Diese Größe kam Nandor jetzt zugute. Mit seiner Länge passte er nicht vollständig auf die Couch. Seine Füße hingen über die seitliche Sitzfläche herunter. Dennoch fühlte er sich besser im Zustand des Liegens. Er versuchte, über die Situation nachzudenken, um Klarheit zu gewinnen.
Als typischer Naturwissenschaftler befand er sich in einem Dilemma. Einerseits war der Glaube für ihn etwas Irreales, etwas, das nur für die Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft Bedeutung haben konnte. Andererseits war er unversehens von einem Phänomen betroffen, das aufgrund seiner Erfahrungswelt nicht existieren konnte.
In seinem Bewusstsein traten plötzlich frühere Mitschüler, Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzte auf. Sie machten ihm in Gedankenbildern Vorwürfe, sie abgewertet zu haben, sie verleumdet zu haben, von ihnen negativ gedacht und gesprochen zu haben.
Er konnte diese Vorwürfe nicht akzeptieren. Wie sollte jemand wissen, was er über ihn gedacht hatte? Wie sollte jemand sich noch nach 30 oder mehr Jahren daran erinnern können, was er über ihn an Negativem zu anderen gesagt hatte?
Wie sollte es falsch gewesen sein, wenn er in seinen Artikeln für eine Fachzeitschrift andere Wissenschaftler als unfähig bezeichnet hatte, weil sie eine andere Meinung vertraten als er? Wenn er sie für unfähig hielt, dann waren sie es auch! Wie konnten ihm Hochmut und Arroganz vorgeworfen werden, wenn er der fachlich Bessere und der mit dem höheren Ansehen in der Gesellschaft war?
Er hatte sich nur so verhalten, wie er es in seiner Berufslaufbahn von seinen Vorgängern und anderen seiner Vorbilder gelernt hatte. Das konnte doch nicht falsch gewesen sein, wenn sich viele Wissenschaftler und Spezialisten ihres Fachs mit hohem Ansehen und hohem Einkommen stets so verhalten haben, dass sie oft ihre Konkurrenten abgewertet hatten.
Es war immer wieder "gepredigt" worden, dass man seine Ellbogen benutzen müsse, um an die Spitze zu kommen. Man müsse alle vorhandenen Mittel einsetzen, um an die Macht zu kommen. Nur so könne man in der Gesellschaft sein Wissen und seine Erfahrungen bestmöglich einsetzen. Nur die Stärksten und Besten sind wichtig für den Erfolg und das Überleben der Menschheit, hatte der englische Forscher Darwin herausgefunden.
Die Kirchen haben oft gelehrt, dass auf den Reichen und den Mächtigen, den Menschen mit hohem Ansehen, der Segen Gottes ruhe. Alle diese Gedanken setzte Nandor als typischer Naturwissenschaftler seinen Gedankenbildern mit Vorwürfen sündhaften Handelns entgegen. Aber es half ihm nicht. Sein Sündhaftes war stärker und ließ sich aus seinem Bewusstsein nicht verdrängen.
Der typische Naturwissenschaftler bekämpfte selbstverständlich seine Halluzinationen des Sündhaften und seine Schmerzen mit der modernen Medizin. Der Gedanke, das Mittel des Vergebungsprozesses zu nutzen, war ihm fremd.
Auf das Mittel der Vergebung konnte man sich nicht verlassen. Da kam es wieder nur auf den Glauben an. Dagegen konnte man sich auf die Erfolge der modernen Medizin verlassen. Das hatte sie unter Beweis gestellt. Daher nutzte auch Kyle Nandor die Errungenschaften der Pharmaindustrie. Er nahm die Pillen ein, die ihm sein Arzt verschrieben hatte.
Aber bei diesem neuen Krankheitsbild des Sündhaften halfen auch die Schmerzmittel und Tranquilizer und die Antidepressiva jeweils nur sehr kurze Zeit. Dann musste Nandor erneut Tabletten einnehmen. Sie waren zumindest eine kleine und kurzfristige Hilfe.
Nandor tröstete sich mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Als Naturwissenschaftler konnte er auf die so überaus leistungsfähige Pharmaindustrie vertrauen. Sie würde sehr schnell ein Medikament entwickeln, das den ganzen Spuk mit dem Sündhaften und den damit verbundenen Schmerzen zum Verschwinden bringen würde.
Doch dieser "Glaube" erwies sich als ein Irrtum!
Daneben glaubte Nandor noch daran, dass der Spuk des Sündhaften verschwinden könnte, wenn der Piratensender mit seinen Sendungen zur Botschaft der Vergebung ausgeschaltet sein würde. Deshalb musste dieser Sender kurzfristig gefunden und ausgeschaltet werden.
