Bis heute lebt der „Sokrates an der Spree“, wie Mendelssohn vielfach genannt wird, im allgemeinen historischen Bewusstsein fort, und zwar nicht nur als Freund des Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing und Urbild von dessen „Nathan“, sondern auch als vielbeachteter Aufklärer und Reformer. Seine philosophischen Schriften, seine Bibel- und Psalmenübersetzungen, vor allem aber seine Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ 5trugen von jüdischer Seite erheblich zum Prozess der Gleichstellung der Juden in Preußen und anderen deutschen Ländern bei.
„Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ (1783) erregte bei den Zeitgenossen schon deshalb Erstaunen, weil der Autor ein quasi rechtloser Jude war, der das Recht für sich in Anspruch nahm, für seine unterdrückten Glaubensbrüder zu sprechen und für allgemeine Denk-, Glaubens- und Gewissensfreiheit einzutreten. Gesinnungen, Meinungen und Überzeugungen, so Mendelssohn, dürften weder durch den Staat noch durch die Kirche irgendwelche Einschränkungen erfahren: „Grundsätze sind frey. Gesinnungen leiden ihrer Natur nach keinen Zwang, keine Bestechung. Sie gehören für das Erkenntnißvermögen des Menschen, und müssen nach dem Richtmaß von Wahrheit und Unwahrheit entschieden werden.“ 6
Einige der von Mendelssohn gebrauchten Formulierungen klingen heute so, als ob sie nicht schon Ende des 18. Jahrhunderts geäußert wurden, sondern unmittelbar aus unserer Zeit stammen. So beispielsweise die Mendelssohnsche Feststellung: „Weder Kirche noch Staat haben also ein Recht die Grundsätze und Gesinnungen der Menschen irgend einem Zwange zu unterwerfen. Weder Kirche noch Staat sind berechtiget, mit Grundsätzen und Gesinnungen Vorzüge, Rechte und Ansprüche auf Personen und Dinge zu verbinden, und den Einfluß, den die Wahrheitskraft auf das Erkenntnißvermögen hat, durch fremde Einmischung zu schwächen.“ 7
Mendelssohn und seine Mitstreiter erlebten von nichtjüdischer Seite nur eine verhaltene Resonanz. Das hat sie aber nicht daran gehindert, sich trotz der ihnen entgegengebrachten Ablehnung immer stärker mit Preußen zu identifizieren. Man fing an, sich als „jüdischer“ Untertan zu begreifen, ein Bekenntnis, das sich allerdings nicht so sehr auf den Staat, sondern mehr auf das Hohenzollern-Herrscherhaus bezog. Zunehmend identifizierten sich die Juden mit König und Vaterland und signalisierten damit auch ihre Zugehörigkeit zum preußischen Staat.
Zahlreich sind die Dokumente, die das nunmehr entstandene Loyalitäts- und Zugehörigkeitsgefühl spiegeln. Sie reichen von dem Gedicht „Geoffenbartes göttliches Gesetz“, das der Berliner Schutzjude Simon Wolff Brandes dem Kurfürsten anlässlich seiner Krönung zum König 1701 widmete, über Moses Mendelssohns in hebräischer, aber auch in deutscher Sprache verfassten „Dank“- und „Friedenspredigten“ bis hin zu den patriotisch-nationalistischen Ermunterungsreden der Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg.
Deutlich wird die Identifikation mit dem preußischen Herrscherhaus aber auch anhand der weniger bekannten Tatsache, dass z.B. in den Synagogen in Potsdam, Halberstadt und anderen Orten der Region seit Ende des 18. Jahrhunderts der preußische Königsadler mit dem Namenszug „Friedrich Wilhelm Rex“ in gusseiserner Form im Eingangsbereich, an der Bimah (dem Lesepodium) oder als Wandbemalung angebracht war. An den hohen jüdischen Feiertagen wurde der Landesherr bewusst mit ins Gebet eingeschlossen.
Bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurden solche Gebete in den Synagogen gesprochen. Der Vater des Verfassers erinnerte sich beispielsweise daran, als Junge das Gebet gehört zu haben: „Herr der Welt und König der Könige, wir beten zu Dir um Deinen Schutz und Deine Gnade, Deinen Segen und Beistand für unseren König und Herrn Kaiser Wilhelm II. Behüte ihn vor jedem Übel und vor allem Leiden. Begnade ihn durch ein hohes glückliches Alter und daß alle seine heilsamen Wünsche in Erfüllung gehen mögen.“ 8
Allmählich entwickelte sich unter Preußens Juden eine Art Ergebenheits- und Untertänigkeitskultur. Zum einen spiegelte sie das jüdische Selbstverständnis jener Jahre, zum anderen aber hatte sie den Zweck, der Umgebungsgesellschaft die Anpassungsbereitschaft der im Lande lebenden Juden zu signalisieren. Zu Recht sind die Verlautbarungen, beziehungsweise die Bittschriften und Vorschläge, die zu entsprechenden Anlässen veröffentlicht wurden (so beispielsweise das Huldigungsgedicht anlässlich der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms II. 1786: „O Gott! es lebe Wilhelm! Er beherrscht uns! Wie Thau das dürre Erdreich tränkt, so sey Er uns!/ Sein Anlitz leucht’ und lange Jahre noch!“ 9) als „poetische Zeugnisse der Vaterlandsliebe und der Fürstenverehrung“ (Ludwig Geiger) bezeichnet worden.
Die Hoffnung auf bessere Zeiten
Der Gleichstellungsprozess der Juden in Preußen ist auf diskursiver Ebene von zwei Seiten her argumentativ und engagiert angeschoben worden. Zum einen waren es gebildete Nicht-Juden, aufgeklärte Geister wie der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing, der Buchhändler Friedrich Nicolai und der preußische Beamte Christian Wilhelm Dohm, die sich für die Juden einzusetzen begannen. Geprägt und überzeugt von den Ideen der Toleranz und Humanität, hofften auch sie, dass diese Ideen die Menschheit läutern und somit auch Auswirkungen auf die Lage der Juden haben würden. Das Bekenntnis zur Vernunft, so meinte man, würde den Umbau der rechtlichen, sozialen und politischen Verhältnisse ermöglichen.
Und die bessere Welt, von der die Aufgeklärten träumten, schien durch die allgemeinen Entwicklungen tatsächlich in erreichbare Nähe zu rücken. Überall war zu hören, der Mensch sei von Natur aus nicht nur gut, sondern auch in der Lage, vernunftgeleitet und vorbehaltlos den anderen als anderen zu akzeptieren. Lessings „Nathan der Weise“ mag bei der Ausbildung dieser Überzeugung eine wichtige Rolle gespielt haben. Das Werk, bald auch auf der Bühne zu sehen, verkörperte die neue Gesinnung, der man sich zunehmend verpflichtet fühlte.
Zu der Gruppe von nichtjüdischen Protagonisten gehörten außer Christian Wilhelm Dohm auch Persönlichkeiten wie der Staatsmann und Reformer Karl August von Hardenberg oder der Gelehrte, Schriftsteller und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt, die sich aktiv für die Gleichstellung der Juden einsetzten. Aber auch sie waren, das war deutlich erkennbar, nicht nur von den herrschenden Toleranz- und Humanitätsideen, sondern auch von Nützlichkeitserwägungen geleitet.
Zumeist waren sie Anhänger des Merkantilismus, also in der Regel auch überzeugte Rationalisten. Sie sahen keinen triftigen Grund, die Ansiedlung der Juden zu beschränken oder ihnen bürgerliche Rechte vorzuenthalten. Im Gegenteil: Ihrer Ansicht nach würden durch eine Vergrößerung der Bevölkerung – auch der jüdischen – Staat und Wirtschaft profitieren. Durch die Erteilung von Handels- und Generalprivilegien an unternehmende jüdische Kaufleute, argumentierten sie, würden ökonomische Vorteile für den preußischen Staat zu erwarten sein.
Weder die Aufklärung noch die Botschaft der Französischen Revolution von 1789 gaben jedoch den entscheidenden Anstoß für den Beginn des Emanzipationsprozesses in den deutschen Ländern. Der Historiker Heinrich Schnee vertrat sogar die Ansicht, der Emanzipations- und Gleichstellungsprozess sei hauptsächlich das Werk einzelner jüdischer Hoffaktoren gewesen. Für Preußen scheint diese These indes gar nicht so abwegig. Zweifellos haben in Preußen einzelne „privilegierte“ und „generalprivilegierte“ Juden ihren Einfluss am Hof nach Kräften genutzt, um den Prozess der bürgerlichen Gleichstellung ihrer Glaubensbrüder voranzutreiben beziehungsweise deren Lage zu verbessern.
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