das Gefühl hat, nun sei es genug, mehr könne er im Augenblick wirklich nicht verkraften, so wäre es der Gipfel der Torheit, seine Entwicklung mit Gewalt forcieren zu wollen. Andererseits lernt man das Schwimmen jedoch nur durch den Sprung ins Wasser wirklich, und so muss jeder zu seinem eigenen
Ausgleich zwischen Härte und Sanftheit gegenüber sich selbst finden. Man darf sich in der Sexualmagie ebenso wenig unter - wie überfordern. Findet man aber in diesem Punkt zum Mittelweg, also zur eigenen Mitte, so stehen einem Tür
und Tor zum Erfolg offen.
Zweitens verlangt die Sexualmagie nach Zielbewusstheit. Sie wird, zumindest in
der ersten Zeit, nicht allein um ihrer selbst willen ausgeübt, der eindeutige, einspitzige Willenssatz muss ihr vorausgehen, will man nicht einfach nur einen etwas bizarren Umgang mit Sexualität pflegen, ohne die eigentliche Magie dabei jemals wirklich zu berühren. Doch warum sollte ein Mensch sich zur
Sexualmagie entscheiden? Dafür kann es viele verschiedene Gründe geben, von denen einige hier stichwortartig aufgezählt werden sollen: das allgemeine
Interesse an einer erweiterten, durch den magischen Umgang mit den Kräften
der Seele und des Universums gesteigerten Sexualität; das Interesse an
einer besonders wirkungsvollen magischen Technik; Forschergeist; das Verlangen, die eigenen Grenzen auszuweiten; Interesse am bewussten Umgang
mit Ängsten und Gefühlen; der Wunsch, die eigene magische Entwicklung zu vervollkommnen und abzurunden; Vergnügen am magischen Umgang mit Sexualität; die intuitive "Baucherkenntnis", dass dies der eigene Weg ist usw. Bevor Sie sich daranmachen, die Sexualmagie zu praktizieren, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, warum Sie dies tun wollen. Das hat psychologische wie technische Gründe: Erstens werden Sie sich dadurch, sofern Sie bei der Selbstbetrachtung hinreichend tief in sich hineinblicken, über Ihr eigenes Verhältnis zu Sexualität und zur Magie klar; und zweitens können Sie dann mit sichererer Hand jene Untergebiete der Sexualmagie verstärkt bearbeiten, die
Ihren Anliegen am meisten entsprechen.
Bitte beachten Sie auch, dass hier keine Vorgaben gemacht werden, welches nun
"edle, richtige" und welches "unedle, falsche" Motive für den Umgang mit der Sexualmagie sind! Es geht zunächst nur darum, sich ihrer überhaupt bewusst zu werden. Allerdings möchte ich hier auch auf Motive hinweisen, die sich erfahrungsgemäß eher problematisch auswirken dürften: Wenn Sie in der Sexualmagie einen Ausgleich, ja einen Ersatz für eine frustrierte Sexualität
suchen sollten, so werden Sie einige Schwierigkeiten bekommen. Die
Sexualmagie verlangt zwar nicht nach einem Magier, der bereits, jenseits von
Gut und Böse, völlig frei von menschlichen Bedürfnissen und Regungen ist,
aber sie ist auch kein Ersatz für nicht ausgelebte Sexualität! Wir hoffen, dass im Laufe dieser Ausführungen deutlich wird, dass Sexualmagie nicht dasselbe ist
wie Sexualität - ein wichtiger Punkt, der nicht oft genug betont werden kann! Es
soll hier nicht behauptet werden, dass Sie die Finger von der Sexualmagie lassen müssen, wenn Sie in ihr lediglich eine Ersatzbefriedigung suchen oder gar die Möglichkeit, endlich auf "legitime" Weise all das praktizieren zu dürfen, was
Sie sich sonst nicht trauen würden (z.B. Gruppensex, Partnertausch, Homosexualität usw.). Auch dies kann eine hinreichende Triebkraft sein, die schließlich zur echten Sexualmagie führt - doch müssen Sie sich in diesem Fall
vor allem und sehr eindringlich mit der vorbereitenden Praxis beschäftigen, der
wir noch manche Seite widmen werden. Tun Sie das nämlich nicht, so werden
Sie feststellen, dass die Sexualmagie die Sammlung Ihrer Enttäuschungen nur
noch um einige weitere, möglicherweise besonders "hässliche" erweitert! Die Sexualmagie arbeitet zwar mit der Lustenergie, aber deshalb bereitet sie
keineswegs immer Vergnügen, sondern ist im Gegenteil oft recht anstrengend.
