Anette Dilger - Im Haifischteich
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„Das ist ja total unprofessionell, was fällt Ihnen ein, mit meinen Kandidaten zu sprechen? Und dann auch noch so schwachsinnige Dinge zu sagen, Sie sind wirklich noch blöder als ich dachte!“ Weiß vor Wut stand die Chefin wie die böse Hexe Cruella oder ein sabbernder Bullterrier vor Anna und spuckte ihr den ganzen Hass ins Gesicht. Sie zerquetsche dabei die Gurkenscheiben, die sie wieder vom Gesicht abgenommen hatte, mit ihrer Hand, sodass die blassgrünliche Flüssigkeit auf den beigefarbenen Teppichboden lief und dunkle Flecken hinterließ. „Ja“, sagte Anna ganz ruhig, „ich war wirklich blöd, viel zu lange habe ich mir Ihre Gemeinheiten gefallen lassen, suchen Sie sich eine andere, die Sie schikanieren können, ich mache das jedenfalls nicht länger mit!“
„Na endlich“, kommentierte Patrick abends zu Hause die Kündigung seiner Freundin, „darauf hab’ ich schon lange gewartet, die Dame war echt nicht integer. Das Leben ist viel zu kurz, um sich mit schwachen Leuten zu umgeben. Aber sag doch mal Süße, wie hast Du ihn eigentlich dazu gebracht, seinen Vertrag zu unterschreiben?“
„Er war unsicher, ob der Job das Richtige für ihn wäre, da er von uns angesprochen wurde und selbst noch gar nicht nach alternativen Angeboten geschaut hatte. Er dachte, es gäbe vielleicht noch bessere Angebote da draußen, die auf ihn warten würden... Ich sagte ihm, es ist wie in einer Beziehung, es kommt nicht darauf an, draußen herumzurennen, um den besten Partner für sich zu finden, sondern wenn man sich wohl fühlt in einer Beziehung, dann ist man angekommen. Es gibt bestimmt immer noch mehr Menschen, die vielleicht viel besser passen würden, darauf kommt es aber nicht an, sondern nur, ob man glücklich ist.“
Ihr Leben an Patricks Seite fühlte sich für Anna richtig an. Mit ihm hatte sie das Gefühl, endlich angekommen zu sein und ein Zuhause zu haben. Außerdem konnte Patrick stundenlang tief entspannt auf der gemütlichen Rolf Benz-Couch im Wohnzimmer zubringen, in der einen Hand sein neustes iPhone 6, seine Informationsquelle, um brandheiße Themen zu recherchieren, die für seine IT-Firma relevant sein könnten, im anderen Arm seine anschmiegsame Anna, die er zärtlich kraulte wie ein Kätzchen.
Es fühlte sich alles so gut an für Anna. Seit der Schulung war sie sich ganz sicher, dass es ihr Traumberuf war, Immobilienmaklerin zu sein. Es ist ein vielseitiger Beruf. Neben Fachkenntnissen aus dem Immobilienbereich benötigt man auch psychologisches Einfühlungsvermögen bei den Kunden, Verkaufsgeschick, ein gutes Auge, um ansprechende Fotos zu schießen, sowie sprachliche Ausdrucksstärke für die Exposés. Ja, und natürlich ein Talent dafür, neue „Objekte“, Häuser und Wohnungen zu finden, die verkauft werden sollten. Vor allem gefiel Anna die Vorstellung, neue Häuser zu entdecken und dann für jedes Haus die Besonderheit, das einzigartig Schöne herauszuarbeiten und die Kunden dafür zu begeistern.
Anna hatte ihr „Rundumsorglos-Leben“ bereits vor zwei Jahren aufgegeben, als sie sich nach fast 20 Jahren Ehe von ihrem Mann Norbert scheiden ließ. Norbert beeindruckte die damals erst 20-jährige Anna durch seinen starken Willen, ein Wangengrübchen und seine Naturverbundenheit.
