Die Itzigs, die Ephraims, Gumperts, Fraenkels, aber auch die Friedländers haben sich nicht nur im jüdischen Gemeindeleben engagiert, sondern sind auch außerhalb der Gemeinde als Anwälte und Sachwalter jüdischer Interessen aufgetreten. Allein dadurch, dass sie mit Nachdruck Forderungen gegenüber den Behörden erhoben, haben sie dazu beigetragen, das Selbstbewusstsein mancher ihrer Glaubensbrüder zu stärken. Dies ist ein Einflussfaktor, der beim Emanzipationsprozess der Juden in Deutschland lange Zeit nicht beachtet oder unterschätzt worden ist.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts waren im Preußen von Friedrich II. auch auf jüdischer Seite zunehmend Stimmen zu hören, die die Gleichstellung sowohl aus Gründen der Humanität und Toleranz als auch aus Gründen der Nützlichkeit einforderten. Moses Mendelssohn und seinen Anhängern war durchaus bewusst, dass, wenn man im politischen Raum überhaupt etwas erreichen wollte, es erforderlich sein würde, bestimmte Argumentationsstränge miteinander zu verknüpfen. Toleranzideen und Nützlichkeitserwägungen, davon waren sie überzeugt, würden sich nicht widersprechen, sondern könnten sich sogar ergänzen.
Einer der jüdischen Protagonisten, die sich in diese Richtung auch öffentlich äußerten, war Ephraim Veitel Ephraim (1729–1803), seines Zeichens ein „Generalprivilegierter“. Wie bereits sein Vater hatte er es unter Friedrich II. zu einigem Einfluss gebracht. Über sein Leben ist gleichwohl nur wenig bekannt, so etwa, dass er sich 1782 vom damaligen Prinzen von Preußen mit den hochtrabenden Titeln eines „Wirklichen Hof-, Krieges- und Cammer-Agenten“ hatte ausstatten lassen. Dessen ungeachtet hat er in einer Denkschrift, die er 1785 veröffentlichte, 10in beachtenswerter Kenntnis der damaligen Zustände Verbesserungsvorschläge zur Lage der Juden im friderizianischen Preußen gemacht.
Vor allem wies Ephraim Veitel Ephraim in dieser Denkschrift auf die den Juden auferlegten unerträglichen Steuerlasten und die damit zusammenhängenden Ungerechtigkeiten hin. Er belegte das am Beispiel der Gelder, die als Ersatz für den Juden nicht zugänglichen Militärdienst abgeführt werden mussten. Nach Ansicht Ephraims wäre es für den preußischen Staat nützlicher und vorteilhafter, wenn diese Ungerechtigkeiten nicht hingenommen, sondern behoben würden. Die Juden sollten, so meinte er, vermehrt zu den Handwerksberufen zugelassen werden. Das hätte dann den unbestreitbaren Vorteil, dass Konkurrenz entstehen und Waren zu billigeren Preisen auf den Markt kommen würden.
Die Ephraimsche Denkschrift ist ein Beleg mehr dafür, dass die Judenemanzipation in Preußen zu gleichen Teilen von der aufgeklärten Beamtenschaft Friedrichs II. wie auch durch die Bemühungen einiger privilegierter Juden vorbereitet wurde. Dass Ephraim Veitel Ephraim stark von den Mendelssohnschen Aufklärungsideen beeinflusst war, lässt eine Bemerkung in der Denkschrift erkennen. „Die Welt“, heißt es da, „ist zu klug geworden, als daß ihr der bloße Name der Juden gehäßig sein sollte. Man ist darin einstimmig, daß Türken, Juden, Heiden usw. als Menschen anzusehen sind, sobald sie nur gegen ihre Nebenmenschen rechtschaffen handeln.“ 11
Mit konkreten öffentlichen Stellungnahmen hielt sich allerdings auch Moses Mendelssohn auffallend zurück. Seine Glaubensbrüder warnte er sogar, sich an der Debatte über die Emanzipation der Juden allzu sehr zu beteiligen. Ratsamer sei es, so meinte er, wenn diese Debatte nicht von Juden, sondern in erster Linie von den Nichtjuden geführt werde.
Für Mendelssohn hat diese Aufgabe der mit ihm befreundete Diplomat und politische Schriftsteller Christian Wilhelm Dohm (1751–1820) übernommen. Mendelssohn beriet ihn beim Niederschreiben seiner Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1781). Manche der in dieser Schrift, die von der Geschichtsschreibung als „Bibel der Emanzipation“ gefeiert wird, nachzulesenden Gedankengänge lassen deutlich Mendelssohnsche Überlegungen erkennen. Andere stammen zweifelsfrei von Dohm selbst und zeigen in seiner Person den aufgeklärten preußischen Beamten, der die Ansicht vertrat, die schlechte Lage der Juden sei insbesondere auf die ablehnende Haltung der christlichen Umgebungsgesellschaft gegenüber den Juden zurückzuführen.
