„Was zum Teufel kann nur los sein?" brummte er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte- „Fische, bei Gott!" rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf- und niedergezogen wurde - „die hätten auch noch ein paar Stunden warten können. An Bord, boy's, an Bord - rasch an Eure Riemen!" - rief er dann seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die zurückgebliebenen Eingeborenen um ihn sammelten. So viel hatten sie schon mit Schiffen verkehrt, um zu wissen, daß die aufgezogene Flagge /29/ etwas Besonderes bedeute, und sie waren jetzt nur neugierig, was die Weißen zu thun beabsichtigten.
Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht - mußten sie jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein paar Tage vergehen, ehe sie wieder hierher zurückkamen, und sollte er indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen des Königs lassen? That er cs nicht, so war es die Frage ob sich die Eingeborenen, sobald sie das Schiff absegeln sahen weiter um den Weißen bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer Erfahrung in solcher Hinsicht gerade keinen besondern Begriff zu haben schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn einestheils lag in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Wert und anderntheils durfte er dann auch darauf rechnen, dass die Leute - wenn sie eben nicht mit dem Ganzen durchbrannten - ihr Bestes thun würden, sein Vertrauen zu rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend, sagte er ihm in kurzen Worten, er müsse jetzt auf sein Schiff gehen, er wolle aber den Lohn für das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten - sollte das Schiff noch dort dort liegen, wo sie es jetzt sähen, augenblicklich in ein Canoe nähmen und an Bord brächten, sollte cs aber unter See sein, so lange gut verwahren, bis er selber zurückkäme.
Se. Majestät versprach ihm dafür, die Sachen in sein eigenes Haus zu legen und versicherte dem Harpunier, würde nichts davon kommen, denn sie seien alle Christen und zwei „Mitonares" hier auf der Insel.
Der alte Harpunier schien ihm etwas daraus erwidern wollen und sah ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise ein paar Worte in den Bart sprang in sein Boot, und schoß gleich darauf, so rasch ihn mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen 1bringen /30/ konnten, dem etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu, von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte und dann und wann gezogen wurde - ein Zeichen größter Eile.
3.
Das Mädchen von Atiu.
René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Forts und überlegte, was er am besten thäte - hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht mit mehr Vorsicht ein neues Versteck zu suchen. Dort hoffte er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt zu bleiben, und hatte dann die ganze Nacht vor sich, eine Stelle zu finden, seinen Verfolgern zu entgehen oder sie hinzuzögern; er wußte recht gut, daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich, daß er selber in der Nacht ein Canoe fand, mit dem er getrost in See gehen konnte; denn in Nordwesten lagen noch mehrere Inseln, und lieber wollte er sich der Gefahr aussetzen, von einem Sturm bedroht, als wieder an Bord zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich, von dieser Kuppe einer andern Hügelspitze zuzugehen, die er von hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden einige Zeit, bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine Spuren den Verfolgern.
Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf umherspähendes Auge die Gestalt des dort sta- tionirten Insulaners, der sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, was überall den Boden /31/ bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und es half ihm nichts, seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein Niedersteigen wartend, um ihn dann in dem dichten Gestrüpp so viel leichter überfallen und binden zu können. Scheu deshalb, hinter jedem Stamm einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte Terzerol in der Hand, zog er sich rasch, aber unbelästigt, wieder zu dem verlassenen Versteck zurück.
„Gut," murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, als er zu seiner kleinen Feste zum zweiten Mal aufstieg - „laß sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich, beim ewigen Gott! nicht von diesen Steinen hinunter."
Er untersuchte jetzt auf das Sorgfältigste seine kleinen Terzerole, schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische Kupferhütchen drauf. Als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an der Seite hing, wußte er, daß er für den Augenblick nichts weiter thun konnte, und warf sich auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
Etwa eine halbe Stunde mochte er so gelegen haben, als der Lärm der jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang - er horchte einen Augenblick auf, blieb aber, als er die lauten Stimmen einer großen Zahl Menschen deutlich unterschied, ruhig in seiner Stellung, denn er wußte, daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen wollten. Aber der entscheidende Augenblick nahte auch; er hatte das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum Anderes, als daß sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen habe.
Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick verrieth ihm aber, daß er es hier nur mit /32/ Insulanern und keinem seiner früheren Kameraden zu thun habe, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die Seele. In seine frühere Stellung lehnte er sich auf den Stein zurück, und als er Männer und Frauen in bunter Masse um sich versammelt sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht zurückhalten.
„Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen Missionäre," murmelte er leise vor sich hin - „Kanzel und Auditorium fix und fertig, und welch' zahlreiche, bunte Versammlung - wahrhaftig auch Frauen - die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn es gilt, einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker auszuliefern. Aber prenez-garde, mes dames, noch habt Ihr ihn nicht, und billig sind die zehn Ellen rother Kattun usw. wahrhaftig nicht verdient, wenn Ihr ihn bekommt."
Die Schaar versammelte sich indessen um den Felsen, und obgleich diesmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs selber, mitgekommen war, behielt doch Jener bei den nachfolgenden Unterhandlungen als Dolmetscher das Wort. Er war aber augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen, um den ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, und forderte ihn einfach und barsch auf, herunter zu kommen und mit ihnen zu gehen, weil sie sonst Gewalt brauchen müßten. Ihr König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe ihm weiter kein Widerstand.
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