Sheila ließ sich Zeit mit der Antwort, doch schließlich sagte sie: „Bin ich. Aber was geht dich das an? Willst du Geld? Und was ist mit dir? Du hast doch bestimmt auch so einige Leichen im Keller, oder?“Sie grinste.
Eugenes Blick wurde starr. Er schien ihn sein Innerstes zu horchen.
„Ich weiß es nicht so genau, Sheila. Ich erinnere mich nicht sehr gut an meine Kindheit. Nur … irgendwann in der Zeit zwischen meinem sechzehnten und achtzehnten Geburtstag hat sich irgendwas in mir verändert. Erst da ist mir bewusst geworden, dass ich nicht wirklich zur Familie gehöre. Ich meine - zu den Hendersons. Gut, ich erinnere mich an vereinzelte Zwischenfälle aus meiner Kindheit, wo meine Stiefgeschwister immer besser behandelt wurden als ich selbst. Aber es war nicht so schlimm. Nein, es war, glaube ich, als ich siebzehn wurde, da fühlte ich zum ersten Mal diesen unglaublichen Hass in mir … Es war mir klar, dass diese Familie sterben musste. Sie taten immer nett, aber ich habe nicht dazugehört, niemals. Ich war so etwas wie ein Haustier, dem man zu essen gab …“
Sie schwiegen für eine Weile, während sie sich weiter Primm näherten. Jetzt, am späten Nachmittag, herrschte relativ viel Betrieb auf der Interstate 15. Vielleicht waren es Spieler, die in einem der großen Kasinos in Primm ihr Glück versuchen wollten. Oder Geschäftsreisende, die nach Las Vegas wollten. Oder beides.
„Was stimmt mit uns nicht, Sheila?“, fragte Eugene nach einiger Zeit. „Wir werden sterben, ich fühle es …“ Seine Stimme klang spröde, fast weinerlich.
„Es interessiert mich nicht“, erwiderte sie leise.
Eugenes Blick ging ins Leere. Black lachte höhnisch. Cynthia heulte verzweifelt in seinem Inneren. Finch ermahnte ihn, dass es ihn wohl zu interessieren hätte - dieses Leben.
Eugene schüttelte irritiert den Kopf. Die Stimmen wurden immer stärker. Woran lag das? Über Monate hatte er Ruhe, doch plötzlich waren sie wieder da, stärker als zuvor.
„Ich will nur diese unglaubliche Wut loswerden, Sheila. Es gibt einfach noch zu viele Menschen, die es nicht verdient haben, glücklich zu sein. Und ich habe dich finden wollen: Sheila Yannovich-Elba. Den Namen gibt es nicht so oft. Als ich deinen Namen herausgefunden hatte, war es ein Leichtes, deine Spur aufzunehmen. Damals.“
Sheila sah starr geradeaus, doch sie nahm weder die Straße noch die fernen Hügel wahr. „Yannovich-Elba … Ich hätte den Namen schon längst ablegen sollen. Bei meinen Büchern verwende ich diverse Pseudonyme. Aber eine Namensänderung wirft zu viele Fragen auf. Oder glaubst du vielleicht, ich hätte nicht mehr als einmal daran gedacht? Und die gefälschten Pässe nutzen mir jetzt auch nichts mehr, wo mein Name schon durch die Medien geistert …“ Sie wischte sich kurz über die Augen. „Aber es ist unheimlich. Was du da beschreibst, entspricht genau dem, was ich empfinde. Die anderen werden geliebt. Sie werden begehrt. Seit ich zurückdenken kann, bin ich fett, fett und widerlich. Man hasst mich. Das wird sich wohl niemals ändern …“
„Nicht, wenn du weiter so viel frisst. Fang doch mal an, nach dem Essen zu kotzen, das soll eine probate Methode sein, abzunehmen …“, erwiderte Eugene augenzwinkernd.
Sheila lachte trocken auf. Komisch, normalerweise macht es mich immer stinksauer, wenn jemand sagt, ich würde fressen. Bei Eugene ist es mir egal …
Wieder fuhren sie eine Zeit lang schweigend durch die hereinbrechende Dämmerung. Nicht mehr lange, und sie würden Primm erreicht haben.
