Irgendwann beginnt die Verzweiflung und Hilflosigkeit immer mehr an mir zu nagen. Ich drehe mich um und setze unsere Konversation fort.
»Können wir ihnen nicht irgendwie helfen?« Tam zieht lachend die Augenbrauen nach oben und legt eine Hand an die Scheibe.
»Wie denn, willst du mit deiner Haarnadel so lange kratzen, bis du jeden Käfig durchbohrt hast?« Er lacht, doch ich hoffe, dass ein letzter Funken Anstand in ihm schlummert und er diese Nummer zum reinen Selbstschutz abzieht.
Reglos bleibt er stehen und beobachtet mich. Ein Schauer gleitet über meine Haut und ich stehe wütend auf. Mit voller Kraft schlage ich gegen Tams Hand hinter der schützenden Wand, doch dieser rührt sich keinen Zentimeter.
»Gut so, lass deine Wut raus. Möglicherweise kannst du dann immerhin diese Kabine zerstören.« Das Lachen ist aus seinem Gesicht gewichen und hat Platz für einen anderen bekannten Ausdruck gemacht. Sehnsucht und Traurigkeit liegen in den blauen Augen, als er mich in seinem Fokus gefangen nimmt.
Die Minuten fliegen dahin und keiner bringt die Kraft auf, dem anderen Blick zu entkommen. Der Kloß in meinem Hals und die heiße Luft, welche meine Nasenlöcher stark aufbläht, haben die Oberhand über meine Emotionen, doch irgendwo darunter schlummert ein ganz anderes Gefühl. Ich möchte auf Zurückspulen drücken und mich in die Zeit unserer ersten Begegnung beamen. So viel hat sich seit diesem Tag im Park verändert. Ich habe mich verändert. Wir haben uns verändert. Unsere Beziehung ist nicht zu definieren. Das Liebespaar kann ich klar ausschließen. Freundschaft sollte auf Vertrauen basieren, welches ich derzeit nicht aufbringen kann. Hass ist zu hoch gegriffen, wenn ich mich in Momenten wie diesen in seinen Augen verliere und ihm völlig willenlos ausgeliefert bin. Was wird das hier?
»Lass los.« Tam hält den Schalter der Sprechanlage nicht gedrückt und trotzdem kann ich seine Worte klar und deutlich verstehen. Loslassen. Ich ihn? Mein Vorhaben, den anderen zu helfen? Tristan, der wahrscheinlich nie wieder der Alte sein wird?
»Roya, ich bin es, Tam. Du kannst mich anschreien, du darfst die Scheibe einschlagen, um danach wütend gegen meine Brust zu schlagen, aber lass los. Es geht hier nicht um die anderen. Du bist von einer Tragödie in die nächste gerutscht und hast dir keine Zeit zum Luftholen gelassen. Deine Schwester ist tot. Wann hast du wirklich und wahrhaftig trauern dürfen, ohne abgelenkt zu werden? Tarik war dein bester Freund und nach seinem Unfall hast du dich ausschließlich um Fenja gekümmert. Tristan schwebt irgendwo zwischen Leben und Tod und für dich gibt es nichts als Krankenhauszimmer und Kantinenfraß. In wenigen Wochen steht dir die wohl größte Herausforderung deines Lebens bevor. Bis dahin solltest du Ordnung in deinen hübschen Kopf voller Traurigkeit und Verzweiflung gebracht haben.« Seine Stimme klingt dumpf, aber sehr greifbar. »Diese Warterei kann auch etwas Gutes haben. Sieh mich als deinen Rammbock an. Ich bin dafür qualifiziert, glaub mir. Ich leih dir mein Ohr und du siehst mich nicht mehr so an, als zerbrächest du jeden Moment in tausende, glänzende Glassplitter. Danach vergessen wir dieses Gespräch und ich werde nie wieder einen Ton darüber verlieren.« Er spricht schnell und ich brauche einen Augenblick, um seine Worte sacken zu lassen. Tam ist der letzte Mensch, dem ich meine Sorgen und Ängste anvertrauen will und doch überwiegt das Gefühl, ihm mein ganzes Herz zu offenbaren und kein Detail auszulassen. Er ist ein wichtiger Teil meiner Verwirrtheit und sollte solch intime Details nicht hören müssen. Was also tue ich?
»Ich werde mich jetzt auf den Boden setzen, also fall nicht um, sobald ich meine Hand löse.« Er lächelt verspielt und nähert sich in Zeitlupe dem kühlen Boden. Mit einer Sache hatte er recht – ich beginne zu schwanken, als er sich entfernt, obwohl unsere Hände nur eine scheinbare Verbindung aufgebaut haben. Langsam gleite auch ich nach unten und lehne mich, ihm zugewandt, an die uns trennende Front.
