Catarine musste den Tiger verkaufen. Vom Zirkusdirektor hatte sie erfahren, dass es eine Menge privater Halter von Raubkatzen gab. Sie hatte sich auch verschiedene Adressen aufgeschrieben. Gewarnt hatte sie allerdings der Direktor vor allzugroßer Offenheit, denn das Halten von Raubkatzen sei oft nicht artgerecht und war meistens nicht erlaubt. Es stellte eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Halter und Besucher da.
Doch man würde sich untereinander schon kennen, da man sich zur Zucht ja gegenseitig brauchen würde.
Der Tiger wurde von einem Halter, der im Besitz von mehreren Raubkatzen war, gekauft und sehr schnell abgeholt. Der Preis von 3000 DM war für Catarine ok.
Für Frank und Vanessa kam eine traurige Zeit, hatten sie nun keinen Spielkameraden mehr.
Vanessa suchte den Kontakt zu ihren Mitschülerinnen, während Frank immer mehr zum Eigenbrötler wurde. Sein Interresse galt den Tieren. Er bastelte Fallen und fing Mäuse, Ratten, Marder und auch schon mal einen Fuchs, die er allesamt tötete und mit einem Skalpell, das er in einer Schublade im Badezimmer gefunden hatte, aufschnitt, um das Innenleben zu studieren.
Zu dieser Zeit machte eine caritative Organisation Catarine das Angebot, ihr Anwesen zu mieten und das
Haus für Jugendgruppen aus dem Raume Frankfurt als Jugendfreizeitlager zu Verfügung zu stellen.
Die Miete kam pünktlich und Catarine zog in die Stadt. Frank und Vanessa gingen nun auf ein Gymnasium.
Dann kam die Studienzeit. Während Vanessa Germanistik und Kunst studierte, blieb Frank seinem Hobby treu und belegte das Fach der Tiermedizin.
Nach Abschluss des Studiums, das Vanessa mit Bestnoten absolvierte, Frank hingegen gerade so durchrutschte, stieg er in eine Arztpraxis für Kleintiere ein. Zwei Ärztinnen, die bisher gut zusammengearbeitet hatten, trennten sich im Streit um einen Mann und eine machte ihren Platz frei.
Catarine Matiss wurde kurz darauf krank. Sie hatte Schmerzen im Bauch- und Darmbereich und der Arzt konnte zunächst keine genaue Diagnose stellen. Ihre Blutwerte zeigten jedoch an, dass es etwas Ernstes sein musste. Ins Krankenhaus ließ sie sich jedoch erst überweisen, als sie die Schmerzen nicht mehr aushielt. Als man im Kernspintomograph einen Schatten am Magen entdeckte, war der Krebs schon zu weit fortgeschritten und hatte Metastasen gebildet. Die Lymphgefäße im ganzen Körper waren schon betroffen.
Der Arzt gab ihr nur noch sechs bis acht Wochen. Catarine rief Vanessa und Frank zu sich und schrieb
ihr Testament. Der einzige Besitz, außer einigen
Möbelstücken in ihrer Wohnung und einige Schmuckstücke, war der Steinbruch. Dieser ging zu gleichen Teilen an die Kinder.
Während Frank darüber sehr erfreut war, ließ Vanessa ihrer Wut freien Lauf, als sie außer Hörweite der Mutter waren.
»Ein Steinbruch mit dem man nichts, aber auch nichts anfangen kann! Das ist alles was wir erben!«
»Sei doch nicht so unzufrieden. Aus dem Gelände kann man doch was machen.«
»Und was bitteschön? Hast du Geld, um dort was zu machen?«
»Na ja. Es ist abgelegen, einsam und es verirrt sich Niemand dorthin. Aber wir haben Wasser und Strom. Ich könnte eine Tierpraxis aufmachen.«
»Und mit welchem Geld willst du die einrichten?«
»Die Bank gibt mir bestimmt eine Hypothek auf das Anwesen.«
»Ach nee. Das haben wir doch schon mal probiert und es hat nicht gereicht. Die Bank kann das Gelände nicht verkaufen, weil es dafür keine Interessenten gibt. Also ist es der Bank nichts wert. Somit geben die uns kein Geld. Wir selbst können es auch nicht verkaufen, weil es keinen Käufer gibt. Was soll auch einer mit einem wertlosen Steinbruch, in dem nichts mehr gefördert werden kann?«
Frank dachte nach.
