Insofern stellt die Magie in gewissem Maße sogar eine Form der Therapie
geistig - seelischer Störungen dar, und oft wird sie ja auch als eine Art " gesteuerter Schizophrenie" bezeichnet, was vor allem auf die so genannte "theurgische" und die Besessenheitsmagie zutrifft. Dies bringt uns endlich zur Frage, was denn Magie überhaupt sei. Wer sich schon länger mit magischer Literatur beschäftigt hat, dem werden bereits zahlreiche Definitionen der Magie begegnet sein. Wir wollen uns hier auf die folgende beschränken, die eine Abwandlung der altbekannten Formulierung des Altmeisters der modernen
Magie, Aleister Crowleys, darstellt: "Magie ist die Kunst und die Wissenschaft, mittels veränderter Bewusstseinszustände Veränderungen auf der stofflichen wie geistigen Ebene herbeizuführen."
Mittels veränderter Bewusstseinszustände" diesen Grundsatz sollten Sie sich genau einprägen. Denn, so formuliert es das Liber Null sehr treffend:
"Veränderte Bewusstseinszustände sind der Schlüssel zu magischen
Fähigkeiten." Die für die Magie benötigten Bewusstseinszustände nennen wir
hier, ebenfalls in Anlehnung an das Liber Null, "gnostische Trancen" oder,
kürzer, "Gnosis".
Gnosis ist ein späthellenischer Begriff, der eigentlich soviel wie "intuitives, offenbartes Wissen" bedeutet, Er wird hier in diesem, modernen,
Zusammenhang verwendet, weil damit a) die intuitive und subjektive Seite des magischen Handelns betont wird; und b) weil wir es bei der "gnostischen
Trance" um eine Art "Hyper - Luzidität", also "Über - Wissen" zu tun haben,
eine gesteigerte "Klar" - Sicht, für die es in unsere Sprachschatz keine richtige Entsprechung gibt. Am besten ließe sich dieser Zustand vielleicht noch als eine Mischung zwischen "Offenbarung" und "Hellsichtigkeit" umschreiben.
Die Sexualmagie bezieht einen großen Teil ihrer Mächtigkeit gerade aus der Tatsache, daß die Sexualität ganz allgemein und der Orgasmus im besonderen
uns eine geradezu ideale "natürliche" gnostische Trance für die magische Arbeit bietet. (Crowley nennt dies die "eroto komatose Luzidität", also die durch erotische Praktiken herbeigeführte, dem Koma oder der Besinnungslosigkeit ähnliche Hellsichtigkeit.) Dies bedingt, daß wir dabei also weitgehend auf eine
oft sehr umständliche meditative und mystische Tranceschulung verzichten können, denn wir bedienen uns von vornherein jener natürlichen Trance, die wir den Orgasmus oder die sexuelle Erregung nennen. Wobei es sich von alleine verstehen sollte, dass der Begriff "Trance" hier nicht etwa die hypnotische Volltrance meint, bei der der Klient (oder das Opfer . . .) jegliche Kontrolle über sein eigenes Tun verliert und vom Hypnotiseur beliebig zu manipulieren ist.
Die gnostische Trance gleicht der hypnotischen zwar in einigen äußerlichen
Merkmalen, doch bleibt die Willens - und die Entscheidungsfreiheit des Magiers dabei voll erhalten, auch wenn er sich dabei in einer anderen, oft recht bizarr anmutenden Realität befinden mag!
Die drei Säulen der westlichen Magie, wie wir sie heute verstehen, sind Wille, Imagination und gnostische Trance. Letztere haben wir hier als erstes behandelt,
und dies aus gutem Grund: Ohne sie nützen Wille und Imagination allein
nämlich so viel wie überhaupt nichts! Andererseits ist diese Erkenntnis,
wenngleich sie den alten Meistern z.B. des Mittelalters sicherlich auf nicht ausgesprochene Weise wohlbekannt war, in der magischen Literatur erst vergleichsweise spät vermittelt worden, nämlich in den siebziger und achtziger Jahren unseres Jahrhunderts. Bis dahin galten Wille und Imagination allein als
völlig ausreichend für die magische Praxis. Leider bietet uns dies dann eine
Magie, die sich vom Positiven Denken und anderen, ähnlichen Psychopraktiken
von der Grundstruktur her kaum wirklich unterscheidet und entsprechend oft
auch nur ähnlich mühsam zu erringende oder gar oberflächliche Ergebnisse
erzielt. Gerade durch die recht späte Begegnung mit dem Schamanismus und
durch die Entwicklung des auf der zeitgenössischen Chaos - Magie fußenden "Freistilschamanismus" (etwa eines Pete Carroll, eines Ray Sherwin u.a.) ist uns
so richtig bewußt geworden, welche Schlüsselrolle doch der gnostischen Trance
bei aller Magie zukommt.
