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Gustav Hackel, St. Petersburg, um 1910
Bei meiner Recherche finde ich einen weiteren Hinweis zur kulturellen Sonderrolle Kurlands. Aus den Privilegien, die der kurländischen Bevölkerung bei der Einverleibung ins Zarenreich zugestanden wurden, ergab sich auch innerhalb des Ostjudentums eine Sonderstellung: Ein ›Kurischer‹ war kulturell nach Deutschland ausgerichtet und hatte üblicherweise eine deutsche Schulbildung erhalten, der Gebrauch des Jiddischen war auf dem Rückzug. Zugleich fühlten sich die kurischen Juden Russland besonders verbunden, als Treuebezeugung für die relative Unabhängigkeit innerhalb Kurlands – oder als Schutzmechanismus, um angesichts des erstarkenden Nationalismus den Vorwurf des ›vaterlandslosen Gesellen‹ zu entkräften, der den Juden in Zeiten der Verfolgung immer wieder gemacht wurde. VII
Sonja charakterisiert ihren Vater so: seines kulturellen jüdischen Hintergrundes bewusst, dabei stark in der deutschen Sprache und Kultur verwurzelt, zugleich glühender russischer Patriot – vielleicht hätten seine Zeitgenossen Gustav als typisches Beispiel für einen ›Kurischen‹ angesehen.
Zum Schluss frage ich mich, was aus möglichen in Mitau verbliebenen Verwandten geworden sein mag. Im Mitauer Adressbuch finde ich den Eintrag: ›Hebräischer Friedhof, an der Ruhenthal-Bauska-Straße, 4 Werst von der Stadt, vis-à-vis der Strautneek-Buschwächterei‹. Es gibt in Lettland ein Projekt zur Abschrift jüdischer Grabsteine. Aber Jelgava/Mitau ist aus irgendeinem Grund nicht dabei. Schließlich finde ich eine Quelle, die Aufschluss gibt: Beim Einmarsch der Deutschen nach Lettland 1941 war Mitau einer der ersten Orte, an denen die jüdische Bevölkerung zusammengetrieben und an Ort und Stelle von Erschießungskommandos getötet wurde. Dies geschah unter anderem auf dem jüdischen Friedhof, der anschließend vernichtet wurde. VIIIDie Welt der Mitauer Hackels und Gittelsohns existiert nicht mehr.
Einfacher als bei Gustav Hackel stellt sich die Quellenlage bei Sonjas Mutter dar. Hunderte von ihr verfasste Briefe finden sich in Sonjas Nachlass, ebenso ein langer Text, in dem sie für ihre Kinder und Enkel Erinnerungen an ihre Jugend in Berlin festhält. Sie erzählt darin auch von ihrer im Kindbett verstorbenen Mutter und dem Vater, der kurz danach die Familie verließ und der erst wiederauftauchte, als sie erwachsen war:
Meine Mutter war 1830 geboren, sie war 27 Jahre alt, als sie heiratete. Zart, feinknochig und feinnervig, mit wunderschönen Händen und einem hübschen Gesicht, welches durch das gescheitelte über die Ohren frisierte Haar noch schmaler erscheint, muss sie nach damaligen Ansprüchen »charmant« gewesen sein. Die Handschrift hatte absolut Sophiechen von ihr geerbt. Wir hatten als einziges Andenken von ihr ein Poesiealbum, in denen Goethesche und Heinesche Gedichte in der Mehrzahl waren.
Es war nicht zu ihrem Glücke, dass sie den Schlossermeister Isidor Blumenthal heiratete. Zwar war er durchaus nicht das, was man sich unter einem Schlossermeister vorstellte. Doch war es durchaus charakteristisch für ihn, dass er gerade dieses Metier erwählt hatte. Als die Eltern (in Friedeberg in der Neumark) sich seinem glühenden Wunsch zu studieren, widersetzten und einen Kaufmann aus ihm machen wollten, erklärte er trotzig, er wolle Handwerker werden und zwar das schwerste Handwerk erlernen. Das war in damaliger Zeit für jüdische Begriffe ein Rückschritt in niedere Sphären! Er selbst erzählte aber später mit Freude und Humor von seinen Wanderjahren als sangesfroher Geselle, und wenn wir im Harz oder Thüringen waren, knüpfte er mit jedem Handwerksburschen teilnehmende Gespräche an.
