1 ...8 9 10 12 13 14 ...28 Er spielte den Schlussteil noch ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal. “Wenn das andere auch so geht, dann braucht sich Brahms nicht im Grabe rumdrehen”, sagte er zu sich selbst, als er aufstand, die leere Tasse vom Klubtisch holte, in die Küche ging, und sich eine zweite Tasse Tee eingoss. Er stand in der Küche, war mit seinen Gedanken beim Konzertvortrag in Warschau, dann in Moskau, als das Telefon klingelte. “Es wird Mutter sein, die sich nach dem Befinden und dem Ausgang der Untersuchung erkundigen wird”, dachte er. Boris hatte ihren Anruf, der zur täglichen Routine gehörte, erwartet und sich gewundert, dass sie, es war neun Uhr abends, nicht angerufen hatte. Doch es war nicht die Mutter, die sich nach seinem Befinden erkundigte, sondern Margit Hoffmann, die hübsche Arzthelferin in der Praxis von Dr. Gaby Hofgärtner. “Störe ich Sie?”, begann sie etwas unbeholfen das Telefonat. Boris: “Nein, das tun Sie nicht.” “Entschuldigen Sie, dass ich so spät anrufe, aber ich habe mir Gedanken über ihren Zustand gemacht”, fuhr Margit Hoffmann fort, “weil Sie sagten, dass Sie am Konzert arbeiten, das Sie in Kürze vortragen wollen. Wo Sie es spielen werden, das haben Sie allerdings nicht gesagt.” Boris: “Erst in Warschau und dann in Moskau.” Margit: “Ich wünschte, ich könnte Sie einmal hören. Ich habe einige Kritiken über ihre Aufführungen in Berlin und Leipzig gelesen. Die waren des Lobes voll.” Boris: “Ich hoffe, dass ich diesmal gut in Warschau und in Moskau ankomme. Wissen Sie, Fräulein Margit, wenn solche Kritiken vorausgehen, sind die Erwartungen hoch. Und die zu erfüllen, das ist kein Kinderspiel.” Margit: “Fühlen Sie sich denn besser? Denn ein Konzert aufzuführen, braucht viel Kraft und Konzentration.” Boris: “Ich bin noch weit entfernt von einer guten Kondition. Ich habe die erste Penicillintablette geschluckt. Die zweite werde ich vor dem Schlafengehen nehmen. Ich hoffe, dass sich mein Zustand morgen gebessert hat, dass ich mich voll auf die Musik konzentrieren kann.” Margit: “Ich wünsche ihnen dazu eine gute und rasche Besserung.” Boris: “Das ist sehr freundlich von ihnen. Ich darf ihnen sagen, dass mich bislang noch kein Arzt und keine Ärztin angerufen hat, um sich nach meinem Gesundheitszustand zu erkundigen. Sie sind die erste, die das tut.” Margit: “Ich bin nur eine Arzthelferin. Aber ich habe ihre Sorge gespürt, die sie unter dem Zeitdruck der bevorstehenden Konzertreise haben. Ich will Sie nicht länger aufhalten und wünsche ihnen eine gute Nacht.” Boris: “Vielen Dank, auch ich wünsche ihnen eine gute Nacht.”
