»Es war während der Eröffnungsshow. Der Bruder des Garagenbesitzers fand Tristan zufällig, als sein Fernseher den Geist aufgab und er in dieser heruntergekommenen Bruchbude nach Ersatz suchen wollte. Dass sein Bruder heimlich ein kleines Psycholabor errichtet hatte, um an einem Teenager kranke Experimente durchzuführen, ahnte er natürlich nicht. Tristan war sauber und hatte keinerlei Wunden oder andere Beweise für stumpfe Gewalteinwirkungen an seinem Körper. Dieser Gestörte muss ihn wochenlang zugedröhnt und auf einer Pritsche festgeschnallt haben.« Ich stocke. Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Geschichte erzähle, aber es tut so verdammt weh. Wie kann ein Mensch nur zu solch einer Grausamkeit fähig sein? Fenja streicht über meinen Rücken und redet mir gut zu.
»Du musst es mir nicht…«
»Doch, kein Problem. Ich möchte es, wirklich.« Noch einmal tief Luft holen. Fenja ist meine beste Freundin und hat die Wahrheit verdient. Sie wird uns beiden besser helfen können, wenn sie diesen perversen Geist kennen und verstehen lernt. »Tristan wurden die Augen verklebt.« Puh, vielleicht kann ich doch nicht weitersprechen. Der Kloß in meinem Hals schwillt an und meine Lippen beginnen erneut zu zittern. »Er hat ihn an einen Tropf gehängt und so mit Nahrung, Flüssigkeit und ausreichend Betäubungsmittel versorgt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Entführer gewarnt wurde, bevor die Einsatzkräfte am Tatort eintrafen und so diverse medizinische Geräte und andere wichtige Beweise in letzter Sekunde verschwinden lassen konnte. Der Verdächtige und sein Bruder streiten jedoch vehement alles ab und beharren auf ihre Unschuld. Die Polizei hat die beiden trotzdem in Gewahrsam genommen und hofft auf neue Hinweise aus der Nachbarschaft und so weiter.« Ich habe die beiden nie gesehen und kenne deren Lebensgeschichte nicht. Vielleicht wurden sie in ihrer Kindheit misshandelt. Vielleicht wollten sie ihre perversen Fantasien ausleben. Vielleicht sind sie auch nur zwei arme Schweine, die auf’s Übelste verarscht wurden.
»War der Typ Arzt oder so?«
»Wie?«
»Ob er eine medizininische Ausbildung hatte?« Warum fragt sie das. Ich muss Fenjas Frage mit einem Schulterzucken beantworten und zum hundertsten Mal in mein feuchtes Taschentuch schniefen. »Wenn er weiß, wie man einen jungen Kerl monatelang intravenös ernährt und einschläfert, ohne ihn zu töten, dann hat man vermutlich einen gewissen medizinischen Background, oder nicht?«
»Ja, vermutlich hast du recht.« Warum ist mir das nicht eingefallen? »Rafael meinte, der Typ sei LKW-Fahrer. Mehr wissen wir nicht.«
»Dein Checkerbruder ist ziemlich gut informiert für einen Underdog.«
»Zum Glück! Hätte Rafael nicht so gute Beziehungen zum Krankenhaus, dann wären meine Füße vermutlich nie über Tristans Türschwelle getreten. Eine Stunde, nachdem sie ihn in der Garage gefunden haben, rief Rafael mich bereits an. Die Nacht über hätten sie uns nicht zu ihm gelassen, also harrte ich mit dem Vorsatz aus, kein Auge zuzumachen.« Ein zaghaftes Lächeln huscht über mein Gesicht. »Hat keine fünf Minuten gedauert und ich bin in der Akademie aufgewacht.«
»Du hättest ja eh nichts tun können.« Fenja streicht mir beschwichtigend über die Hand.
»Leider! Nicht einmal Telemachos war da, um seinem Sohn die Hand zu halten. ›Geschäfte‹ . Es hat einen ganzen Tag gedauert, bis er sich die Zeit nahm und mit Pfefferhauser und Moreno Tristans Situation besprach.« Dieser Typ ist einfach unglaublich.
