man ansetzen muss, will man mit der magischen Entwicklung
(und der Entwicklung zum Magier!) ernst machen. Zum anderen ist Trance nicht gleich Trance, und das gilt, auch für die gnostische. Mit etwas Erfahrung werden Sie feststellen, dass die Magis (übrigens ähnlich wie Chi oder Prana) durchaus unterschiedliche Qualitäten haben kann, je nachdem, mit welchen Mitteln wir
sie freisetzen.
Der Laie und Anfänger unterscheidet meistens nur zwischen "schwächerer" und
"stärkerer" magischer Energie; von daher rühren auch die Vorurteile, die man manchen Magieformen entgegenbringt ("Schwarze Magie ist mächtiger als
Weiße Magie" Voodoo ist stärker als westliche, "Magie" usw.). Der erfahrene Magier hingegen weiß genauer zu differenzieren.
Er unterscheidet, sofern er Pragmatiker ist, stets situativ: Jede magische
Operation bedarf nämlich imgrunde einer eigenen Form der Magis, und diese freizusetzen gelingt nur durch die Kombinatorik bestimmter Techniken, Reize
und Trancen. Das ist ein sehr individueller Vorgang, und es lassen sich daher keine starren Regeln für ein "korrektes" Verfahren aufstellen. So wird der eine Magier beispielsweise für die Geldmagie ausschließlich planetenmagische Operationen mit dem Jupiter - und Merkur - Prinzip wählen, während
sein Kollege sich dabei ebenso ausschließlich der Sigillenmagie bedient; ein anderer schwört dafür auf die Sexualmagie usw. Magie ist nicht zuletzt auch die Kunst, diese Kombinatorik der Energien zu beherrschen und stets das Angemessenste und Erfolg Versprechende zu tun. Das lässt sich aber nur durch Intuition und viel Erfahrung erreichen, und aus diesem Grund bleibt es keinem Magier erspart, mit möglichst vielen
Techniken und Methoden zu experimentieren, um sie aus eigener Anschauung heraus beurteilen zu können.
Auch in der Magie gibt es, wie in jeder anderen Disziplin, Buchhalter - ,
Künstler - und Forschernaturen, wird phantasielos oder phantasievoll
gearbeitet. Das ist eine Sache des Talents und des Temperaments, doch strebt
der Magier auch, anders als der Durchschnittsmensch, in der Regel nicht danach, sich möglichst bald eine möglichst wasserdichte und katastrophenarme Realität zusammenzuzimmern; er sucht vielmehr (auch das unterscheidet ihn zunächst
vom Mystiker) die Vielfalt, eben das bunte Leben. Es versteht sich von selbst, dass dazu auch der Mut gehört, nicht nur die Tabus anderer zu brechen, sondern vor allem auch die eigenen.
Sind Ihnen bestimmte sexuelle Praktiken sehr stark zuwider, können Sie sicher sein, dass an diesen Punkten auch sehr starke innere Energien gebunden sind. Zwingen Sie sich
bewusst zur Auseinandersetzung mit diesen Praktiken, so werden Sie unweigerlich feststellen, dass dies in Ihnen eine ganz andere Kraft und Magis freisetzt, als dies bei weniger verfänglichen Techniken der Fall gewesen wäre.
Das bedeutet freilich nicht, dass Sie deshalb dabei auch eine besonders
angenehme Erfahrung machen werden, oft ist das genaue Gegenteil der Fall.
Aber die "Einweihung durch Schrecken" war und ist ja
auch nie eine angenehme oder gar "gemütliche" Erfahrung, und doch führt sie
oft sehr viel gründlicher, schneller und effektiver zum nächsten Teilziel, als dies
die Zimperlichkeit vermag. Dies sollten Sie stets bedenken, bevor Sie sich dazu entschließen, eine bestimmte sexualmagische Erfahrung zu verweigern (was allerdings durchaus auch sinnvoll sein kann!).