An einer anderen Stelle ihrer Memoiren skizziert Flora das Umfeld in der Berliner Holzmarktstraße 61, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sophie im Haus ihrer Tante Bertha aufwuchs:
Unsere Wohnung lag im Parterre, einige Stufen hoch, darunter ein an einen Sattler vermieteter Keller. Aus einem kleinen Entree kam man in ein zweifenstriges Wohnzimmer, ein Tritt am Fenster mit Stuhl und Nähtisch darauf, war Tantes Lieblingsplatz. Nach hinten war ein einfenstriges Schlafzimmer, wo Tante mit uns schlief, und dann eine geräumige Küche, wo auch das Mädchen [Hausmädchen] schlief. Unser liebster Aufenthalt waren der sehr große Hausflur und der geräumige Hof, und ich meine noch Tante Berthas, »Töni« genannt, – Stimme zu hören, wenn sie immer wieder zu den Mahlzeiten rief und wir uns doch von den Spielen nicht trennen konnten.
Wir nahmen sowohl unter den Kindern des Vorderhauses wie unter den Handwerkskindern der Kleinwohnungen (24 Mieter waren es im Ganzen) als »Wirtskinder« eine besondere Stellung ein, alle – und wir mit – waren überzeugt, dass die Beutel mit harten Talern, das Ergebnis der Miete, zu unserem ureigensten Gebrauche da seien. Ich machte von unserer Vorzugsstellung wenig Gebrauch, Sophiechen aber war der »Führer« mit uneingeschränkter Macht und dem entsprechenden Despotismus. Ob Räuber und Prinzessin oder Theater gespielt wurde, wer die Hauptpersonen sein sollten, bestimmte nur sie, trotz freigiebig verteilter Ohrfeigen war sie aber beliebt, als »Emil« in der Straße bekannt, denn sie kletterte und sprang und war unternehmungslustig wie ein Junge. Ich war ihr zärtlich gehüteter Schützling, und vergalt’s ihr mit Liebe, Bewunderung und dem durch lange Jahre anhaltenden Wunsche, ihr zu gleichen.
Auch der Alltag der Petersburger Jahre, sie dauerten für Flora von ihrer Heirat 1890 bis zur Flucht 1918, ist bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nahezu lückenlos durch das sogenannte Kindertagebuch (die Abschriften der Briefe, die sie an ihre Freundin Jenny Aron in Elbing schrieb) dokumentiert. Bemerkenswert ist ihr vollendeter Briefstil, aber auch ihre umfassende Bildung, ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ihre differenzierte Meinung zu den politischen Ereignissen der Zeit. Das Kindertagebuch beginnt damit, dass sie sich für eine verspätete Antwort entschuldigt und vage Andeutungen über ihre erste Schwangerschaft macht:
den 28. April 1891
Nicht böse sein bitte! Aber mir war nicht so recht in letzter Zeit.
Im nächsten Brief erzählt sie bereits ganz selbstverständlich, wie sie sich mit den Umständen arrangiert hat:
Einen Doktor oder eine ›sage femme‹ habe ich bisher nicht zu Rat gezogen und rechne mittels eigener Kombination, dass ›dat Würmchen‹ Ende October in die Erscheinung treten wird.
In Acht nehme ich mich nach Kräften, fahre so wenig wie möglich Iswostschik [Pferdedroschke, im Winter Schlitten], ängstige mich in schwarzen Stunden und freue mich wiederum unsäglich, dass auch dies Glück uns zuteil werden soll.
Flora und Sophiechen als Kinder, Berlin, um 1868
In den darauffolgenden Jahren beschreibt Flora anschaulich den Alltag mit ihren größer werdenden drei Jungen:
November 1902
In der Schule [war] Tanzabend für die großen Schüler von sechs bis zehn Uhr, und Bobby hat so lange gebettelt, bis er mitgenommen wurde. Bruno [ältester Sohn von Benno und Sophie Becker] der Arrangeur und wir Alten alle dabei. Sehr hübsch. Bobby sehr tanzlustig, aber leider in all den Tänzen nicht bewandert. Paul und Fredy waren im Tanzsaal nicht sichtbar, zogen es vor, sich in den Korridoren Schlachten zu liefern.
März 1903
Die Babyfrage ist wieder einmal bei uns auf die Tagesordnung gesetzt, und alles, was du in diesem Augenblicke denkst, denke ich schon seit Wochen. Ich hab einen ordentlichen Hass auf die Leute, die mir immer zu einem Mädel so freundschaftlich zugeredet haben, obgleich die sozusagen ja nicht die Schuld tragen. Gustav ist noch mehr außer sich wie ich, wir hatten uns das Altwerden schon so bequem zurechtgelegt, und nun sollen wir wieder jung werden. Sophiechen findet das sehr hübsch; ich bin einerseits zu träge dazu, andererseits tut mir das Baby leid, das unfehlbar verzogen werden wird. Bitte davon niemandem etwas verlauten zu lassen, ich liebe es nicht, wenn acht Monate vor der Geburt des Kindes von ihm schon die Rede ist.
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