Aus (damaliger) jüdischer Sicht könnte man wohl bei dieser höchst problematischen Beziehung mit Bezug auf den Kafka-Freund und Schriftsteller Max Brod deshalb wohl eher von einer Art „Distanzliebe“ sprechen. Dieser Begriff, den Brod bekanntlich in den 1920er Jahren geprägt hat, diente diesem dazu, das komplizierte Beziehungsverhältnis von Deutschen und Juden, oder präziser das Verhältnis von Deutschtum und Judentum in der Zeit vor 1933 zu beschreiben.
Einiges spricht dafür, dass der Begriff „Distanzliebe“, wie er einst von Max Brod formuliert wurde, auch auf das Verhältnis von Juden und Preußen in der Epoche des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts angewendet werden kann – zumindest, wenn man die Konstellation aus der jüdischen Perspektive betrachtet. Man lebte als Jude beziehungsweise als Jüdin in Preußen, war halbwegs zufrieden, hatte aber Schwierigkeiten, sich mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zu arrangieren.
Bis zum beginnenden 19. Jahrhundert hatten Nichtjuden und Juden in den deutschen Staaten nur in Ausnahmefällen Umgang miteinander, was damit zusammenhing, dass das Verhältnis zueinander mit einem deutlichen rechtlichen Gefälle versehen war. Reglementierungen bestimmten den Alltag der jüdischen Bevölkerung. Bis auf einige wenige Privilegierte, die Sonderrechte besaßen, lebte die Mehrzahl der Juden und Jüdinnen nicht integriert, sondern ausgegrenzt und am Rande der Gesellschaft. Sie waren Fremde, Nichtdazugehörige, so etwas wie Marginalexistenzen in einer Welt, die unbeirrt glaubte, ohne Juden einfach besser auszukommen.
Ein erster hoffnungsvoller Durchbruch setzte mit dem Preußischen Emanzipationsedikt vom 11. März 1812 ein, mit dem die Schutzjudenschaft aufgehoben, den Zwangs- und Sonderabgaben ein Ende bereitet und die preußischen Juden zu „Einländern“ und „Staatsbürgern“ erklärt wurden. In den Synagogengemeinden von Berlin bis Breslau ist dieses Edikt seinerzeit überschwänglich gefeiert worden. Für die Juden, so lässt sich das rückblickend zum Ausdruck bringen, markierte es das Ende des Mittelalters und den Eintritt in die Neuzeitgeschichte.
Die Welt, in die die preußischen Juden nun eintraten, war allerdings noch immer eine Art „Gegenwelt“. Es war zwar nicht die Welt der säbelrasselnden Militärs, der hochnäsigen Beamten und adeligen Gutsherren, sondern es war die Welt des sich herausbildenden selbstbewussten Bürgertums, die Welt der Aufklärung, des Aufbruchs und des Fortschritts, in der sie sich heimisch zu fühlen begannen. Juden, die sich zu dieser Welt bekannten und in sie eintauchten, nahmen für sich in Anspruch, selbst auch das „andere Preußen“, das „fortschrittliche Preußen“ zu verkörpern.
In diesem Buch gehe ich unter anderem der nicht ganz einfachen Frage nach, ob und inwieweit jüdische Männer und jüdische Frauen zur Demokratisierung Preußens und Deutschlands im Vormärz und in der Revolution von 1848 einen erkennbaren Beitrag geleistet haben. Waren sie Anhänger bzw. Anhängerinnen des demokratischen Prinzips, weil sie sich von der Schaffung demokratischer Verhältnisse die Verwirklichung ausstehender staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten für die jüdische Bevölkerung versprachen? Oder, so müssen wir uns fragen, gibt es sogar so etwas wie eine Affinität der Juden zur Demokratie, die schon in der religiösen Tradition und Überlieferung des Judentums verwurzelt und angelegt ist?
Vermerkt werden sollte an dieser Stelle, dass mich, den Autor des vorliegenden Buches, das Identitätsproblem der deutschen Juden schon immer außerordentlich beschäftigt hat. Das war wohl auch der Grund, weshalb ich mich darangemacht habe, vorliegendes Buch zu schreiben. Denn immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, wie sich ein Jude damals wie auch heute definiert. Ist es jemand, der sich wegen seines Judentums zur Demokratie und zum Liberalismus hingezogen fühlen sollte? Oder ist das nur eine Art von Wunschdenken und Einbildung, die durch nichts belegt werden kann?