„Sheila?“
„Was?“
„Spürst du es nicht auch?“
„Was?“
„Wir sind Geschwister. Du bist meine Schwester. Wir wurden in der Kindheit getrennt.“
Das war es also … Sheila war noch nicht einmal überrascht. Sie hatte es nicht wirklich wissen können, doch da war eine seltsame Vertrautheit, eine Seelenverwandtschaft.
„Du siehst mir aber gar nicht ähnlich, glücklicherweise“, meinte sie schließlich. „Du bist viel zu hübsch …“ Sie lachte.
„Unterschiedliche Väter. Unsere leibliche Mutter muss eine ziemliche Hure gewesen sein.“
„Was sonst …“, erwiderte Sheila. Sie hatte nichts anderes erwartet.
Nein, sie war nicht wirklich überrascht. Irgendwie erschien ihr die Begegnung mit Eugene wie ein Wink des Schicksals. Sie hatte sich in seinen Augen gesehen, in diesen dunklen Untiefen, gestern Abend vor dem Kino, bei ihrer ersten Begegnung.
Er war böse.
Sie war böse.
Sie waren das perfekte Team …
„Dan, mir ist nicht gut. Ich glaube, die Frikadellen waren nicht mehr ganz frisch. Bitte fahr bei Primm raus. Ich muss aufs Klo.“
„Ist dir übel?“, fragte Dan besorgt. Barbra hatte sich nach dem letzten Snack ziemlich schweigsam verhalten. Zuerst hatte er angenommen, sie wäre müde, doch dann waren ihm die feinen Schweißperlen auf ihrer Stirn aufgefallen. Barbra gehörte zu dem Menschentyp, der niemals jammerte. Sie würde erst etwas sagen, wenn es gar nicht mehr ging.
„Ja. Dan, bitte halte mal am Seitenstreifen. Mein Kreislauf spielt verrückt. Ich muss mich übergeben …“
Dan setzte den Blinker und fuhr rechts ran. Barbra war kaum aus der Tür, als sie sich auf den Seitenstreifen übergab. Keuchend richtete sie sich kurz darauf wieder auf und lehnte sich gegen den Wagen. Sie hielt die Augen geschlossen, doch als ihr schwindlig wurde, öffnete sie sie wieder und konzentrierte sich auf einen imaginären Punkt in der Ferne. Hitzeschlieren hingen über der kargen Wüstenlandschaft. Das grelle Licht blendete.
Dan wollte aussteigen und zu ihr kommen, doch sie winkte ab. „Lass nur, ich komme besser wieder in den Wagen. Hier draußen ist es unglaublich heiß …“
Einen Moment später ließ sie sich in den Sitz zurückfallen. Die Hitze draußen war wahrhaft mörderisch. Ihr Kreislauf war schon immer ihre Achillesferse gewesen, besonders mit großen Temperaturschwankungen hatte sie so ihre Schwierigkeiten. Langsam legte sich der Schwindel etwas. Sie schloss die Wagentür und atmete mit geschlossenen Augen tief durch. Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Sie sah kurz zu Dan und rang sich ein Lächeln ab.
„Bin ne Memme, was?“
„Ach, Barbra … Du immer und dein Perfektionismus … Mit einer Lebensmittelvergiftung ist nicht zu spaßen, Schatz.“
Barbra winkte ab. „Jetzt mal nicht den Teufel an die Wand, Dan. Ich habe mir etwas den Magen verdorben, das ist alles. Und du weißt doch, dass ich große Hitze noch nie gut vertragen habe, oder?“
Dan ließ ihr Zeit, durchzuschnaufen. „Denkst du, du hältst durch bis Vegas? Mir wär´s lieber, wir würden in Primm Rast machen. Ich meine ja nur - für den Fall der Fälle …“
Barbra lächelte verzerrt. „Ich will nicht jammern, doch mir ist wirklich hundeübel. Ja, lass uns in Primm anhalten. Abgesehen davon muss ich noch immer aufs Klo, und hier draußen will ich nicht. Sind ja auch keine Hecken da, hinter denen ich mich hinsetzen könnte. Und auf eine Begegnung mit einer Klapperschlange habe ich auch keine Lust …“ Sie verzog das Gesicht.
Dan lachte kurz. „Kein Problem.“
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