Anette Dilger - Im Haifischteich
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Das „Jimmys“ im Schlosshotel Kronberg war die beste Bar weit und breit im Taunus und hatte jeden Tag bis mindestens 4.00 Uhr geöffnet. Wenn man nicht mehr fahren konnte, und das kam schon mal vor - denn Luca, der Barkeeper und das Herz dieser Bar, mixte hervorragende Drinks - dann konnten Anna und Patrick zu Fuß gehen oder, wenn auch das nicht mehr möglich war, konnte man mit dem Taxi die 800 Meter nach Hause rollen.
Anna liebte diese Bar, die, mit ihrem angestaubten altenglischen Interieur und echten Goyas an den Wänden, eine zeitlos gemütliche Atmosphäre verbreitete und die verschiedensten Leute aus der Gegend anzog. Da sie und ihr Freund sehr kommunikativ waren, lernten beide auch immer interessante Leute kennen.
„Hallo Luca, drei Gläser Champagner bitte, Du musst mit uns trinken, es gib was zu feiern“, lachte Anna ihn an. „Schön, dass ihr wieder da seid, ihr süßen Turteltäubchen, zeig mal Deine Hände, Anna.“ „Autsch“, dachte Anna, „nein, verlobt sind wir noch nicht“, aber das konnte heute ihre gute Laune nicht wirklich trüben. „Nee, wir feiern heute meinen neuen Job, ich werde bei Drängl & Melkers als Immobilienmaklerin anfangen. Suchst Du ein Haus, mein Schatzi?“, fragte sie scherzhaft. „Super, meine Hübsche, das passt zu Dir, freue mich für Dich, fängst Du hier im Taunus an?“ „Nee, hier haben sie leider niemanden gesucht, ich bin in Frankfurt in der Innenstadt, in der Nähe der Börse.“
“Excuse me guys, do you mind if I introduce myself“. Ein ungefähr 50 Jahre alter Mann, der neben ihnen am Tresen stand, sprach die beiden an. „Wow“, dachte Anna, „der sieht aber echt unverschämt gut aus, im schwarzen Zegna-Anzug, wie George Clooney, grau-meliert, durchtrainiert, markantes, schmalgeschnittenes Gesicht.“ Er hatte ganz feine gepflegte Hände, die sogar manikürt waren, wie Anna fachkundig feststellte. Hände waren ihr extrem wichtig, und sie bildete sich ein, über die Hände auch Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen zu können. Anna zog unauffällig ihre eigenen Hände vom Tresen zurück, da sie schon länger nicht mehr in einem Nagelstudio gewesen war und sich in Anbetracht dieser makellosen Hände und des makellosen Kerls etwas unsicher fühlte. “My name is Johnny and I would like to invite you for a drink. I just got a new job and I’d like to celebrate with you guys.“ “Congratulations to you“, antwortete Patrick und Anna lächelte ihn verzückt an und sagte: “But we can only accept if you will have another one on me. I’ve got a new job, too!“
Johnny Truman war amerikanischer Investmentbroker und hatte gerade seinen Vertrag bei der Deutschen Bank in Frankfurt unterschieben. Von Merrill Lynch in New York hatte er zudem eine satte Abfindung bekommen, sodass er allen Grund zum Feiern hatte. Er und sein junger Liebhaber David, der ein bekannter Musical-Star am Broadway war, suchten nun ein schnuckeliges kleines Penthouse in Frankfurt: “Nothing spectacular, I just want to spend about two million Euro. Anna Baby, do you think you will find me a decent space to live?“ Da war Anna sich ganz sicher, dass sie für ihn was Tolles finden würde. Was für ein Tag, erst der Vertrag und dann noch gleich einen tollen Kunden, der ein Pfundskerl war, was sollte jetzt noch kommen?