Sie lernten sich in München beim Studium kennen. Anna studierte Theaterwissenschaften und er BWL. Norbert nahm sie mit in die Berge, brachte ihr bei, wie man klettert, mit Pickel und Steigeisen umgeht und wie man auf eiskalten Hütten ohne Wasser und Klo übernachten konnte. Nachdem die erste Phase der Verliebtheit vorbei war, musste Anna erkennen, dass Norbert immer öfter ohne sie auf Bergtouren gehen wollte, da Anna ihm zu langsam war, und sie außerdem auch auf einer guten und regelmäßigen Brotzeit bestand, was ihn zusätzliche Zeit und Höhenmeter kostete. Oft saß sie dann stundenlang alleine auf den Hütten unterhalb des Gipfels, aß Leberknödel-Suppe, Kaiserschmarren und später am Nachmittag Apfelstrudel und Käsebrote, bis Norbert nach vier bis sechs Stunden, zwei Gipfelbesteigungen und 1500 gestiegenen Höhenmetern wieder herabkam.
Entgegen ihrem Bauchgefühl heiratete sie ihn trotzdem und zog mit ihm nach Stuttgart, wo er sich bei Mercedes vom hoffnungsvollen Trainee bis zum „Marketing Leiter Europe“ hocharbeitete. Er verbrachte viel Zeit im Ausland auf irgendwelchen „Global Meetings“, zu denen Anna nie mit durfte. Meistens verband Norbert seinen Businesstrip auch noch mit einer Bergbesteigung oder zumindest mit einem Marathon und ließ Anna alleine zuhause in der Dreizimmerwohnung und mit den 597.939 Stuttgarter Schwaben. Anna hasste den schwäbischen Dialekt und war nur mäßig begeistert von der üppigen kalorienreichen Küche, die im krassen Gegensatz stand zu der ansonsten sparsamen und geizigen Art der Schwaben. Außer seinen Schweiß durchtränkten Finisher-Shirts aus New York, Tokio, Dubai, San Francisco, vom Kilimandscharo, Athen und Paris brachte er Anna ein Parfum aus dem Duty free-Shop mit und achtete stets darauf, nur Angebote zu kaufen. Norberts Familie stammte ebenfalls aus Schwaben.
Als Anna vor zehn Jahren das Haus ihrer Großeltern in Kronberg erbte, konnte sie Norbert überzeugen, sich nach Frankfurt versetzen zu lassen. Norbert nahm einen Kredit auf, und die beiden sanierten den in die Jahre gekommenen Altbau, sodass sie in das kleine Haus in der Gartenstraße einziehen konnten. Die Wochenenden verbrachte das Paar meist mit Mountainbikefahren im Taunus. Über den Herzberg und die Saalburg ging es zum Sandplacken, anschließend zum Feldberg, dann weiter nach Oberems, hoch nach Schmitten, von dort wieder zurück Richtung Fuchstanz, vorbei an den Restaurants und gemütlich sitzenden Radfahrern und dann eben mal schnell noch auf den Altkönig, um dann wieder bergabwärts nach Kronberg zu sausen. War es zu kalt oder regnete es, beschloss Norbert, mit ihr stundenlange Jogging-Touren zu unternehmen, sodass Anna sich fragte, ob die Couch im Wohnzimmer nur für ihre Gäste da war. Der Vorteil dieser Wochenend-(tor)-Touren war, dass sie einen perfekten Body-Mass-Index von gerade mal 18 vorweisen konnte und beim jährlichen Ärztecheck vom untersuchenden Hausarzt anerkennend bestätigt bekam, sie hätte die Fitness eines Silbermedaillen-Gewinners im Fechten. Woher diese Tabellen mit den Vergleichen kamen, wusste der Arzt nicht und Anna vermied es, Norbert dies zu erzählen, da sie fürchtete, er würde sie antreiben, beim nächsten Check-up den Fitnessstand des Goldmedaillen-Gewinners zu erreichen. Die Ehe der beiden blieb zum großen Bedauern von Anna kinderlos. Sie schaffte es nicht, den Zeitpunkt ihres Eisprungs passend zu den kurzen Stopps ihres Mannes zu Hause zu verlegen.