Seine Logik war, dass Vergebung nur dann nötig sein könnte, wenn überhaupt Sündhaftes als solches von einem Menschen erkannt und akzeptiert würde. Wenn ein Mensch sein Denken und Handeln nicht als sündhaft betrachtet, braucht er auch nicht um Vergebung zu bitten.
Im Leben der Menschen auf der Erde, so dachte Kyle Nandor, ist ihr Denken und Handeln gut oder böse. Beides gehört in jedem Fall zum Dasein der Menschen. Es kann deshalb nicht jedes ungute oder böse Handeln eine Sünde sein.
Der religiöse Begriff der Sünde bezeichnet ein Fehlverhalten gegenüber Gott sowie auch ein Fehlverhalten gegenüber einem oder mehreren Menschen. Wer die Existenz eines fernen Gottes nicht akzeptiert, kann auch keine Sünde wider ihn begehen.
Auch böses Verhalten gegenüber Mitmenschen oder Tieren kann kein Fehlverhalten sein, weil das Böse schon bei der Geburt im Menschen angelegt sei, ebenso wie das Gute. Gut und Böse müssen von allen akzeptiert werden, weil es zum Leben der Menschen gehöre. Diese Gedanken gefielen Nandor. Nun brauchte er nichts in seinem Leben zu ändern.
Nandor sagte sich immer wieder, dass er keinen Menschen getötet und keinen Menschen bestohlen habe. Also könne es für ihn auch dann nichts Sündhaftes in seinem Leben geben, wenn er die Existenz von Sündhaftem als theoretische, wenn auch unbewiesene, Möglichkeit in Betracht ziehen würde. Mit dieser Logik tröstete sich Nandor und hoffte auf eine kurzfristige Beseitigung seiner Schmerzen und quälenden Gedankenbilder.
Seine Gespräche mit Ingenieuren und Physikern beim FBI und den TV-Sendern NBC und CBS bestärkten ihn in seiner Ansicht, weil diese so dachten wie er. Auch diese Erfahrung beruhigte ihn und bestärkte ihn darin, sein angeblich Sündhaftes zu ignorieren.
Bei diesem Gedanken lächelte er. Er war von seinen vielen Gedanken gegen die Flut des Sündhaften in seinem Bewusstsein müde geworden. Er spürte die Unbequemlichkeit seiner Couch nicht mehr und schlief ein.
Am Donnerstagnachmittag, 2 p.m., hatten sich im kleinen Konferenzraum des J. Edgar Hoover Building in Washington D.C. die Ingenieure vom FBI mit ihrem Teamleiter und die Teamleiter und stellvertretenden Teamleiter der technischen Teams der Sender NBC und CBS versammelt.
Die Besprechung wurde von Dr. Kyle Nandor geleitet, dem wissenschaftlichen Berater des FBI. Nandor bearbeitete beim FBI alle Probleme auf dem Gebiet der Physik. Er fühlte sich trotz der Ruhepause am Vormittag erschöpft. Nandor musste diese Besprechung so gut wie möglich hinter sich bringen und noch dem Direktor des FBI Bericht erstatten. Dann würde er nach Hause gehen und sich ins Bett legen.
Für die im Konferenzraum versammelten Spezialisten ging es darum, über ihre bisherigen Arbeitsergebnisse zu sprechen und über zukünftige Maßnahmen zu beraten.
Die Teamleiter von FBI und den Sendern NBC und CBS sowie ihre anwesenden Stellvertreter fühlten sich nicht gut. Sie hatten sich ursprünglich krankgemeldet. Aber die Vorgesetzten hatten sie gebeten, wenigstens halbtags ihre Arbeit zu machen, weil zu viele andere Spezialisten krank waren.
Auf dem Tisch des Konferenzraums standen 2 Schüsseln mit Schmerztabletten und Tranquilizern und eine Schale mit Antidepressiva. Es war inzwischen in vielen Büros üblich geworden, die noch halbwegs arbeitsfähigen und arbeitswilligen Spezialisten mit den benötigten Medikamenten zu versorgen.
Sie konnten ihre eingeschränkte Arbeitskraft auf wichtige Aufgaben konzentrieren, statt vor Drugstores auf die Lieferung von Medikamenten zu warten.
Am Anfang der Gesundheitskrise wollte keiner der Manager und Top-Spezialisten den Eindruck erwecken, unter den gleichen Halluzinationen und Wahnvorstellungen des Sündhaften im eigenen Bewusstsein und den körperlichen Schmerzen zu leiden wie so viele Amerikaner.
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