Nick lachte und sah seine Mutter an.
„Jetzt bin ich nicht mehr so leicht aufzufangen, denn ab heute bin ich schon ein ganz Großer.“
Alle drei brachen in lautes Gelächter aus.
„Da hast du recht. Guten Morgen, mein Großer. Hast du denn gut schlafen können?“
„Ja, Mami, sehr gut. Bin doch jetzt schon groß. Oma sagt doch immer, dass Vorfreude die schönste Freude sei auf das, was bald kommt. Tja, daran hab ich einfach gedacht.“
Nick sah seinen Dad voller Erwartung an, der endlich Anstalten machte, ihm sein Geschenk zu überreichen.
Julian merkte schon, dass Nick ungeduldig hin und her rutschte und musste lächeln.
Nick ging es einfach nicht schnell genug. Nach einer gefühlten Ewigkeit machte er einen spontanen Seitenwechsel auf Julians Schoß. Der große Augenblick war gekommen: Das Öffnen des Geschenkes.
Als er das Modelflugzeug sah, war es um ihn geschehen. Die Freude war so groß, dass er nicht bemerkte, dass sich noch etwas in dem Paket befand.
Zoe und Julian waren glücklich und zufrieden, dass sie ihrem Sohn diese Freude bereiten konnten.
„Jetzt hab ich auch einen Flieger“, jubelte Nick.
„Sieh doch noch mal in dem Paket nach. Ich glaube, da könnte noch eine Überraschung versteckt sein“, gab Zoe ihm den Tipp.
Sofort schaute er nochmals in die Schachtel und fand unter dem ganzen Geschenkpapier noch ein Foto.
„Toll, ein Bild von Papas neuem Hubschrauber, das muss ich gleich in meinem Zimmer aufhängen“, grinste er bis über beide Ohren. Zoe und Julian sahen sich glücklich an.
„Deine Mutter und ich haben entschieden, dass du jetzt alt genug dafür bist, um einen Flugtag mit mir zu verbringen!“
Nick sprang auf und jubelte vor lauter Freude.
„Papa, fliegen wir bitte heute noch? Bitte, bitte, es ist doch mein Geburtstag und so tolles Wetter noch dazu!“
Mit einem Lächeln im Gesicht sahen sich Zoe und Julian an und antworteten gleichzeitig:
„Aber natürlich. Heute ist doch dein Geburtstag!“
Der Junge war jetzt so aufgeregt, dass er nicht mehr wusste, was er als erstes tun sollte.
Nick rannte ins Haus, holte das Telefon und rief seine Großeltern an.
Voller Stolz berichtete er, welch „gigantisches“ Geschenk er bekommen hätte und dass es besser wäre, wenn sie erst am späten Nachmittag vorbeikämen. Denn dann könne er ihnen von dem tollen Flug erzählen.
Die Großeltern freuten sich mit ihm und mussten über ihren nervösen Enkel herzlich lachen. Sie wünschten ihm viel Spaß, er solle aber auf sich aufpassen und vorsichtig sein.
Nick ging wieder zu seinen Eltern, frühstückte mit ihnen und hörte einfach nicht mehr auf zu quasseln.
Kurz vor Mittag brachen Julian und Nick auf zum Flugplatz.
Zoe umarmte ihren Sohn noch einmal.
„Mein Spatz, ich wünsche dir ganz viel Spaß heute. Pass auf, was dein Vater dir alles erklärt.“
„Oh ja, danke schön, Mum, das werde ich machen!“
Er gab ihr noch einen dicken Kuss und sprang ins Auto.
Julian ging zu seiner Frau und drückte ihren Arm.
„Hab keine Angst, in ein paar Stunden sind wir wieder heil zurück und du hast deinen glücklichen Sohn vor dir stehen.“
Sie nickte schwach, doch Zoes Angst war deutlich zu spüren. Julian gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Viel Spaß, euch beiden!“
„Danke, den werden wir haben.“
Sie fuhren davon. Zoe winkte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren und flüsterte leise.
„Ich liebe dich, Nick.“
Spät am Nachmittag trafen Zoes Eltern und auch ihre Schwiegereltern ein. Sie war froh, nicht mehr alleine sein zu müssen und etwas Ablenkung tat ihr gut. Irgendwie hatte sie ein komisches Gefühl, aber wahrscheinlich war es nur Einbildung. Sie führte ihren Besuch auf die Sonnenterrasse und servierte Kaffee und Kuchen. Sie sprachen über Nick und darüber, wie schnell doch die Zeit vergangen sei, nun sei er schon sechs Jahre alt geworden.
Nach einiger Zeit fiel Zoes Mutter Sophie auf, dass Zoe ständig auf die Uhr schaute.