Der Hörer war aufgelegt, da klingelte das Telefon erneut. Nun war es die Mutter, Frau Anna Friederike Elbsteiner, geborene Dorfbrunner, aus Hamburg-Blankenese. “Mein Sohn, wie geht es dir. Ich mache mir große Sorgen um deine Gesundheit. Warst du beim Arzt, ich meine bei einem Spezialisten?” Boris: “Meine Ärztin hat mich auf den Kopf gestellt. Dabei hat sie gefunden, was ich gestern morgen vor dem Spiegel schon entdeckt hatte, dass die Mandeln entzündet und von grauweißen Stippchen durchsetzt waren. Das ist also zum grippalen Infekt hinzugekommen. Sonst hat sie nichts weiter gefunden.” Mutter: “Das reicht doch! Mit so einer Tonsillitis ist nicht zu spaßen. Hast du Beschwerden beim Schlucken? Wie ist dieTemperatur?” Boris: “Das Schlucken geht ohne größere Probleme; die Temperatur hält sich bei achtunddreißig und macht keine großen Sprünge mehr wie die Tage zuvor. Dr. Hofgärtner hat mir Penicillin verschrieben. Die erste Tablette habe ich geschluckt. Ich glaube, eine erste Besserung zu spüren.” Mutter: “Mein lieber Sohn, so schnell geht das in der Biologie nicht. Da musst du schon einige Tage das Penicillin einnehmen, ehe du den Fortschritt feststellen kannst. Reagierst du nicht allergisch auf das Penicillin?” Boris: “Mutter, genau weiß ich es nicht. Dr. Hofgärtner hat mir ein synthetisches Penicillin verschrieben, bei dem das Risikoeiner Allergie geringer ist. So hat es die Ärztin gesagt.” Mutter: “Na, dann wollen wir hoffen, dass die Sache besser und nicht schlimmer wird.” Boris: “Das hoffe ich auch. Und wie geht es dir? Hast Du einen guten Tag gehabt?” Mutter: “Der Tag war ruhig. Gerald ist auf Geschäftsreise in Brüssel und dann in Paris. Weißt Du, dass Großvater heute Geburtstag hat? Er wäre heute sechsundachtzig geworden.” Boris: “Das ist mir völlig durchgegangen, entschuldige bitte.” Mutter: “Ich vermisse ihn sehr. Er war so ein guter Vater und in seiner Tapferkeit ganz selbstlos. Er hat für seine Familie und seine Gemeinden viel Gutes getan.” Boris: “Das sagst Du immer. Doch auch ich habe Großvater in guter Erinnerung. Er war immer sehr lieb zu mir.” Mutter: “Ja, das war Großvater. Er war freundlich und lieb zu den Menschen und hatte ein Herz für die Armen und Obdachlosen, für die er sich stets mit Wort und Tat eingesetzt hat.” Boris: “Du hast mir oft von den Breslauer Ereignissen vor und während des Krieges erzählt. Da sind drei Geschichten für mich unvergesslich: erstens, die Geschichte mit dem Konsistorialrat Braunfelder, der den Großvater nie hat ausreden lassen und bei seinen Monologen das metallne Brustkreuz ständig mit seinen kurzen fleischigen Fingern befummelte; zweitens, die Geschichte mit dem Rundbrief des Bischofs an die schlesischen Pastore, dem braunen Terror zu widerstehen und mutig die Botschaft Gottes den Menschen zu predigen, den Großvater in Vertretung des Bischofs zu unterschreiben hatte, weil Bischof Rothmann kurz vor seiner Pensionierung nicht noch mit der Gestapo in Berührung kommen wollte; und drittens, Großvaters Verhör durch die Gestapo im Haus der SA und den Nachttreff mit dem Doppelagenten Rauschenbach.”
