„Ihr habt noch Michel, Vater“, wiederholte er. „Vielleicht ist mein kleiner Bruder der rechte Erbe.“
„Die Zeit wird es weisen“, sagte Ulrich nur. „Doch komm, Rudger, lass uns zu den anderen gehen. In wenigen Tagen ist Weihnachten. Wollen wir mit deiner Mutter besprechen, was sie für wichtige Aufgaben für uns hat.“
Rudgers Freunde hatten die beiden in ihrem Zwiegespräch alleingelassen und sich bereits mit den anderen um den Tisch versammelt. In der Mitte standen Schüsseln mit dickem Hirsebrei und gekochten Äpfeln und eine Platte mit geröstetem Fleisch.
„Dafür, dass uns ein harter Winter bevorsteht, habt Ihr aber ganz schön aufgetafelt, Mutter“, meint Rudger mehr im Scherz und ließ seinen Blick über den Tisch schweifen.
„Iss, mein Sohn, solange du noch Gelegenheit dazu hast. Wer weiß, was uns die nächsten Monate bringen.“ Damit widmete sie sich ihrem Mal. Doch entging Rudger nicht der besorgte Ausdruck in ihren Augen.
Ywen
6. Januar 1309
Die Sonne sandte ihre Strahlen von einem wolkenlosen Himmel und tauchte die schneebedeckte Landschaft in ein Meer von glitzernden Juwelen.
Rudgers Pferd schnaubte leise. Der brave Norvid hatte seinen Herrn schon durch so manches Schlachtgetümmel getragen und zählte jetzt über sechzehn Jahre. Auf seine alten Tage war der schwarze, feurige Hengst jedoch ruhiger und bedächtiger geworden. Ross und Reiter bildeten eine regelrechte Einheit, und mit Wohlwollen betrachtete Heske ihren stolzen Bruder.
Hoch aufgerichtet saß Rudger im Sattel. Sein Blick schien in die Ferne auf die Gebirgszüge des Dunkelwaldes, der von den Einheimischen Erzgebirge genannt wurde, gerichtet. Um die Schultern hatte er seinen dunklen, wollenen Mantel gelegt, der ihm bis zu den Waden reichte. Seine Füße steckten in kurzen ledernen Stiefeln, die mit breiten Riemen bis zu den Knien hoch geschnürt waren. Auf seinem Kopf saß ein keckes Barett, unter dem seine dunkelblonden Locken hervorquollen. Doch jeglicher Anflug von Weichheit verflüchtigte sich beim Anblick seines Gesichtes. Seine schön geschnittenen Züge, deren Makellosigkeit von einer kleinen Narbe auf seiner Wange durchbrochen wurde, zeigten Härte, und der Blick seiner moosgrünen Augen war herausfordernd und unnachgiebig. Ihn umgab eine trügerische Unnahbarkeit, die Fremde zunächst auf Distanz zu ihm gehen ließ. Dass er in seinem Inneren eigentlich ein netter Kerl war, wussten sie ja nicht. Sein Leben auf den Schlachtfeldern der Christenheit hatte ihn unbeugsam werden lassen. Und wenn er, wie jetzt, tief in Gedanken versunken war, kam diese Seite seines Ichs zum Vorschein.
„Rudger?“ Anselm hatte seinen Freund schon eine ganze Weile beobachtet. Er wechselte mit Heske einen kurzen Blick. Sie zuckte mit den Schultern. Sie konnte sich auch nicht erklären, was ihren Bruder so abwesend wirken ließ.
Das Verhältnis zwischen Rudger und Anselm war zwar immer noch etwas angespannt. Aber der junge Mönch hatte seinem Freund schon längst verziehen. Denn waren sie nicht alle enttäuscht von den Ereignissen der letzten Monate? Der Papst hatte sich nun endgültig auf die Seite Philipps von Frankreich gestellt, und auch der deutsche König schien nicht mehr abgeneigt, die Templer zu verfolgen oder zumindest die Kirche nicht daran zu hindern. Auch, wenn der Kirchenbann gegen Burchard noch Bestand hatte, so hielt sich keiner daran, den Erzbischof zu meiden. Einzig Albrecht von Anhalt, der Halberstädter Bischof, stand noch zu seinem Wort, und mit ihm einige Landesfürsten des Reiches. Allerdings spielten die Auseinandersetzungen um die Templer hier im äußersten Osten des Landes keine große Rolle.
„Rudger!“, rief Anselm erneut. Der Ritter zuckte leicht zusammen. Dann atmete er tief durch und kleine Wölkchen bildeten sich vor seinem Gesicht. Er schaute Anselm fragend an.
„Schau, da hinten. Ein Trupp Reiter scheint sich zu nähern.“
Rudger sah in die angezeigte Richtung. Sein Vater war mit Heske und den drei anderen Templern den Ankommenden schon ein Stück entgegengeritten und er ahnte, wer es war.
