Er lauschte. Es war wieder still. Hatte er sich getäuscht? Vielleicht hatte er schon geschlafen und das Geräusch nur im Traum gehört? Er beschloss, dass er sich getäuscht haben musste. Er legte sich wieder hin und zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze hoch.
»Wuhuuahuäh, Wnähubuhaua!« Da war es wieder. Mit einem Satz sprang der kleine Prinz von Lallepo zur Seite. Fluchtbereit und mit zitternden Knien stand er neben dem Bett. Das langgezogene Heulen durchdrang ihn erneut und es schauderte ihn. Er hatte sich also nicht getäuscht.
Schnell warf er sich den Morgenmantel über und schlüpfte in seine Pantoffeln. Auch wenn er sich vor dem Heulen fürchtete, er musste wissen woher es kam. Und vor allem, wer solche unheimlichen Laute hervorbringen konnte. Da es im ganzen Haus stockfinster war, nahm der kleine Prinz von Lallepo seine Taschenlampe vom Nachttisch und schaltete sie ein. Die Taschenlampe warf einen hellen Lichtkegel in den Raum, doch daneben blieb alles im Dunkeln. Trotzdem wollte der kleine Prinz lieber nicht das Licht anschalten, denn so blieb er eher unentdeckt, da er die Taschenlampe jederzeit schnell ausschalten konnte.
Der kleine Prinz von Lallepo öffnete seine Schlafzimmertür und trat in den Flur hinaus. Alles war ruhig, kein Laut war zu hören. Er ging ein paar Schritte weiter und stockte mitten in der Bewegung. »Huabuwuaah, Buuwuhuäh!« Viel lauter als zuvor erklang das Heulen im Flur, so als würde die ganze Luft um ihn herum erzittern. Der kleine Prinz von Lallepo hätte sich am liebsten schnell wieder unter seiner Bettdecke verkrochen. Doch da war noch etwas in dem Heulen, etwas, das ihn weitergehen ließ. Es war eine große Traurigkeit in dem grässlichen Heulen zu spüren. Ein Schluchzen, als hätte jemand den schlimmsten Tag seines Lebens erlebt.
Der Flur war lang und hatte viele Türen, die als dunkle Löcher im Schein der Taschenlampe auftauchten. Als das Heulen eine Weile verstummt war, ging der kleine Prinz von Lallepo auf Zehenspitzen weiter in den Flur hinein. Vor sich erkannte er die Treppe, die zum Erdgeschoss führte. Da ertönte das Heulen wieder und es kam direkt von rechts. Reflexartig wirbelte er herum und leuchtete mit der Taschenlampe. Der Lichtschein beleuchtete einen kurzen Flur mit einer großen Holztür am Ende, es war die Tür zum Turm. Der Turm war kreisrund und ragte mehrere Meter über das Dach des Schlosses hinaus. Am Ende einer langen Wendeltreppe lag der höchstgelegene Raum im Schloss, das Turmzimmer. Von hier aus konnte man weit ins Land hinausblicken und bei klarer Sicht, war in der Ferne sogar der Adlerberg zu sehen. Jetzt, mitten in der Nacht, war der Ausblick natürlich eher schwarz in schwarz. Der kleine Prinz von Lallepo war nur selten hier, denn er hatte den Turm schon immer etwas unheimlich gefunden. Ein kalter Lufthauch streifte ihn, als er zögerlich den Turm betrat, da die kalte Nachtluft durch die schmalen, unverglasten Fenster hereinwehte. Fröstelnd zog er den Morgenmantel enger zusammen um sich zu wärmen.
Vor ihm führte die schmale Wendeltreppe nach oben, an deren Ende vermutlich der Grund für das Heulen auf ihn wartete. Langsam und vorsichtig ging der kleine Prinz von Lallepo Stufe um Stufe nach oben, bis er schließlich vor einer weiteren Tür stand. Wieder erklang das schaurige Heulen. Es war sehr laut und es schien, als stünde nur noch diese Tür zwischen dem Heulen und dem kleinen Prinzen.
Sollte er die Tür wirklich öffnen? Vielleicht drohte ihm dahinter große Gefahr. Andererseits könnte da jemand seine Hilfe benötigen. Der kleine Prinz von Lallepo schaltete die Taschenlampe aus, nahm seinen ganzen verbliebenen Mut zusammen und drückte die Türklinke herunter. Lautlos schwang die Tür auf und gab den Blick ins Zimmer frei. Durch die Fenster des Turmzimmers fiel das fahle Mondlicht und beleuchtete schwach die in der Mitte des Zimmers schwebende Gestalt. Sie sah aus wie eine weiße, halb durchsichtige Nebelschwade, die der nächste Windhauch wegwehen würde. Staunend mit offenem Mund stand der kleine Prinz wie erstarrt in der Tür.