„Schätzchen, was ist denn los, du wirkst so bedrückt?“
Traurig, schon fast mit Tränen in den Augen sah diese ihre Mutter an.
„Mama, ich weiß nicht was los ist, aber ich habe schon seit einiger Zeit ein ungutes Gefühl, eigentlich sollten die zwei schon längst wieder hier sein.“
Man merkte, wie es auf einmal still wurde und niemand mehr etwas sagte. Alle sahen zu Zoe, bis Adam, Julians Vater, das Schweigen brach.
„Zoe, mach dich nicht fertig, deine Gefühle irren sich bestimmt. Hat denn mein Sohn sein Handy nicht dabei?“
Überrascht sah sie ihn an und fragte sich gerade, warum sie denn nicht selber darauf gekommen war.
„Ähm, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Normalerweise verlässt Julian nie das Haus ohne sein Handy. Aber ich sehe sofort nach und ruf ihn an.“
Luise, ihre Schwiegermutter, bot ihr an, sie zu begleiten um bei der Suche behilflich zu sein. Zoe lächelte schwach, bedankte sich und meinte, sie schaffe das schon alleine, sie sollten noch in Ruhe die letzten Sonnenstrahlen genießen.
Nach kurzem Innehalten verschwand sie rasch im Haus und eilte ins Obergeschoss, wo sich Julians Büro befand.
Wie versteinert blieb sie stehen, denn ihr erster Blick war seltsamerweise sofort auf sein Handy gefallen. Sie verstand nichts mehr, das war noch nie geschehen, aber warum denn genau heute? War das ein schlechtes Omen?
Zoe ging zum Schreibtisch und nahm das Handy. Danach verließ sie wie in Trance das Zimmer und ging wieder nach unten.
Alle standen beisammen auf der Terrasse und genossen die Wärme des Abends.
Sie unterhielten sich über Nick, seinen Geburtstag und das wunderbare Geschenk, das er sich schon so lange gewünscht hatte. Alle mussten lächeln bei der Vorstellung, wie er später nach Hause kommen würde, voller Freude über das Erlebte.
Sie ahnten jetzt schon, was sein nächster Wunsch sein würde - nämlich, dass er so schnell wie möglich wieder mit seinem Dad fliegen dürfte.
Als sie Zoe mit dem Handy in den verkrampften Händen bemerkten fiel ihnen sofort auf, dass etwas nicht in Ordnung war.
Sie war blass im Gesicht und ging zu ihren Eltern hinüber.
„Ich verstehe das nicht, Julian hat das Handy doch immer bei sich, warum vergisst er es ausgerechnet heute?“
Bevor sie ihr eine Antwort darauf geben konnten, läutete es an der Haustüre.
Zoe eilte hin und hoffte, das Julian auch seinen Schlüssel daheim vergessen hätte und deshalb klingelte.
Doch dem war leider nicht so.
Vor ihrer Tür standen zwei Polizisten.
„Guten Tag. Entschuldigen Sie die Störung, sind Sie Frau Clemens?“, fragte der Polizist freundlich. Zoe sah die beiden an und wurde blass im Gesicht.
„Guten Tag, ja, ich bin Frau Clemens. Aber was wollen Sie denn von mir?“, fragte sie ängstlich.
„Dürfen wir reinkommen? Wir würden gerne mit Ihnen sprechen.“
Adam sah, dass Zoe mit der Fassung rang und kam ihr zur Seite.
„Guten Tag, ich bin Adam Clemens. Bitte kommen Sie herein.“ Er führte die Polizisten ins Wohnzimmer und bot ihnen an, sich zu setzen.
Zoe folgte ihnen wortlos.
Als alle Platz genommen hatten, sah der Polizist in die Runde und ergriff das Wort.
„Sind Sie der Vater von Julian Clemens?“
„Ja, das stimmt. Aber jetzt sagen Sie uns doch bitte, weshalb Sie gekommen sind.
Zoe war blass. Sie hatte große Angst vor der Antwort, weil sie doch schon seit Stunden ein ungutes Gefühl hatte. Noch hoffte sie, sich zu irren.
Der Blick des Polizisten ruhte auf Zoe. Voller Ungewissheit sah sie ihn an und wartete auf seine Antwort.
„Familie Clemens, es ist leider etwas Schreckliches passiert. Es tut uns von ganzem Herzen leid, Ihnen diese schlimme Nachricht überbringen zu müssen. Wir können noch nicht erklären, was geschehen ist. Der Hubschrauber von Herrn Clemens ist kurz vor der geplanten Landung abgestürzt. Herr Clemens und das Kind, das er bei sich hatte, sind an ihren schweren inneren Verletzungen noch am Unfallort verstorben.“
Читать дальше