Martha Kindermann - BeTwin

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Wenn dir das Rampenlicht die Träume raubt, aber den Weg ins Abenteuer deines Lebens leuchtet…
Wenn du über dich hinauswächst, um im goldenen Käfig fliegen zu lernen, statt gefressen zu werden…
Wenn du dich in ein Ballkleid zwängst, um ordentlich Staub aufzuwirbeln…
…Dann, Roya Roth, bist du dazu fähig, die Sterne Polars neu zu ordnen und bereit einen Jungen zu lieben, dessen Schatten dir unter die Haut geht!

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»Rafael, BITTE!«

»Ich brauche Zeit, Roya. Zwing mich nicht.«

»Du hattest mein ganzes Leben lang Zeit. Tu mir den Gefallen. In wenigen Wochen werde ich weit, weit weg sein und die Gewissheit, dass du in NW/74 bleibst und unsere Eltern ein neues Projekt in ihrer Nähe haben, macht mir den Abschied so viel leichter. Bitte, denk darüber nach!«

»Wenn die Eltern die Wahrheit kennen, werden sie dich niemals nach Midden lassen.« Damit hat er vollkommen recht.

»Gut, dann lass uns warten, bis es für mich kein Zurück mehr gibt. Aber ich warne dich: Mach keinen Rückzieher! Sie haben die Wahrheit verdient. Und außerdem – wer passt sonst auf dich auf, wenn ich in der Warte festsitze und du mich nur noch auf der Mattscheibe zu sehen bekommst?«

»Lach nur, ich komme gut alleine klar, auch wenn ich Miss Shootingstar natürlich vermissen werde.«

»Du bist doof!« Sie lacht. »Abgemacht?«

»Abgemacht!«

Eine Tür öffnet und schließt sich.

»Schon wieder warten. Warten und Lügen.« Sie seufzt und legt ihren hübschen Kopf auf meine Brust. »Tristan, komm zu mir zurück! Ich brauche etwas wahrhaft Echtes und Unantastbares in meinem Leben. Ich brauche dich !« Gib mich niemals auf, schönes Mädchen! Ich werde aufwachen, wahrhaft echt und für dich da sein. Wenn ich nur könnte…

Tag 255

»Au!« Ich halte mir den Kopf und öffne langsam die Augen. Es dauert einen Moment, bis ich meine Umgebung erkennen kann, da mich ein winziger Lichtstrahl genau ins rechte Auge blendet. Ich strecke die Hand aus und treffe auf einen Widerstand. Ich nehme die andere Hand dazu und versuche mit aller Kraft die Barriere zu durchbrechen. Augenblicklich fällt der Schleier. Ich strecke mich zu allen Seiten, bis die Zehen- und Fingerspitzen die Grenze meines Käfigs erreichen. Panik steigt in mir auf. Meine Augen beginnen zu rotieren und ich atme so schnell und flach, dass es mir beinahe die Besinnung raubt. Wo bin ich? Was für ein krankes Spiel ist das hier?

»Hilfe!«, rufe ich erst zaghaft und dann immer lauter, bis mir der eigene Schrei in den Ohren brennt. Meine Fäuste trommeln wie von selbst gegen den dunklen Deckel der Kiste, in der ich offensichtlich gefangen bin. Nein! Bitte nicht! Bitte nicht! Bitte nicht! Ich will hier raus! Ich will nach Hause! Ich will zu Tristan, zu Fenja, zu Rafael, meinen Eltern, ja sogar Tams Anblick würde mir jetzt Freude bereiten.

Pam – Pam – Pam – gedankenlos und in völliger Trance schlage ich mit letzter Kraft gegen meinen Kokon. Nach unzähligen Minuten verkrampfen schließlich meine Arme und sinken bleischwer zu Boden. Eine heiße Träne rinnt mir die Wange hinunter und verwandelt sich allmählich in ein nicht endenwollendes Schluchzen. Soll dies das Ende sein? Angst und Trauer überkommen mich in einem Maße, welches ich selbst nach Rheas Tod nicht erlebt habe. Ist mir das eigene Leben tatsächlich wichtiger als das meiner geliebten Mitmenschen? Heule ich hier wie ein Baby, weil ich sterben muss, oder ist es die Hilflosigkeit, die mich aufgeben lässt? Moment – aufgeben? Kommt nicht in die Tüte! Ich habe eine Aufgabe zu erledigen, ich bin noch viel zu jung, um mich von der Erde zu verabschieden, und vor allem gibt es Menschen da draußen, die mich brauchen. Ich habe noch so viele Fragen und zu wenige Antworten. Nein, ich will nicht gehen!