„Komm, Anselm. Folgen wir ihnen. Es sind die Schellenberger. Heinrich hat sich mit meinem Vater zur Jagd zu Hochneujahr verabredet. Das machen sie schon, seit ich denken kann. Die anderen werden Hencke, Clement und mein Bruder sein. Und die Jagdknechte des Schellenbergers.“
„Und ich dachte, nur wir sieben reiten gemütlich durch den Wald, im Höchstfall auf einen Hasen stoßend.“ Lachend gab Anselm seinem Pferd die Sporen. Er selbst war trotz seines geistlichen Standes ein hervorragender Reiter, war mit Pferden praktisch aufgewachsen. Sein Vater besaß ein Gestüt, dass unter anderem auch die Templer in Wichmannsdorf mit Tieren versorgt hatte. Seine Schecke gehörte dazu und er schätzte sich glücklich, dass er immer dieses Ross hatte reiten dürfen. Bei ihrem Weggang aus Wichmannsdorf führte Rudger auch etliche Pferde mit nach Mücheln. Und so war es ihnen gelungen, einige der kostbaren Tiere vor dem Zugriff der Magdeburger zu retten. Bei ihrer Flucht vom Ordenshof nach Beyernaumburg hatten Rudger und seine Gefährten alle Pferde mitgenommen. Ein Pferd war ein kostbares Gut, zumal eines, das einen Ritter in einer Schlacht tragen konnte. Und so kam es, dass Rudger und seine vier Gefährten ein starkes Ross besaßen, das sie nach Ywen gebracht hatte.
„Gott zum Gruße, Ulrich“, empfing Heinrich seinen Nachbarn. Die Schellenberger waren einst im Auftrag Kaiser Barbarossas als mächtige Ministeriale hierhergekommen. Sie besaßen etliche Dörfer und ausgedehnte Ländereien, die sich bis zur böhmischen Grenze hinzogen. Ein Teil ihres Besitzes grenzte an die Gemarkung von Ywen.
„Ist es nicht ein herrlicher Tag zum Jagen? Meine Treiber waren auch schon fleißig und haben einen prächtigen Keiler aufgespürt.“ Heinrich von Schellenberg lachte über das ganze Gesicht. Er war ein lebenslustiger Mensch und den erfreulichen Seiten des Daseins nicht abgeneigt, wie seine mächtige Statur verriet. Seine Züge waren angenehm, ein kurzer, grauer Bart verlieh ihm eine gewisse Würde. Immerhin war er der oberste Richter des Pleißenlandes, und ihm oblag es, alle Streitigkeiten zwischen den Adligen des Landes zu schlichten. Keine einfache Aufgabe, wie er im Laufe der Jahre erfahren musste. Doch hatte das seinem freundlichen Wesen keinen Abbruch getan.
„Ich wünsch Euch auch einen guten Tag, Heinrich“, antwortete Ulrich und schlug in die Hand ein, die der andere ihm reichte.
„Wie ich sehe, habt Ihr heute eine muntere Schar mitgebracht“, schmunzelte Heinrich. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das Rudger. Und wer sind die kräftigen Burschen, die dir nicht von der Seite weichen?“, wandte er sich an den jungen Ritter.
„Es sind meine Ordensbrüder, Herr Heinrich. Endres, Jorge und Valten. Und das hier ist Bruder Anselm.“
„Ein Mönch?“, fragte Heinrich erstaunt und musterte die braune Kutte des jungen Mannes. „Na, wie ich sehe, hat er den Gaul gut im Griff“, meinte er augenzwinkernd.
„Anselm mag zwar kein Ritter sein, doch was Pferde anbelangt, macht ihm keiner so schnell etwas vor.“
„Du bestimmt nicht. Du hast dich ja nie groß für Pferde interessiert“, warf Arnald, Ruders Bruder, mürrisch dazwischen. Er war, zusammen mit seinem Busenfreund Hencke, dessen jüngerem Bruder Clement und den Jägern herangeritten.
„Auch dir einen guten Morgen, Arnald“, konterte Rudger gelassen. Er würde sich von seinem Bruder nicht aus der Reserve locken lassen.
Arnald hatte das Weihnachtsfest auf Ywen verbracht, war jedoch bereits am Neujahrstag wieder auf die Isenburg ins Gebirge geritten, wo sein Kumpan Hencke von Schellenberg die meiste Zeit hauste. Sein Vater hatte ihm das Versprechen abringen können, in Kürze wieder nach Ywen zurückzukommen. Ulrich fühlte sich seit einiger Zeit kränklich und es könnte nicht schaden, eine kräftige Hand auf dem Hof zu haben. Denn Rudgers Entschluss, dem Deutschen Orden beizutreten, stand fest. Bald würde er das Gut verlassen.
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