Eine andere Frage, die sich hier stellt, ist die, ob ein Jude beziehungsweise eine Jüdin sich zu konservativen politischen Positionen bekennen kann oder ob das ein nicht aufzulösender Widerspruch ist. Eine befriedigende Antwort darauf zu geben, ist verständlicherweise nicht ganz einfach. Es kommt auf die jeweiligen Umstände an. Denn Juden, so lässt sich sagen, unterscheiden sich, was ihre politischen Einstellungen angeht, darin im Prinzip nicht wesentlich von Nichtjuden. Beispiele dafür gibt es genügend. Der Rechtsphilosoph und Politiker Friedrich Julius Stahl, der in jungen Jahren zum Christentum übertrat und auf dessen konservative Einstellungen im Buch näher eingegangen wird, ist für die Hinwendung von Juden zum konservativen Denken im 19. Jahrhundert ein prägnantes Beispiel.
Aber, so möchte ich in diesem Zusammenhang weiter fragen, was hat das alles mit mir zu tun? In der Zeit der Studentenbewegung in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren befasste ich mich zeitweise nicht nur mit linksliberalen Ideen, sondern auch mit dem konservativen Gedankengut und konservativen Gedankengängen, wohl deshalb, so vermute ich heute, weil mir die radikalen Überzeugungen mancher meiner studentischen Freunde übertrieben und wenig überzeugend erschienen.
Letzteres hat mich nicht davon abgehalten, mich als jemanden zu bezeichnen, der sich zu demokratischen Ideen bekennt. Das geschah zugegebenermaßen zumeist dann, wenn mir bestimmte konservative Ansichten meiner Umgebungsgesellschaft suspekt vorkamen und ich mit ihnen nichts zu tun haben wollte. In meinen autobiographischen Erinnerungen „Mein Weg als deutscher Jude“ (2002) bin ich auf diesen Umstand an verschiedenen Stellen eingegangen.
Im Verlauf der Jahrzehnte haben sich meine politischen Überzeugungen spürbar verfestigt, und zunehmend habe ich begonnen, mich stärker mit demokratischen und linksliberalen Positionen zu identifizieren. Wie ich heute meine, haben nicht nur die aufgeregten Studentenbewegungszeiten dazu mit ihren Theorien und Träumereien entscheidend beigetragen, sondern vor allem auch meine beginnende Beschäftigung mit der 1848er-Revolution und ihren jüdischen Protagonisten.
Das, was in dem Zeitraum zwischen 1830 und 1870 von einer Reihe jüdischer Gelehrter, Schriftsteller und Politiker in Wort und Schrift vertreten und propagiert wurde, hat mich außerordentlich fasziniert. Wenn sich bei mir im Denken schließlich bestimmte linksliberale politische Überzeugungen verfestigten, dann war dies zweifellos unter anderem darauf zurückzuführen, dass ich mich mit den Identitätsproblemen der Juden im 19. Jahrhundert intensiv auseinanderzusetzen begonnen hatte.
Belegt ist, das ist unbestritten, dass Juden einen regen Anteil an revolutionären Bewegungen im 19. Jahrhundert genommen haben. In den Jahren 1848/49 haben sie, wie der deutschisraelische Historiker Jacob Toury das in seinem grundlegenden Buch „Die politischen Orientierungen der Juden in Deutschland“ ausführlich beschrieben hat, in verschiedenen Volksvertretungen gesessen, vor allem aber haben sie sich in Wort und Schrift für die Verwirklichung demokratischer Rechte eingesetzt.
Folgt man bestimmten Ansichten wie etwa denen des Historikers Arno Herzig, der die Revolution von 1848 als „innerjüdischen Wendepunkt“, als „Scheideweg zwischen dem Althergebrachten und dem revolutionären Neuen“ bezeichnet hat, dann sollte man sich, wenn es speziell um das preußischjüdische Verhältnis geht, zunächst vor allem den Aufklärern vom Ende des 18. Jahrhunderts wie Moses Mendelssohn, David Friedländer und anderen zuwenden. Denn sie waren es, die von jüdischer Seite den Boden für die sich vollziehenden politischen Veränderungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereitet haben.
In der dem Aufklärer und Philosophen Moses Mendelssohn nachfolgenden Generation, mehr noch in der Enkelgeneration, haben sich Ärzte, Juristen, Schriftsteller und Publizisten jüdischer Herkunft wie Johann Jacoby, Gabriel Riesser, Moritz Veit, Heinrich Heine und A. Bernstein in beeindruckender Weise zu Wort gemeldet. Sieht man sich deren Lebensverläufe an, bekommt man ein Gefühl dafür, warum sie sich demokratischen und freiheitlichen Ideen verschrieben haben.
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