»So ähnlich hat es Tam bereits erzählt.«
»Tam? Woher weiß der denn Bescheid?«
»Er war im Krankenhaus, als du schliefst, und traf sich anschließend mit seinem Vater, der eine Erklärung erwartete. Bis dato wusste er tatsächlich nichts von der Vertauschung der Brüder.«
» Die Geschichte würde ich ja zu gern hören. Wie hat Tam ›erklärt‹ , dass sie vor seinen Augen die Plätze getauscht haben und der psychisch kranke Sohn über Wochen nicht in seinem Krankenhausbett lag? Schlimm genug, dass der Herr Mustervater es nicht einmal bemerkt hat.« Fenja schlägt mir eine Hand auf den Oberschenkel.
»Ha, wem sagst du das? Er hat Tam schreckliche Vorwürfe gemacht und all sein Fehlverhalten auf ihn abgewälzt. Er wirft ihm sogar vor, mitschuldig an der ganzen Entführungsgeschichte zu sein.« Meine Hand wandert auf Fenjas Hand und ich fahre mit hochgezogenen Augenbrauen und todernstem Blick fort.
»Er hat vermutlich nicht ganz Unrecht. Weißt du, warum Tristan nicht zum BePolartreffen gekommen ist?«
»Klar, Tam bekam einen Anruf, dass Tristan verhindert ist und die Stadt verlassen müsse. Tam wollte die Situation retten und hat seinen Platz eingenommen.«
»Und das glaubst du ihm?« Meine Muskeln verkrampfen sich und ich schütte den ganzen Smoothie auf einen Schluck hinunter, um mich abzulenken.
»Was willst du damit andeuten, Roya?« Fenja scheint ernsthaft besorgt.
»Er schob an jenem Abend einen Zettel für Tristan unter unseren Abstreicher. In meinem Namen!« Ich muss mich kurz sammeln, um nicht in Tränen zu zerfließen. »Telemachos wäre ihnen auf die Schliche gekommen und wollte Tristan erneut einsperren. Wie er schlussendlich in der Garage gelandet ist, weiß keiner. Vielleicht brauchte er nur einen Unterschlupf und ist diesem kranken Mistkerl in die Hände gefallen.«
»Ja, vielleicht.« Ihre Stimme klingt nachdenklich. Ich lasse ihr Raum zum Grübeln und sinke ohne einen einzigen Gedanken im Kopf in die bequemen Kissen der Sofalandschaft. »Wie, sagtest du, hast du den Unterschied zwischen den beiden bemerkt?«
»Ich sagte gar nichts. Er ist ein Meister der Tarnung, genau wie sein Ebenbild.« Die Szene im Bürgerhaus läuft im Zeitraffer vor meinen Augen ab: sein fordernder Blick, die Kraft, mit der er mich gegen die Wand drückte, das fehlende Sichelmahl auf dem Schlüsselbein und all die Lügen.
Ich springe auf und halte Fenja eine helfende Hand entgegen. Zögerlich greift sie zu und lässt sich von mir in die Senkrechte ziehen.
»Was hast du?« Meine Freundin blickt nachdenklich auf die Holzplatte des Stubentisches.
»Ein ungutes Gefühl habe ich. Wir übersehen etwas und das lässt mich nicht los. Ist es wirklich ausschließlich ein Machtspiel der Brüder um deine Gunst, oder bist du nur Mittel zum Zweck? Schließlich sollte euch die geheuchelte Romanze dabei helfen, die Warte als Sieger zu verlassen.« Ich hoffe inständig, dass sie diese Worte nicht ernst meint und schüttle schweigend den Kopf. Tam traue ich seit dieser Nacht keinen Meter über den Weg, obwohl sich die anfängliche Wut in pures Desinteresse zu verwandeln beginnt. Soll er doch machen, was er will. So lange er Tristan und mich in Ruhe lässt, wird mich seine Anwesenheit in der Warte nicht tangieren. Ach, was rede ich da? Fenja hat mich mit ihren Zukunftsmelodien schon total eingelullt. Mein Name ist im Fernsehen aufgetaucht und Schluss. Keine Garantie für die nächste und entscheidende Runde.
Schweigend nehmen wir den Bus zurück und starren aus unterschiedlichen Fenstern auf die langsam ergrünende Umgebung. Es ist Frühling und allmählich zieht Leben in unser kleines Städtchen ein. Die Vögel singen ihre Liebeslieder, die Bäume zeigen das hellgrüne Blätterkleid und immer mehr Menschen gehen pfeifend durchs Leben. Alles erwacht, alles außer Tristan.
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