»Was ist das?«, kam es ihm über die Lippen, ohne dass er etwas sagen wollte. Die Nebelgestalt drehte sich zum kleinen Prinzen von Lallepo um und schaute ihn aus traurigen Augen an. Wieso hatte er nur etwas gesagt, das war ein Gespenst und nun hatte es ihn entdeckt. Der kleine Prinz spürte, wie Panik in ihm aufstieg und dass er nur noch weglaufen wollte. Aber er war vor Schreck noch immer wie erstarrt, unfähig sich zu bewegen. Das Gespenst rührte sich nicht und schaute ihn weiter mit durchdringendem Blick an. Doch dann wandte es den Kopf zur Seite und fing wieder an schaurig zu heulen. »Wuuaha..., ich bin so traurig, ich bin so allein.« Mit einem Mal kam der kleine Prinz von Lallepo wieder zu sich, die Angst war wie weggeblasen. Dieses Gespenst schien nicht böse zu sein, eher traurig und unglücklich. Vielleicht konnte er ihm ja wirklich helfen. »Warum bist du denn so traurig und allein?«, fragte er in den Raum hinein. Das Turmgespenst blickte weiter zu Boden. »Weil ich niemanden habe, deshalb bin ich immer allein und das macht mich so traurig«, schniefte es. »Aber du kannst dir doch jemanden suchen, damit du nicht mehr allein bist«, entgegnete der kleine Prinz. »Aber mich kann doch niemand sehen, weil ich ein Gespenst bin!« Gereizt blickte das Gespenst den kleinen Prinzen nun wieder an. »Hast du noch mehr so blöde Ideen?«, spottete es weiter. Verunsichert erwiderte der kleine Prinz: »Wieso, ich kann dich doch sehen. Etwas dünne zwar, aber doch deutlich erkennbar.« »Was? Willst du mich verschaukeln?« Mit wütendem Blick schwebte das Turmgespenst nun auf den kleinen Prinzen zu. »Bei dir spukt's wohl!« Das halb durchsichtige Gespenst schwebte nun kaum einen halben Meter vor dem kleinen Prinzen und schaute ihm grimmig direkt in die Augen. Erschrocken wich dieser einen Schritt zurück. »Hey, bleib ganz ruhig, ich will dich nicht auf den Arm nehmen, ich kann dich wirklich sehen. Schließlich spreche ich ja gerade mit dir«, sagte er mit leicht zitternder Stimme. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob das Gespenst nicht doch böse sein konnte.
»Ha, ha, das ist ja prima, du kannst mich sehen!«, rief das Turmgespenst in diesem Moment laut aus. Mit einem Schlag hatte sich seine wütende Fratze in ein freudestrahlendes Honigkuchengesicht geändert. Kurz darauf schwebte das Gespenst ausgelassen im Zickzack durch sein Zimmer und rief immer wieder: »Er kann mich sehen! Er kann mich wirklich sehen!« Der kleine Prinz von Lallepo war ein paar Schritte ins Turmzimmer getreten und schaute dem fröhlichen Gespenst schmunzelnd zu. Plötzlich hielt es inne und schoss auf den kleinen Prinzen zu. »Wer bist du eigentlich? Du wohnst bestimmt hier, oder? Wohnst du allein hier? Kannst du auch andere Gespenster sehen? Willst du mein Freund sein? Wollen wir zusammen spielen?« »Stopp«, schrie der kleine Prinz dazwischen, »du musst nach deinen Fragen auch eine Pause machen, sonst kann ich dir ja gar nicht antworten.« »Ach, papperlapapp. Ich bin viel zu aufgeregt. Bisher konnte mich noch nie jemand sehen«, quatschte das Turmgespenst erneut drauflos. »Na dann mal raus mit der Sprache, hopp, hopp.« »Also, mal sehen, ob ich das noch zusammenkriege. Ich bin der kleine Prinz von Lallepo«, fing er an. »Pffchrrr, wer bist du?«, prustete das Turmgespenst los, »der kleine Prinz von fiel ins Klo, ha, ha, ha!« »Nein, von Lallepo«, entgegnete der kleine Prinz gereizt. »Ach so, vom lila Po! HA, HA, HA!« Das Turmgespenst hielt sich nun den Bauch vor Lachen und kugelte sich in der Luft.
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