Andererseits ist ein erzwungener Tabubruch nur eine sinnlose Quälerei, wenn
nicht dahinter die richtige Einstellung und Zielsetzung steht. Nackte Angst allein macht noch keine Einweihung, auch nicht die Tatsache, dass man sie vielleicht überlebt oder überwunden hat. Aus diesem Grunde ist es auch so wichtig, was übrigens alle guten Magiebücher betonen, dass der Magier zu seinem eigenen Willen findet, dass er ein Ziel vor Augen hat und weiß, weshalb er den
Tabubruch begehen muss und will. Dies im Alleingang zu tun, ist oft sehr schwierig, weshalb sich auch manch ein angehender Adept nach einem Meister oder Lehrer sehnt. Doch hat das Meister - Schüler - Prinzip auch seine Tücken: Zwingt der Meister den Schüler wider dessen Wollen (nicht "Willen"!) zu bestimmten Dingen, richtet sich die Energie des also Gepeinigten nur zu oft in Form von Wut, Hass und Auflehnung gegen den Lehrer, anstatt sich auf die ihm gestellte eigentliche Aufgabe zu konzentrieren. Der Meister wiederum muß
einen Großteil seiner Arbeit darauf verwenden, den Schüler zur richtigen
Rebellion gegen ihn selbst anzustacheln - zu einer Rebellion nämlich, die zu
einer echten Abnabelung und Selbstständigwerdung führt. Aleister Crowley, zu dessen Hauptverdiensten um die Magie es nicht zuletzt auch gehörte, das Prinzip der Selbsteinweihung auf feste Beine gestellt zu haben, weist in seinen Abhandlungen zur Magie darauf hin, dass vor allem der Anfänger dazu neigt, Praktiken und Gebiete zu bevorzugen, die ihm am meisten liegen und am leichtesten fallen.
Dadurch werde, führt Crowley aus, ein bereits bestehendes Ungleichgewicht nur noch verstärkt. Insofern hat der gezielte Tabubruch zugleich eine pädagogische und eine ausgleichende Funktion, weil er zu einer ausgewogenern magischen Persönlichkeit führen will. In kaum einem Bereich wird dies so deutlich wie in
der Sexualität. Ich möchte an dieser Stelle die Behauptung wagen, dass die Sexualmagie aus dieser Tatsache auch den Großteil ihrer Kraft schöpft:
Dadurch, dass sie auch mit Sexualängsten und Tabus arbeitet, setzt sie vor allem
am Anfang eine ungeheure Erfolgsenergie frei, weshalb auch gerade Anfänger
von ihrer Wirkung so überrascht sind. Doch ist ein Tabu einmal oder gar
mehrfach gebrochen worden, verliert es natürlich an "Unterdrückungskraft". Es
ist als würde man den Deckel des kochenden Wassertopfs ständig öffnen, um so
den Dampfdruck zu vermindern. Allerdings führt die Sexualmagie über den
reinen Tabubruch weit hinaus. Um ein Beispiel zu geben: Ist der Dampf erst
einmal (meist explosionsartig) abgelassen worden, kann man sich gezielt der
Energie des kochenden Wassers selbst bedienen. Mit diesem Bild soll auch
deutlich gemacht werden, dass es bei der Sexualmagie nicht um den Tabubruch allein geht. Er stellt vielmehr eine wertvolle Hilfe dar und sollte auch als solche respektiert und angewandt werden, aber er ist keineswegs das einzige
Kraftprinzip dieser Praktik und schon gar nicht ihr alleiniges Hauptziel!
Ein schwerwiegendes Problem, welches in der Praxis der Sexualmagie eine
große Rolle spielt, ist das der Liebe. In diesem Werk wollen wir uns allerdings
nicht ausführlich damit befassen, und zwar aus mehreren Gründen, die hier kurz beleuchtet werden sollen. Dass Liebe und Sexualität eng zusammengehören, galt keineswegs immer als so unfraglich, wie wir es heute oft sehen. Gerade in
Zeiten unterdrückter Sexualität wurde vornehmlich", die reine durch Sexualität "unbefleckte" Liebe propagiert.
Das hat sich jedoch inzwischen weitgehend geändert, und heute sind sich, von wenigen religiösen Fanatikern abgesehen, die meisten Menschen darin einig,
dass die Sexualität zur Liebe gehört. Egal, ob dies nun unbedingt im Rahmen
einer institutionalisierten Ehe sein muss, oder ob man auch die so genannte
"freie Liebe" (oder "wilde Ehe") toleriert - die Grundeinstellung ist weitgehend
dieselbe.
Doch gilt diese Gleichung auch in umgekehrter Richtung? Gehört zur Sexualität ebenso unverzichtbar die Liebe? Wenn dem tatsächlich so wäre, hätten
Prostitution und Pornoindustrie wohl schon längst ausgedient, ja sie wären nicht einmal entstanden oder notwendig geworden. Oft wird eingewendet, dass diese Spielarten der verkommerzialisierten Sexualität (der Volksmund spricht ja auch
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