Der Abend wurde extrem lustig. Nach dem Whisky Sour folgte ein Mai Tai und schließlich kam noch ein Prince von Wales, der Anna aber nicht sonderlich schmeckte, was aber nichts machte, da sie sowieso schon zu viel getrunken hatte. Sie sang stattdessen ihren Lieblingssong “I am what I am“ in Begleitung des ukrainischen Pianisten Karl, der einiges gewöhnt war aus Jimmys Bar und ihr freundlich zunickte, obwohl sie ziemlich danebenlag. Es schien aber keinen zu stören, vielleicht waren die anderen Gäste auch unmusikalisch, betrunken oder einfach nur in ihre Gespräche vertieft, jedenfalls wurde sie nicht zum Aufhören genötigt oder wie in diesen amerikanischen Spielfilmen geschultert und rausgetragen. Sie hörte aber ganz von alleine auf, als sie nämlich nach dem Glas griff, das sie auf dem Flügel abgestellt hatte und dabei ins Leere fasste, das Gleichgewicht verlor und quer auf dem Schoss des verdutzten Pianisten Karls landete.
„Schatzi, hatten wir gestern noch Sex?“, wollte Anna am nächsten Morgen wissen, als sie mit einem ordentlichen Brummschädel und einem sehr flauen Gefühl im Bauch aufwachte. „Sag bloß, Du weißt das nicht mehr? Du warst so wild und leidenschaftlich, hast mich total angemacht.“ „Ehem, ja sorry, jetzt erinnere ich mich wieder“, log Anna, die sich noch nicht mal daran erinnern konnte, wie sie vom Schlosshotel nach Hause gekommen waren. Patrick grinste breit. „Du Schuft, hast mich reingelegt, na warte!“, rief Anna und warf sich auf ihn und kitzelte ihn, bis er aus dem Bett sprang und ins Bad flüchtete.
Am Frühstückstisch fragte Patrick: „Wo ist denn eigentlich der Vertrag, zeig ihn mir doch mal bitte, meine süße kleine Immobilienmaus, ich bin ja so stolz auf Dich!“ Anna holte den Vertrag und legte ihn auf den Tisch.
„Und Du bist sicher, dass Du kein Grundgehalt bekommst? Und kein Handy und keinen Zuschuss zum Sprit? Also gar nichts im Prinzip - tolles Geschäftsmodell, sollte ich mal in meiner Firma einführen!“ „So kann man das ja nicht sehen“, entgegnete Anna, „schließlich habe ich dort einen Arbeitsplatz, bekomme die ganze Infrastruktur geliefert, brauche mich um Werbung und Marketing nicht zu kümmern, sondern kann mich voll auf das Verkaufen von Immobilien konzentrieren. Das ist super für mich. Klar, am Anfang wird es hart sein und es kann einige Monate dauern, bis ich Geld verdienen werde.“ Dass sie ihre „Rücklagen“ inzwischen fast aufgebraucht hatte, verschwieg sie ihm zu diesem Zeitpunkt. Die einwöchige Schulung, die Anna als Voraussetzung für den Vertrag in Berlin in Drängl & Melkers Schulungszentrum absolvieren musste, hatte sie weit über 2000 Euro gekostet. Flug und Hotel dorthin musste sie ebenfalls selbst zahlen. Es hatte sich aber gelohnt. Sie lernte dort alles über das ausgefeilte Marketingsystem der Firma. Rechtliche Themen wurden behandelt, welche Dokumente für den Verkauf notwendig sind, wie ein Grundbuch aufgebaut ist, was eine Baulast ist, wo man eine Flurkarte bestellen kann und wie man eine Besichtigung vorbereitet, durchführt und welche Verkaufsargumente gebracht werden sollten. Die Prüfung entsprach von den Anforderungen und dem Umfang her jener der IHK und ging über mehrere Stunden. Anna schnitt dort als Kursbeste mit einer Auszeichnung ab.
Als Patrick in seine Firma fuhr, legte Anna sich auf ihre neue schwarze Rolf Benz-Couch und genoss ihren letzten freien Tag mit einem großen Latte Macchiato und einer Trüffelpraline mit weißer Schokolade. Dazu legte sie ihre Lieblings-CD von Nora Jones auf, die konnte sie ohnehin nur hören, wenn Patrick aus dem Haus war, da sie ihn mit dieser CD schon überstrapaziert hatte. Anna gehörte zu der Sorte Menschen, die eine CD so lange hörten, bis sie sie wirklich nicht mehr ertragen konnten, und das konnte schon einige Monate dauern. Eine geliebte CD hatte schon etwas Rituelles für sie, kaum aufgelegt, entspannte sie sich.