Wille und Imagination entsprechen auch Zielbewusstheit und
Visualisationskraft. Diese wurden in der westlichen Tradition stark gepflegt.
Wichtig ist vielleicht noch erneut zu erwähnen, daß sich Sexualmagie und Sexualmystik insofern voneinander unterscheiden, als die erstere meist
zielgerichtet und erfolgsorientiert ist, während die zweitere in der Regel auf Beeinflussung materieller oder psychischer Art verzichtet, um statt dessen vor
allem die Erfahrung und die Ekstase (ebenfalls eine Form der gnostischen
Trance!) in den Vordergrund zu stellen. Wir haben am Schluss dieses Buchs
auch ein sexualmystisches Ritual geschildert, das zur Abrundung und Ergänzung dient. In Wirklichkeit ist die Trennung Magie / Mystik ab einer gewissen Stufe nämlich nur noch eine künstliche und wirkt geradezu albern: Denn
schlussendlich werden Magier und Mystiker irgendwann wieder eins - weil sie nämlich beide zu Gott werden und schon insofern ihr Schöpfungsrecht
wahrnehmen und ausüben, und sei es oft auch nur durch den Verzicht auf seine
Ausübung!
DER UMGANG MIT DER SEXUALITÄT
Es wurde schon darauf hingewiesen: die Einstellung zur Sexualität des
Menschen bewegte sich im Laufe der Geschichte stets innerhalb zweier
Extreme. Entweder man verteufelte das Geschlechtliche als "Satanslust" und als gefährlichen Trieb, der gesellschaftliche Ordnung und Seelenheil bedrohte, oder man "übersakralisierte" es, machte es zu etwas außerordentlich Heiligem und Sakrosanktem. In beiden Fällen war der Effekt in etwa der gleiche: die
Sexualität galt als "unantastbar", sei es, weil sie den Menschen befleckte, sei es, weil der Menschen in seiner eigenen Unreinheit Gefahr lief, dieses "Himmelsgeschenk" seinerseits zu beschmutzen.
Die Folge waren Neurosen und Verdrängungen, Tabus und Verklemmtheiten,
die auch heute noch weitgehend unsere Sexualität im allgemeinen prägen, wenngleich inzwischen oft vielleicht eher unbewusst. Denn obwohl zumindest
im Abendland die allgemeine Einstellung zur Sexualität inzwischen nach außen
hin liberaler geworden sein mag, wenngleich die Zügel gewiss etwas gelockert wurden, hat sich der Mensch innerlich noch lange nicht zu jener äußeren
Freiheit hinentwickelt, sind Eifersuchtsdramen und Entfremdung, Leeregefühl
und Impotenz nach wie vor an der Tagesordnung, steigt die Zahl der Triebverbrechen unverändert, findet die Sexualität immer mehr auf der
Bildebene der Pornographie, also im "Kopf" statt, anstatt den ganzen Körper des Menschen zu erfassen und zu umfassen. Das Ergebnis ist eine sexuelle Frustration, die den Glauben an die befreiende Wirkung der Sexualität, an ihre Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung des Einzelnen in Frage
stellt und schließlich in Ekel und Skepsis umschlagen lässt.
Das gilt übrigens nicht nur im Westen allein, diese Misere findet vielmehr
weltweit statt. Gerade die von schwärmerischen Naturen so hoch gepriesenen klassischen Länder "orientalischer Liebeskunst", etwa Indien, China, der
arabisch - islamische Kulturraum usw. kennen heute die größten Tabus und die schärfsten Strafen für jene, die sie übertreten oder brechen. Die Prüderie ist international und keinesfalls nur auf die katholische Kirche und ihre
puritanischen Ableger beschränkt.
Auf der Strecke bleibt dabei natürlich der Mensch: Da verfügt diese "Krone der Schöpfung" über eine Energiequelle allererster Güte, über eine Kraft, die das ganze Leben, wie wir es kennen, prägt, durchzieht und überhaupt erst möglich macht, und was tut er damit? Er fürchtet sich vor ihr, er verdrängt sie, lässt ihr allenfalls im verschämten ehelichen oder außerehelichen Kämmerlein oder in
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