Ich schließe die Augen und lasse meine Situation in Gedanken immer und immer wieder ablaufen. Warum bin ich nicht früher darauf gekommen und habe in Panik wertvollen Sauerstoff verschwendet?

Das Loch , schießt es mir in den Kopf. Das hereinfallende Licht ist der Beweis dafür, dass ich nicht unter der Erde, sondern lediglich in einem weiteren Raum gefangen bin. Meine Hände suchen in den Hosentaschen nach etwas Brauchbarem, um das Löchlein in einen Notausgang zu verwandeln. Nichts. Meine Brille taucht in der Akademie nicht auf und – die Haare. Nachts trage ich doch diesen seltsamen Dutt auf dem Kopf. Da müsste es doch – Yes! Zwei unscheinbare Haarnadeln kommen zum Vorschein. Ich benutze die Zähne, um das hilfreiche Metall von der schützenden Plastikschicht zu befreien, und starte meinen Rettungsversuch.

Eine Nadel sticht ins Holz, die andere hebelt das betreffende Stück ab.

Eine Nadel sticht ins Holz, die andere hebelt das betreffende Stück ab.

Eine Nadel sticht ins Holz, die andere hebelt das betreffende Stück ab…

Eine Unendlichkeit später passt eine Hand durch die Öffnung, irgendwann sind es zwei, irgendwann schiebe ich die Ellenbogen hinterher und schaffe es, von einem wütenden Kraftschrei begleitet, den Sargdeckel zu sprengen.

Reglos bleibe ich liegen. Das künstliche Licht blendet und mein Puls rast immer noch mit bedrohlicher Geschwindigkeit. Langsam, ganz langsam stemme ich die Arme gegen die Seitenwände der Kiste und erhebe mich. Erst jetzt bemerke ich den schmerzenden Rücken und meine zerkratzen Finger und Unterarme. Der Adrenalinspiegel hielt diese Schmerzen zurück und gab mir die nötige Kraft, mich aus dem Gefängnis zu befreien.

»He, Roya.« Eine mir vertraute Stimme erklingt blechern in unmittelbarer Nähe und lässt mich herumfahren. Ich steige aus der Kiste und sehe mich mit offenem Mund um. Zu meiner Rechten steht Tam hinter einer Plexiglasscheibe und betätigt einen schwarzen Knopf, um mit mir in Kontakt treten zu können. Mit fragenden Augen und trockener Kehle bemerke ich die anderen Kabinen aus Plexiglas, die sich zu beiden Seiten erstrecken.

»Wir sind bisher die Einzigen«, sagt er. »In Kiste Nummer Fünf regt sich etwas und die Sieben hämmert immer wieder gegen den Deckel. Alle anderen sind still.«

Das hier ist ein Scherz, oder? Die große Halle und die damit verbundene Freiheit scheinen zum Greifen nahe und doch sind sämtliche Schläfer wie Gefahrengut oder steinalte Reliquien in doppelwandigen Kokons eingesargt.

»Du warst schnell«, vernehme ich aus der Nachbarkabine.

»Du warst schneller«, entgegne ich und starre weiterhin ahnungslos um mich. Ich kann meine – unsere Situation noch nicht fassen. Der Schock sitzt zu tief in meinen Knochen, obwohl ich nun weiß, dass wieder einmal alles nur ein Spiel war. Wenigstens bin ich nicht allein in meiner Verzweiflung, auch wenn ich mir selbstverständlich einen anderen Schläfer zur Unterhaltung gewünscht hätte. Tam deutet auf einen identischen schwarzen Knopf auf meiner Seite der Zelle. Er hat mich nicht verstanden.

»Du warst schneller«, wiederhole ich mit gedrückter Sprechanlage und neige misstrauisch den Kopf.

»Ich habe spitze Knie, die wohl bis an mein Lebensende eine dunkelblaue Färbung behalten werden.«

»Haarnadeln«, sage ich und zeige ihm meine verbogenen Lebensretter. »Was machen wir jetzt?« Tam zuckt die Achseln.

»Abwarten, bis sie die Show abbrechen und uns hier rauslassen. Spätestens morgen früh ist eh alles vorbei, also entspann dich.« Der ist gut. Unsere Freunde und Mitstreiten bangen weiterhin um ihr Leben und ich soll entspannt dabei zusehen?

»Wie geht es Tristan?« Toll, er will mich ablenken. Ich lasse mich wortlos zu Boden sinken und zeige Tam die kalte Schulter des Desinteresses. Er nutzt die Gunst der Stunde, um mich in ein weiteres sinnloses Gespräch zu verwickeln, nachdem ich, verwirrter als zuvor, doch wieder schwach geworden bin. Jetzt nicht, denke ich. Die nächsten fünf Minuten bleibt es still auf der anderen Seite.

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