Sie war sehr froh und erleichtert, dass sie den Entschluss gefasst hatte, in ihrer alten Firma, einer Personalberatungsagentur, zu kündigen. Sie erinnerte sich noch an ihr Einstellungsgespräch vor zweieinhalb Jahren, als ihr eine der beiden Partnerinnen der kleinen Firma, Frau Krätzel-Wolf, gegenübersaß. In dem einstündigen Interview mit Anna erwähnte sie mindestens dreimal, dass sie hier hochprofessionell arbeiteten und dass hohe Anforderungen an die Angestellten gestellt würden. In dem Glauben, als Junior-Beraterin eingestellt zu werden, entpuppte sich ihre Tätigkeit immer mehr als reine Assistentenstelle, böse gesagt, sie wurde als Büro-Tippse missbraucht. Dabei fing alles so gut an. Der Seniorpartner nahm sie gleich zum Kunden mit und sie brillierte dort. Vielleicht zu sehr, denn das war das einzige Mal, dass sie raus durfte aus dem kleinen eiskalten Büro im Nordend. Sommers wie winters lief dort eine Klimaanlage, um die Luftzufuhr zu sichern, da der Raum aus einem ehemaligen Archiv einer Anwaltskanzlei notdürftig als Büro hergerichtet wurde. Es gab nur ein winziges Fenster in dem langen schlauchartigen Büroraum. Die Klimaanlage kühlte einst die Lagerräume eines Fleischers, der im guten verschwägerten Kontakt zu dem Chef der Agentur stand, da er die ältere Schwester seiner Frau geheiratet hatte. Man munkelt, dass die Hochzeit vom Vater der Braut selbst arrangiert wurde, da die Tochter eine Hautkrankheit hatte, die eine extreme Pigmentstörung zur Folge hatte und ihr Gesicht fleckig erschienen ließ wie das Fell eines Dalmatiners. Als sie 32 Jahre alt wurde und immer noch Jungfrau war, brachte der Vater sie kurzerhand unter die Haube. Der Metzgersohn hingegen, mit dem sie verkuppelt wurde, war kurzsichtig und farbenblind, sodass er, wenn er die Brille abnahm und seine Braut vor dem Schlafengehen küsste, zwar nicht immer ihren Mund traf, sich aber dafür einbildete, mit Angelina Jolie das Bett zu teilen. Sicherlich war das Versprechen des Vaters, ihm bei seinem Geschäftsaufbau mit 47.000 Euro zu unterstützen, auch hilfreich gewesen für das Anbahnen der Hochzeit. Die Klimaanlage für das Kühlhaus jedoch war von einer amerikanischen Firma geliefert worden, die sich aber scheinbar verrechnet hatte, denn diese Klimaanlage hätte auch komplett die Jahrhunderthalle in Höchst zur Eissporthalle herunterkühlen können. Sie war für den 15 Quadratmeter großen Kühlraum vollkommen überdimensioniert, sodass diese extreme Kühlung der Ware schadete. Die Klimaanlage musste ausgewechselt werden und so wanderte das gute Stück in das kleine Büro im Nordend. Der extrem hohen Krankheitsrate der Mitarbeiter zum Trotz, die sich ganzjährig dieser eisigen Kälte aussetzen mussten, freute sich der kostenbewusste Chef über die brillante Lösung, diesen Abstellraum mit Hilfe der geschenkten Klimaanlage für seine Angestellten nutzen zu können. Nur die Büros der Partner waren hell und freundlich mit großen, luftigen Fenstern. Die drei Angestellten aber hausten in der eisigen, dunklen Gruft. Annas Talent wurde nicht erkannt, bzw. unterdrückt. Als sie mit einem unsicheren Kandidaten über eine Stunde telefonierte, weil ihre Chefin sich gerade mit einer Gurkenmaske zurückgezogen hatte und Anna Anweisungen gegeben hatte, unter keinen Umständen gestört zu werden, konnte sie ihm, Peter Kraus, einem vielversprechenden jungen Chemiker, die nötige Sicherheit geben, den Vertrag bei einem Schweizer Pharmaunternehmen zu unterschreiben.
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