Dieses „Rundumsorglos-Leben“ an der Seite eines gutverdienenden Mannes, der nie da ist, teilte Anna mit vielen weiteren „Leidensgenossinnen“ der Kronberger besseren Gesellschaft, die mit ihren großen SUVs zwischen Champagner-Frühstück, Fitnessstudio und den drei noblen Bekleidungsboutiquen am Ort herumfuhren, um sich zu zerstreuen. „Es gibt hier auch Frauen mit Tiefgang, die andere Probleme haben als einen abgebrochenen Fingernagel“, entgegnete dann Annas Freundin Karin entschieden, wenn Anna die Kronberger Damen zu kritisch und einseitig darstellte. Karin war ihre beste Freundin in Kronberg und obwohl die beiden in vielen Aspekten sehr unterschiedlich waren und auch unterschiedlich über das Leben dachten, war es vor allem die Herzlichkeit, die Offenheit und der Humor, der die beiden verband. Karin war schließlich Scheidungsanwältin und ihre Kanzlei boomte. Sie wusste, dass es hier auch ernsthafte Probleme gab. Vor allem nach einer Scheidung. Aber auch vorher. Kronberg lohnte sich.
Auch der Bürgermeister von Kronberg war stets bemüht, ein ausgewogenes Image von Kronberg zu entwerfen. Kronberg sollte für jedermann erschwinglich sein. Junge Familien sollten ein neues Zuhause in Kronberg finden können. „Die Anzahl der Bürger im Alter von 20-40 Jahren ist in Kronberg weit unter dem Landesdurchschnitt“, gab der Bürgermeister bei jeder Magistratssitzung zu verstehen und versuchte sich Gehör zu verschaffen. Nur der erste Stadtrat nickte zustimmend. Als Einziger half er alleine schon dadurch, dass er mit seinem „jugendlichen“ Alter den Schnitt des Magistrats senkte. „Die Überalterung unserer Stadt muss aufgehalten werden“, so der Tenor des wild entschlossenen Bürgermeisters und wie einst der mutige „Ritter von Kronberg“ war er bereit, für seine Sache in die Schlacht zu ziehen und furchtlos zu kämpfen. Deshalb versuchte er bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, aber außer ihm wollte das sonst keiner in Kronberg. Die alteingesessenen Kronberger, die entweder im Rentenalter in den noblen „Rosenhof“ einzogen oder im „Altkönig-Stift“ ihren Lebensabend verbringen wollten, versuchten so viel wie möglich aus ihren alten Häusern rauszuholen. Ihnen war der „Hype“ auf das „weiße Gold“ nach der Finanzkrise von 2009 ein willkommener Anlass, Höchstpreise aufzurufen. Der knappe, begehrte Wohnraum sollte auch weiterhin knapp und begehrt bleiben. Und jeder Versuch der Stadt, Neubauwohngebiete auszuweisen, gipfelte in einer Bürgerinitiative gegen das geplante Bauvorhaben. Kronberg rangierte auf Platz 1 bei der Jagd auf die besten Häuser im Taunus. Die Schönen und Reichen oder auch die Reichen, die nicht so schön waren, standen Schlange, sobald ein neues Haus auf den Markt kam. Es war „hipp“, im Taunus zu residieren und in Frankfurt zu arbeiten und wer es sich leisten konnte, zog hierher. Der offizielle Bodenrichtwert von 750 Euro pro Quadratmeter Grund in den Toplagen wurde fast ausnahmslos überschritten. Quadratmeterpreise bis zu 1500 Euro bezahlte man zähneknirschend, nur um einen Platz im am Fuße des Altkönigs gelegenen Örtchens Kronberg zu ergattern. In der Regel standen diese Neuzugezogenen meist mitten im Leben und waren 40+. Das Geld für das Grundstück mit dem alten Haus aus den Siebzigern, welches dann meistens einer Abrissbirne zum Opfer fiel, musste schließlich erst verdient werden. Es sei denn, man hatte geerbt. Diese „Erb-Reichen“ gab es in Kronberg auch, mal mit und mal ohne Adelstitel. Das Alter dieser Kronberger Bürgerspezies rangierte von 50+ - 90+.
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