Wer an die Sexualmagie Erwartungen stellt, die eigentlich an die Adresse der
eigenen sexuellen Verklemmtheit gerichtet werden müssten, dem wird sie den
Ball unaufgefordert und gnadenlos wieder zurückspielen.
Anders als das östliche Tantra arbeitet die westliche Sexualmagie sehr betont
mit dem männlichen wie weiblichen Orgasmus. Von daher ist die Orgasmusfähigkeit des Praktikanten natürlich auch eine notwendige
Voraussetzung für das Ausüben dieser Kunst. Dies gilt zumindest für körperlich
- sexuell gesunde, also organisch orgasmusfähige Menschen. Wer aus psychosomatischen Ursachen heraus Orgasmusschwierigkeiten hat, dem bleibt
der Pfad der Sexualmagie deshalb noch lange nicht verschlossen; er oder sie
muss freilich für die so genannten "höheren" Stufen diese Fähigkeit (wieder) erschließen, wozu in diesem Werk auch entsprechende Hinweise gegeben
werden.
Orgasmusvermeidende Praktiken wie Tantra, Tao Yoga, Carezza usw. haben
zwar in der Sexualmagie als Hilfsdisziplinen durchaus ihren Platz, doch
verlangen, wie erwähnt, viele sexualmagischen Operationen nach dem
Orgasmus des Magiers oder der Magierin. Allerdings ist damit nicht unbedingt
der reine Genitalorgasmus (der so genannte "Gipfelorgasmus") gemeint, wie wir
ihn gemeinhin kennen. Auch der "Tal - " oder "Ganzkörperorgasmus", der beim Mann in der Regel ohne Ejakulation verläuft, ist dafür voll brauchbar, ja er ist
dem Gipfelorgasmus gelegentlich sogar vorzuziehen. Auch hierauf soll in entsprechendem Zusammenhang noch näher eingegangen werden. Schließlich
sei noch eine weitere Anforderung erwähnt, die für alle Magie gilt: Der Magier
muss über eine stabile seelische ("psychische") Verfassung verfügen. Dieser
Punkt ist vielleicht der heikelste von allen, und dies aus mehreren Gründen:
Zum einen ist der Begriff "stabil" recht unscharf, lässt sich aber leider nicht
genauer präzisieren. Wer sich gerade mit Mühe und Not seelischpsychisch im
Leben "über Wasser" hält und ständig Gefahr läuft, von einem psychotischen
oder schizoiden Schub .in den anderen abzugleiten, der sollte die Finger von
jeder Form der Magie lassen - das kann gar nicht eindringlich genug betont
werden!
Der zweite Grund, weshalb der Begriff "stabile seelisch psychische Verfassung" etwas problematisch ist, scheint dieser Forderung regelrecht zu widersprechen:
Oft ist es nämlich so, dass es gerade die innerseelischen Spannungen sind, die
den Menschen überhaupt erst zur Magie befähigen! Gregorius hat dies einmal an einer astrologischen Symbolik verdeutlicht: Für gewöhnlich sieht kein Astrologe
alter Schule Quadraturen, also 90 Grad - Aspekte, im Geburtshoroskop, bei Transiten oder Direktionen besonders gern. Sie gelten als problematisch und spannungsreich, ja oft als geradezu katastrophal, auch wenn die moderne, vor
allem die tiefenpsychologisch orientierte Astrologie diese Aussage inzwischen
sehr stark abgeschwächt und relativiert hat. Gregorius behauptet jedoch
sinngemäß, dass ein Magier sich im Prinzip gar nicht genug Quadraturen
wünschen kann!
Denn diese, so führt er aus, seien "kosmische Einfallswinkel", Positionen also,
die für überindividuelle oder transpersonale, mithin also für magische Kräfte empfänglich machen. In die Sprache der psychologischen Magie übersetzt
bedeutet das: Erst die inneren und äußeren Spannungen erschließen uns
überhaupt die uns und der Welt innewohnenden magischen Kräfte und können
sie für uns handhabbar machen. Mit anderen Worten: Wäre der Magier nicht
von sich aus bereits ständig in Gefahr, in den so genannten "Wahnsinn"
abzugleiten, so könnte er auch nicht über die Kräfte verfügen, die zur Ausübung seines Metiers nötig sind.
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