der geistlosen Un - Erotik der Peepshows Raum, sich - mit stark beschnittenen Flügeln - zu entfalten. Daran ändert auch die gängige Promiskuität und das Gedeihen von Sexclubs und Bordellen nicht viel, im Gegenteil:
Derlei Erscheinungen sind ja nun nicht gerade neu, doch dürfte unsere Epoche
wahrscheinlich den Vogel in Sachen "lustlose Lust" abschießen. Die Hetzjagd nach der sexuellen Erfüllung geht, trotz Kinsey - Report und
Liebeshandbüchern, trotz Sexualtherapien und sexueller Emanzipation, unvermindert weiter, gelegentlich unterbrochen (oder gar noch angestachelt?)
von Faktoren wie der jüngsten Herpes - und AIDS - Hysterie und ähnlichen, oft als "Geißeln Gottes" gedeuteten, Selbstbestrafungsmechanismen.
Als Charles Darwin seine Evolutionstheorie entwickelte und, etwas verkürzt formuliert, nachzuweisen versuchte, dass der Mensch im Prinzip vom Affen abstammt, ging ein Aufschrei der Empörung durch die europäische Zivilisation. Als Sigmund Freud, ein knappes Halbjahrhundert später, den Sexualtrieb zum Seelenfaktor Nummer eins erklärte und sich anschickte, den Menschen vor
allem als triebgeprägt zu deuten, ja einen Großteil seiner seelischen Störungen
auf den falschen Umgang mit diesem Trieb zurückzuführen, da war erneut buchstäblich die Hölle los. Wieder waren es Kirche und Reaktion, die sich (zum Teil noch bis heute) gegen ein solches Menschenbild stemmten und dagegen Sturm liefen. In beiden Fällen war das Grundmotiv das gleiche: Man weigerte sich, die "Tiernatur" des Menschen anzuerkennen, einmal genetisch (Darwin), einmal sexualistisch (Freud). Gerade im Falle Freuds werden die Unterdrückungsmechanismen besonders deutlich, hatten doch schon die (heidnischen!) altgriechischen Philosophen die Sexualität als "tierischen" Trieb abgestempelt, den es zu überwinden galt. Man sollte sich freilich nicht allzu überheblich über derlei Reaktionen mokieren. Dahinter stand immerhin einmal mehr eine Ur - Angst, die Angst nämlich, der ganze mühsame Evolutionsprozeß (der ja Interessanterweise, zumindest was die kulturell - sittliche Entwicklung
und die Heilsgeschichte anbelangt, auch von Darwins Kritikern weitgehend anerkannt wurde) könne gefährdet sein.
Sollte denn wirklich nach zigtausendjähriger Entwicklung als Fazit nichts
anderes übrig geblieben sein als daß der Mensch im Grunde doch nur ein Tier
sei, und gar nicht einmal unbedingt ein viel besseres als die anderen? Wir
werden auf diesen Tieraspekt noch zurückkommen, wenn wir uns mit der atavistischen Magie befassen. Hier möge fürs erste die Feststellung genügen,
dass diese entwicklungsgeschichtlichen Ausführungen nötig sind, um uns Klarheit über unsere heutige Position zu verschaffen, um zu erkennen, daß wir auch das weltanschauliche Erbe unserer Vorfahren in uns tragen, nicht nur das
genetische!
Denn eines hat sich trotz aller Veränderungen bis in unsere Zeit erhalten: die
Angst vor der Sexualität! Nun hat die moderne Psychologie auf mannigfache Weise ihre Schlüsse und Konsequenzen aus dieser "Angstnatur" des Menschen gezogen. Hört man heutige Psychologen über ihre Disziplin sprechen, so fällt
auf, dass sie sehr oft ein neues Menschenbild vertreten, das jeder von uns in größerem oder geringerem Ausmaß bereits
verinnerlicht hat: nämlich die Utopie vom angstfreien Menschen. Schon Freud und Adler wollten den Menschen von seinen Komplexen und Neurosen
befreien, Groddek strebte mit seiner Psychosomatik das gleiche an, und heute sind die Zeitschriften voll von Begriffen wie "angst - und repressionsfreie Pädagogik", "Befreiung von Sexualängsten", zwangsfreie Partnerschaft" usw. Prüfen Sie sich doch einmal " selbst: Meinen nicht auch Sie, daß es das Ziel des Menschen sein sollte, möglichst "frei" zu sein, nämlich frei von Ängsten und Zwängen, von Verdrängungen und Hemmungen, von Komplexen und Neurosen, kurz von Zwangsverhalten aller Art?