Im Licht der Aufklärung: Die „Gesellschaft der Freunde“
Die Krise des jüdischen Traditionalismus Ende des 18. Jahrhunderts spiegelte sich auch in der wachsenden Zahl jüdischer Aufklärer, welche begannen, auch den Glauben ihrer Väter radikal in Frage zu stellen, und die die Ansicht vertraten, eine Reform der Ritualgesetze müsse schon aus Gründen der Vernunft erfolgen. Der Naturforscher Mordechai Schnaber (Georg Levisohn) etwa legte in seinem Buch „Ma’amar ha-torah we ha-chochmah“ („Über die Verbindung von Thora und Vernunft“, 1770/1771) dar, dass viele Gesetze des Judentums ohne Kenntnisse in den Wissenschaften nicht zu verstehen seien. Zwischen dem Vernunftdenken und der Religion könne und solle kein Gegensatz konstruiert werden. Auch religiöse Gesetze, so Schnaber, müssten rational begründet werden.
Saul Berlin, Rabbiner in Frankfurt an der Oder und Sohn des Berliner Oberrabbiners Hirschel Lewin, ging noch etwas weiter, indem er in seinem Buch „Ketav Joscher“ („Schrift der Aufrichtigkeit“, 1794) nicht nur das Unzeitgemäße des damaligen jüdischen Erziehungs- und Bildungssystems in satirischer Form attackierte, sondern seinen Zeitgenossen auch vorwarf, sie verhielten sich „wie Esel“, wenn sie sich den Ritualgesetzen freiwillig unterwerfen würden. Diese Kritik ging weit über Moses Mendelssohns Modernisierungsprogramm hinaus, der die Ritualgesetze nur vorsichtig kritisiert, aber nicht die Beseitigung vernunftwidriger Vorschriften und Gebote gefordert hatte.
Widerstand gegen überkommene traditionelle Strukturen regte sich in Vereinigungen wie der 1792 gegründeten „Gesellschaft der Freunde“. 12Ihre Gründer, zu denen Isaac Euchel, Aaron Wolfsohn, Aron Neo, Nathan Oppenheimer und Joseph Mendelssohn, der älteste Sohn des Philosophen, gehörten, wollten jüngeren unverheirateten Juden, denen der Zutritt zu öffentlichen Vergnügungsstätten häufig verwehrt wurde, die Möglichkeit eines geselligen Zusammentreffens ermöglichen. So sollten sie im Rahmen der „Gesellschaft“ eine alternative Gelegenheit erhalten, die Sorgen des Lebens zeitweilig zu vergessen und sich in Wohlwollen und Freundschaft zu begegnen.
Bei der Gründungsversammlung der „Gesellschaft der Freunde“ am 29. Januar 1792 waren rund einhundert Personen anwesend. „Das Licht der Aufklärung“, so erklärte bei diesem Anlass Joseph Mendelssohn, „[…] zeigt seine wohlthätige Wirkung seit mehr als 30 Jahren auch auf unsre Nation. Auch unter uns nimmt die Menge derer täglich zu, die in ihrer väterlichen Religion das Unkraut von dem Waitzen unterscheiden, und besonders in dem Staate, in dem wir leben […].“ 13Das Motto, das sich die „Freunde“ wählten, war der berühmte Stammbucheintrag Moses Mendelssohns: „Bestimmung des Menschen: Nach Wahrheit forschen, / Schönheit lieben, / Gutes wollen, / das Beste thun“ 14.
Zunächst war die neugegründete Gesellschaft auf das Wohlwollen der Berliner Gemeindeverantwortlichen gestoßen. Das änderte sich, als der seit längerem schwelende Streit um den Bestattungsritus offen ausbrach. Die Aufklärer um Isaak Euchel und Joseph Mendelssohn wollten verstorbene Mitglieder der Bruderschaft nicht mehr sofort beerdigen lassen, wie das der jüdische Brauch forderte. Sie argumentierten dabei ähnlich, wie das Moses Mendelssohn bereits 1772 getan hatte, als er zu einer Änderung des Brauches der sofortigen Bestattung aufgerufen hatte. Anlass war damals das Verbot des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin gewesen, das den Juden untersagte, ihre Toten vor dem dritten Tag nach dem Ableben zu bestatten.
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