Mutter: “Das mit dem kleinen, eitlen Konsistorialrat, das war noch in Burgstadt, der Kohlestadt mit den drei Fördertürmen. Eckhard Hieronymus litt an der Schwäche und Feigheit seiner Vorgesetzten. Im Gedenken an diesen, meinen Vater und sein tapferes Wirken habe ich meine Breslauer Tagebücher herausgeholt und lese sie noch einmal durch. Was hat sich da nicht alles ereignet! Seine Antrittspredigten in der Elisabethkirche in Burgstadt und dann in Breslau, seine Predigten als junger Superintendent. Sie sind erschütternd und gehen ins Herz. Auch wenn ich nur Auszüge aus seinen Predigten notiert habe, sie zu lesen macht mich still. Eckhard Hieronymus fand die Worte der Erbauung, des Trostes und des Friedens. Er war ein begnadeter Prediger. Die Menschen strömten in die Kirche, wenn er den Gottesdienst hielt.” Boris: “Und dann war doch die Geschichte mit dem jüdischen Kinderarzt.” Mutter: “Du denkst an Dr. Weynbrand. Das war zur Zeit der fürchterlichen Judendeportationen. Auch Dr. Weynbrand traf das grausame Schicksal der Deportation ins Konzentrationslager und die Vergasung.” Boris: “Das kann man sich heute, ich denke da an meine Generation von nach dem Krieg, garnicht vorstellen, dass so etwas geschehen konnte, dass die Deutschen dazu fähig waren.” Mutter: “Es war schon damals, als es passierte, für uns unglaublich. Doch du weißt, dass wir aus diesem Grunde meine Großmutter Elisabeth Hartmann, die mit Mädchenname Sara Elisa Kornblum hieß, auf einem kleinen Bauernhof versteckt hielten.” Boris: “Wie hießen noch einmal die Bauersleute, die dabei ihr Leben riskierten?” Mutter: “Es waren Ludwig und Martha Lorch, die diese Menschlichkeit zeigten und das große Liebeswerk vollbrachten. Es macht mich immer noch traurig, dass wir, ich meine vor allem meine Mutter, diese tapferen Menschen nach dem Kriege nicht fanden, die so viel Opferbereitschaft und Entsagung während des Terrorregimes auf sich genommen hatten. Sie waren mit dem Fluchtwagen auf dem Wege nach Halle, wo sie lebend nicht mehr angekommen sind. Du weißt, dass dein Vater Ilja Igorowitsch, als Stadtkommandant von Bautzen seinen Kollegen Generalmajor Perschinski, den Stadtkommandanten von Halle, mit der Suche nach der Großmutter und den Bauersleuten Lorch beauftragt hatte.” Boris: “Ja, das hast du gesagt. Doch die Suche verlief negativ.” Mutter: “Das ist es, und ich glaube fest, dass deine Großmutter, Luise Agnes Dorfbrunner, diesen Schock nie überwunden hat. Der Schock vom Verlust ihrer Mutter nach den vielen Jahren des Verstecks vor den Nazis auf dem Bauernhof der Lorchs und der Tod deines herzensguten Großvaters, das konnte sie in ihrem Leben nicht verkraften. Boris: “Mutter, ich spüre deinen Schmerz. Es ist nun aber an der Zeit, dass du diesen Schmerz überwindest. Du hast es in deinem Leben schwer genug gehabt. Da sollst du nun nicht noch länger leiden. Du sollst dich entspannen, denn auch du hast Grund zur Dankbarkeit, dass du die Schrecken des Krieges, der Flucht aus Breslau und der ersten Nachkriegstage in Bautzen überlebt hast. Jetzt mach du einen Punkt und lass dich von den guten Dingen des Daseins erbauen. Du lebst jetzt wohlbehütet und geliebt in Blankenese mit dem weiten Blick auf die Unterelbe. Das ist doch ein schönes Wohnen. Da sollst du dich von diesem Ausblick und den guten Gefühlen der anderen Menschen tragen lassen.” Mutter: “Mein lieber Boris, so leicht und wendig wie früher bin ich heute nicht mehr. Doch lassen wir’s dabei bewenden. Was macht deine Musik? Kommst Du mit dem Brahms-Konzert gut voran?” Boris: “Das ist eine gute Frage. Ich komme voran, doch es könnte besser sein. Der Infekt und die Mandelentzündung haben mir zu schaffen gemacht.” Mutter: “Da können wir nur hoffen, dass sich dein Zustand mit dem Penicillin endlich bessert. Denn du musst in guter Verfassung sein, wenn du nach Warschau und dann nach Moskau fährst.” Boris: “Ja, da muss ich stark sein, denn die Erwartungen sind hoch, und der Brahms ist so einfach nicht zu spielen.” Mutter: “Machen wir Schluss für heute. Ich wünsche dir eine gute Nacht und eine gute Besserung.” Boris: “Danke, Mutter. Auch ich wünsche dir eine gute Nacht und alles Gute. Gute Nacht, Mutter.”
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