»Es gäbe noch eine Möglichkeit an etwas Geld zu kommen.«
»Und die wäre?«
»Organspende! Wenn Mama sowieso stirbt, kann sie doch ihr Herz und so weiter spenden.«
»Da wird doch nichts für bezahlt!«
»Bei der richtigen Adresse schon.«
»Das ist makaber! Und außerdem illegal. Du spinnst doch!«
»Nee, im Ernst. Wenn sie tot ist, ist ihr das doch egal.«
»Frag sie doch. Ich tu’s nicht.«
»Sie braucht das doch gar nicht zu wissen.«
»Woher kennst du solche Leute?«
»Ich kenne sie ja nicht. Noch nicht. Im Internet gibt es bestimmt Hinweise.«
»Ich will davon nichts wissen! Das ist deine Sache!«
Matiss war der Meinung, dass es sich seine Schwester zu einfach machte, sagte aber zu dem Thema weiter nichts.
Er machte sich schon am nächsten Tag schlau. Eile war geboten, da es Catarine von Tag zu Tag schlechter ging.
Er rief bei Eurotransplant an. Vielleicht würde er ja hier eine Adresse bekommen. Sicher wusste man hier über gewisse Kreise Bescheid.
Eine nette Frauenstimme sagte ihm, als er sein Anliegen vorgetragen hatte, dass sie ihn mit einem Sachbearbeiter verbinden werde.
Es knackte mehrmals in der Leitung, dann meldete sich eine Männerstimme.
»Eurotransplant Kluge. Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Matiss?«
»Wissen Sie, meine Mutter liegt im Sterben. Krebs im Bauchbereich. Aber alle anderen Organe sind nicht betroffen. Wie verläuft eine Organspende?«
»Wie alt ist denn Ihre Frau Mutter?«
»69.«
»Es gibt zwar keine offizielle Altersgrenze für eine Spende, ich befürchte aber, dass Ihre Frau Mutter mit dem Krankheitsbild Krebs für eine Spende nicht infrage kommt. Aber wollen Sie selbst nicht Organspender werden?«
»Nee. Ich lebe noch.«
»Ja, das wäre ja nur für den Fall, wenn Ihnen etwas passieren sollte. Unfall mit Todesfolge etwa.«
Matiss stellte sich unwissend.
»Wird so was im Voraus bezahlt?«
»Nein, leider nicht. Bezahlt wird das gar nicht.«
»Dann wird das nichts. Ich brauche jetzt Geld. Ich bin Veterinär und möchte mir eine eigene Praxis einrichten. Kennen Sie eine Stelle, die Organe aufkauft? Es würde mir sehr helfen.«
Es entstand eine kurze Pause und Matiss dachte schon sein Gesprächspartner hätte aufgelegt. Dann knackte es erneut in der Leitung.
»Nein. Wir kaufen keine Organe. Wir vermitteln nur. Wenn uns ein Unfallopfer gemeldet wird, geben wir die Daten an die Klinik des Patienten weiter, der an erster Stelle steht. Geben Sie mir bitte trotzdem Ihre Adresse. Für alle Fälle.«
Irgendetwas machte Matiss an dem Tonfall des Telefonpartners stutzig. Doch er erteilte bereitwillig Auskunft.
Der Herr von Eurotransplant hatte noch einige Fragen und beendete das Gespräch kurz darauf.
Zwei Wochen später verstarb seine Mutter. Vanessa leitete alles Notwendige zur Beisetzung der Urne in die Wege.
Die Trauerfeier war kurz und außer den Kindern war keiner erschienen.
Der Vater von Frank und Vanessa war schon vor drei Jahren verstorben. Da der Zirkus insolvent war und kein privates Vermögen des Direktors vorhanden war, gingen die beiden leer aus.
So fuhren sie auf Wunsch von Frank, nachdem sie in der kleinen Kapelle noch eine Kerze für ihre Mutter angezündet hatten, zum Steinbruch.
Vanessa war genervt.
»Was sollen wir da noch?«
»Schauen wir uns das Ganze mal an.«
»Frank, ich will da nichts mit zu tun haben. Meinetwegen kannst du da eine Praxis einrichten. Warum hat es eigentlich nicht mit der Organspende geklappt?«
»Sie war zu krank. Der Krebs im Endstadium. Bei Krebs und HIV positiv nehmen sie keine Organspenden mehr an.«
Als sie am Steinbruch ankamen, wurde es doch beiden etwas wehmütig ums Herz. Sie erinnerten sich, als Kinder hier mit einem Tiger gespielt zu haben.
Das Gelände war verwaist. Das Freizeitlager war schon vor einem Jahr aufgegeben worden. Vanessa und Frank Matiss besichtigten das Gebäude.
Dies sollte ihr Leben total verändern.
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