Die Welt um mich herum beginnt sich zu drehen. Kein schwindelerregendes Drehen, sondern ein schwebendes, welches sich sonderbar gut anfühlt. Ich halte die Augen geschlossen, um in diesem Gefühl zu erstarren. Ich fühle mich geborgen, gehalten, beschützt und wie auf Händen getragen.
Piep. Piep. Piep. Piep. Bitte, nimm mir nicht diesen kostbaren Moment der Sicherheit!
Piep. Piep. Piep. Piep. Ich will nicht aufwachen. Ich kann nicht aufwachen.
Piep. Piep. Piep. Piep. Ich spüre etwas Schweres auf meinem Bauch und etwas unangenehm drückendes an meinem linken Zeigefinger.
Piep. Piep. Piep. Piep. Das Geräusch wird schneller und ich schrecke auf.
»Tam?!« Ich reiße mir planlos den Pulsmesser vom Finger und ziehe die Beine schützend vor meinen Körper. »Scheiße, was machst du denn hier?« Völlig verpeilt reibt er sich die Augen und rückt mit seinem Stuhl einige Zentimeter zurück.
»Es,…du,…Moreno hat gefragt und ich hab ja gesagt. Lass mich…«
»Was soll er denn gefragt haben? Wo sind wir überhaupt?« Die Frage kann ich mir nach wenigen Sekunden selbst beantworten, als ich die Monitore und Schreibtische voller Mappen und Ordner wiedererkenne. Das Krankenhaus. Ich liege im Versteck der BePolaristen und Tam ist anscheinend zu meinem Wachhund erkoren worden. Ob in der Stellenbeschreibung vermerkt war, dass Händchenhalten oder Kopf auf dem Bauch der Klientin ablegen Teil der notwendigen Überwachung ist?
»Frauen! Lass mich doch bitte ausreden, bevor du noch den Wachdienst herunterlockst.« Mit ernstem Gesicht rückt er vorsichtig näher und lässt sich mit einem Kopfnicken bestätigen, dass dieses Verhalten geduldet wird. »Du warst gestern Nacht total aufgelöst nach unserem Gespräch und ich wollte dich nicht allein hier unten lassen. Das war es auch schon. Keine Hintergedanken, kein Gegrabsche. Ich bin eingeschlafen. Das ist wohl mein einziges Vergehen.« Sofort bereue ich die Überreaktion. Meine Erinnerungen kehren in Fetzen zurück und es war ungerecht und verletzend von mir, ihn so anzufahren.
»Entschuldige bitte, ich muss einen Teil der jüngsten Ereignisse wohl irgendwo im Hinterstübchen vergraben haben. Konnten die anderen ihre Särge unbeschadet verlassen?« Tam lehnt sich zurück und sieht mich etwas misstrauisch an.
»Du erinnerst dich nicht mehr?«
»Nur bruchstückhaft, sorry.«
»Wir warteten noch zwei Stunden, bis Ceyda endlich die Kabinen öffnete und alle Kandidaten befreite. Sly und Taranee schafften es noch in der vorgegebenen Zeit aus ihrem Gefängnis. Ihre Boxen waren jedoch zu abgelegen, um mit uns Kontakt aufnehmen zu können.«
»Und die anderen? Was ist mit Ebba, Berd…«
»Lana und Kuno? Alle sind wohlauf und kurieren ihren Schock in den BePolarräumlichkeiten der jeweiligen Bezirke aus. Ihnen fehlte wohl der ›Antrieb‹ , meinte Moreno.«
»Hä, verstehe ich nicht?« Tam sieht mich eindringlich an auf der Suche nach einer versteckten Antwort.
»Wirklich nicht, Roya?« Er glaubt mir nicht. »Du hast gekämpft, weil du einen Anker in dieser Welt hast. Du verfolgst ein Ziel, hast Menschen, die dir am Herzen liegen und einen Grund zurückzukehren. Moreno meint, wer nicht weiß, wofür er die Strapazen der Initiation auf sich nimmt, der ist hier fehl am Platze. Sie bekommen eine weitere Chance in einer simulierten, lebensbedrohlichen Situation. Wann und wo verrät uns natürlich keiner.« Toll, super, spitzen Idee. Stürze die Jugendlichen einen Abgrund hinunter und sieh zu, wer wieder herauffindet. › Fragwürdige Methoden‹ – habe ich schon immer gesagt.
Читать дальше