Diese Einstellung hat zu mancherlei Exzessen geführt, von denen einige inzwischen bereits wieder fast in Vergessenheit geraten sind (man denke etwa
an die Kommunen der Apo - Zeit oder an die "antiautoritäre Erziehung nach
dem Prinzip Summerhill o.ä.). Hängen geblieben ist nach den stürmischen spät sechziger Jahren, etwas überspitzt formuliert, eine Art "Saubermannideal" der Psychologie: Die meisten Psychologen scheinen die ganze Seele des Menschen nur noch als Herausforderung zum "Saubermachen" anzusehen. Da soll
möglichst alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, was nicht ganz "keimfrei" ist, also nach Ängsten und Komplexen riecht.
Dies gilt insbesondere für die Sexualität, die ebenfalls möglichst
"repressionsfrei" ausgelebt werden soll usw. Angst gilt als "böse", als ebensolches "Satanswerk" wie früher die Ausschweifung und Zügellosigkeit.
Nun soll hier gewiss nicht kritisiert werden, daß die Psychologie danach strebt, den Menschen zu befreien. Das will die Magie, und gerade die Sexualmagie, schließlich auch. Doch geht letztere dabei etwas andere und, wie wir meinen, vernünftigere, wirkungsvollere und realistischere Wege. Denn den völlig angstfreien Menschen gibt es nicht, ja kann es gar nicht geben. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass die Angst eine wesentliche Grundbedingung für
das biologische Überleben darstellt. Überlebenstrieb und Angst vor dem Tod
sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wäre nicht die Angst vor dem Erfrieren, der Hungersnot und dem Verdursten, es gäbe weder Kleidung noch Architektur, weder Ackerbau, weder Nahrungsmittelsilos noch Trinkwasserbecken -kurz um, überhaupt keine Zivilisation und Kultur.
Doch damit nicht genug. In der Magie spielt die Angst oft eine entscheidende
Rolle, verleiht sie doch gewaltige Kraft, wenn man nur richtig mit ihr umgeht.
Aus diesem Grund galt in der Magie des Mittelalters auch das Prinzip der "Einweihung durch Schrecken": der Aspirant musste nach manchen seelischen Torturen beispielsweise zu Neumond bzw. Mitternacht (also zur ominösen, unheilvollen "Geisterstunde") in einer Gruft oder auf dem Friedhof schaurige Beschwörungen durchführen, womöglich ein Blutopfer darbringen, sich den "Mächten der Hölle" stellen usw. Schamanismus und Kaula Tantra kennen übrigens ähnliche Praktiken. Angst ist sogar eine Grundenergie der Dämonenevokation. Ohne Angst und Schrecken sind Dämonen in der Regel
nicht sichtbar zu evozieren, sie "ernähren" sich gewissermaßen von dieser Kraft des Magiers.
Ein weiteres Problem beim Umgang mit der Sexualität sind die Tabus. Doch
auch diese haben ihren eigenen Wert. Im Tantra wird systematisch damit gearbeitet, etwa beim Pancha makara, bei dem der bewusste Tabubruch auf dem Gebiet der Ernährung und der Sexualität (z.B. Inzesttabus) als Energiequelle für die weiterführende Meditation und
Bewusstseinserweiterung dient. Wie bei der in schamanischen Kulturen (und
auch heute bei uns noch unter Kindern und Banden von Jugendlichen und Heranwachsenden) üblichen Mutprobe, stellt das Springen über den eigenen Schatten einen wichtigen Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Selbstbestimmtheit dar. Nicht jeder wir d so weit gehen wollen wie der Chaos - Magier, der konsequenterweise gelegentlich auch im
Sexuellen die Ekeltrance sucht, um mit dieser magisch zu arbeiten. Doch sollte
die dahinter stehende Grundstruktur für jeden Sexualmagier verbindlich sein:
durch den Einsatz bizarrer, ungewohnter und dem Verstand oft abstrus erscheinender Praktiken erhalten wir Zugang zu jenen veränderten Bewußtseinszuständen, welche, wie schon erwähnt, den Schlüssel zur
magischen Kraft darstellen.
Flüchten Sie sich dabei jedoch im eigenen Interesse nicht in Ausreden wie: "Das brauche ich nicht, ich komme auch so in gnostische Trance"; oder: "Derartig drastische Methoden sind doch unnatürlich und gefährlich" usw. Zum einen zeigen solche Ausflüchte in der Regel genau jene Hebelpunkte auf, an denen
Читать дальше