zu müssen. Das Wichtigste ist jedoch die innere Haltung (Einstellung) zum Gegenüber, die Art, wie wir dem Anderen zuhören und dabei möglichst dessen persönliche Gefühlssituation mit einbeziehen. Bei einem Gespräch sollten wir uns dem Gesprächspartner zuwenden, ihn ansehen und keine Abwehrhaltung einnehmen. Man braucht 17 Muskeln, um zu lächeln, und 43, um finster zu blicken.
28 3.5 Verbale Kommunikation 3.5 Verbale Kommunikation Verbale Kommunikation findet immer zwischen zwei Personen oder Personengruppen statt. Eine Modellvorstellung von dieser Interaktion ist das Nachrichtenquadrat oder Vier-Ohrenmodell von Friedemann Schultz von Thun.
29 3.6 Allgemeine Verhaltensweisen 3.6 Allgemeine Verhaltensweisen Jeder Pflegeempfänger möchte mit dem, was er erzählt, ernst genommen werden. Erfahrungen, von denen berichtet wird, werden schnell mit den eigenen Erfahrungen verglichen. Erfahrungen sind aber etwas ganz Persönliches und werden nie auf die gleiche Weise gemacht. Ein Vergleich kann dazu führen, dass man dem Pflegeempfänger nicht mehr so genau zuhört, weil man das Gesagte ja bereits zu kennen glaubt. Sätze wie »Das wird schon wieder«, »Alles wird gut«, »Alles ist in Ordnung« sollten wir vermeiden. • Aktives und aufmerksames Zuhören ist oft wichtiger als das eigene Reden. Kurze Antworten wie: »Ja, verstehe ich«, »Kann ich nachvollziehen«, »Sprich weiter« oder zustimmendes Nicken vermitteln dabei Verständnis und Interesse. • Sich in die Situation des Pflegeempfängers hineinzuversetzen ist ebenso wichtig wie die nötige Distanz, um nicht in Mitleid zu zerfließen. Hier das Mittelmaß zu finden ist sicher nicht immer einfach und wird auch nicht jedem immer gelingen. • Achtung! Beim Ansprechen von eigenen wunden Punkten gilt: Vorsicht! Bei solchen Gesprächen kann es schnell zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen kommen. In solchen Gesprächen sollten wir frühzeitig das Thema wechseln oder das Gespräch abbrechen. • Zuweisung von Schuld (»Nie bist du für mich da!«): Distanzieren und das Problem nicht als persönlichen Angriff, sondern als ein zu lösendes Problem ansehen. Bei Gesprächen, bei denen unsere Fähigkeit, Hilfe und Unterstützung zu geben, nicht ausreicht, sollte man dies dem Pflegeempfänger mitteilen und auf geschulte Personen (Pastor, Psychologe) verweisen. • Mimik, Gestik und Körperhaltung sagen oft mehr als Worte.
30 3.7 Validation/Demenz 3.7 Validation/Demenz Der Begriff Validation bedeutet übersetzt »Wertschätzung«. Validation ist eine Methode, um mit dementen Menschen zu kommunizieren. Der Umgang mit geistig verwirrten oder dementen Menschen gehört sicherlich zu den schwierigsten Arbeiten in der Kranken- und Altenpflege. Geistig verwirrte Menschen leben in ihrer eigenen, von der tatsächlichen Umgebung unabhängigen Welt, mit ihren ganz eigenen Vorstellungen und Wünschen. Demente Pflegeempfänger haben ebenso wie andere das Bedürfnis nach Nähe und Intimität und möchten wie andere Menschen auch so akzeptiert werden, wie sie sind. Begegnen wir ihnen unter diesen Voraussetzungen, können wir ihnen sehr nahekommen. Durch den Wunsch, sie zu verändern, sie ihrer Umgebung anzupassen oder sie in die (unsere) Wirklichkeit zurückzuholen, verliert man schnell den Kontakt. Sie werden ärgerlich, fühlen sich unverstanden und entwürdigt. Validation basiert auf einem empathischen Ansatz (Fähigkeit eines Menschen, einen anderen Menschen von außen und ohne persönliche Grenzen zu überschreiten möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, sie nicht jedoch auch notwendigerweise zu teilen, und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden). Sie hilft dabei, Stress abzubauen und ermöglicht es, dementen Menschen ihre Würde und Anerkennung wiederzugeben. Anstatt den verwirrten Menschen immer zu korrigieren, wenn er Personen verwechselt oder Gegenstände »falsch« benennt, respektiert man seine aktuelle Gefühlslage mit Ärger, Zorn, Ängsten oder Trauer, auch wenn sie für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar ist. »Ich will nach Hause zu meiner Mutter«, kann z. B. eine Aussage eines Pflegeempfängers sein, wobei die Mutter schon lange verstorben ist. Das Gefühl der damaligen Geborgenheit ist aber immer noch da; die wirkliche Realität wird ausgeblendet. Indem man »in die Schuhe« eines anderen Menschen schlüpft und »mit seinen Augen sieht«, kann man in die Welt der dementen Menschen vordringen und ihnen so das Gefühl von Verständnis und Angenommensein vermitteln. Im Zentrum dieser Methode steht das Bemühen, den Kranken in seinen Äußerungen, Gefühlen und Handlungen ernst zu nehmen. Im obigen Fall bedeutet dies, in der Aussage den Wunsch nach Geborgenheit zu erkennen.
31 3.8 Mitteilen von schlechten Nachrichten 3.8 Mitteilen von schlechten Nachrichten Die Wahrheit zu verschweigen bedeutet nicht, dem Pflegeempfänger etwas Gutes zu tun: Die Furcht vor dem Unbekannten kann sehr viel mehr Unruhe hervorrufen als die Not, mit einer bekannten, obgleich schmerzhaften Wahrheit umzugehen. Der Pflegeempfänger kann sich anpassen oder entsprechend planen, aber wenn er nicht weiß, wie er angemessen reagieren soll, kann er nichts tun und bleibt hilflos. Eine Studie ergab, dass etwa 85 % der Befragten so viele Informationen wie möglich, egal ob gute und schlechte, über ihre Erkrankung wissen möchten. Akzeptieren Sie die Tatsache, dass, wie auch immer eine schlechte Nachricht überbracht wird, sie immer eine schlechte Nachricht bleibt! Die Wahrheit wird am Ende befreien, aber zuerst wird sich der Pflegeempfänger miserabel fühlen. Zitat eines Patienten: »Die Hoffnung stirbt nicht. Für uns Betroffene wandelt sie sich nur ein wenig von Zeit zu Zeit. Im Anfangsstadium der Krankheit hoffte ich, dass sie sich nicht ausbreiten würde, aber sie hat sich ausgebreitet. Inzwischen ist die Hoffnung eine andere. Ich möchte das nächste Frühjahr erleben und in meinem Garten die Blumen blühen sehen.« (Aulbert 2001, S. 7)
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